Ich schätze einen meiner Arbeitskollegen sehr und er ist ein wahrer Freund. Doch nervt mich an ihm etwas. Fast in jedem gesprochenen Satz verwendet er das Wort «schnell»: «Warte schnell»; «ich muss noch schnell»; «ich hole noch schnell Geld ab»; «komme schnell» …

Mir ist diese exzessive Verwendung des Wortes «schnell» schon länger aufgefallen und seitdem versuche ich meinen Kollegen dafür zu sensibilisieren. Er soll das Wort «schnell» nicht so masslos gebrauchen. Dies ist aber einfacher gesagt als getan. Er gibt sich wirklich Mühe, aber die Gewohnheit steckt tief in ihm. Oft weicht er jetzt auf ein Synonym aus, wie «geschwind», «hurti» … Und wenn es ihm doch gelingt, das Wort «schnell» oder eine Alternative dafür auszulassen, legt er oft eine Pause beim Reden ein und man merkt, dass etwas fehlt. Dann schauen wir einander schweigend an und wissen, worum es geht.

Ich habe lange Zeit gemeint, dass es sich dabei um eine persönliche Marotte meines Freundes handelt. Ich dachte, dass er dauerhaft im Stress ist, von einem Ort zum anderen rennt und innert kürzester Zeit einen ganzen Aufgabenkatalog abarbeiten muss. Als Pfarrer versuchte ich ihm natürlich zu helfen und seinen Lebensstil zu «korrigieren»: Entschleunigung war das Motto.

Seit einer gewissen Zeit fällt mir aber auf, dass es nicht seine persönliche, sondern vielmehr eine Gewohnheit der Bevölkerung in Solothurn und Umgebung ist. Ich höre das Wort «schnell» überall und immer wieder. Fast jeder verwendet es in der gesprochenen Sprache. Die Gewohnheit ist hier sehr verbreitet und auch ansteckend. Unbewusst ist das Wort «kurz» in meinem Vokabular zum Modewort avanciert: «Ich muss noch kurz auf …», was dasselbe wie «schnell» meint. Mein Freund deutet diese Entwicklung als Fortschritt: Sie zeige, dass meine Integration gelungen sei.

Ich weiss nicht, ob diese solothurnische Gewohnheit schon das Thema einer wissenschaftlichen Abhandlung war. Selber habe ich eine Hypothese dazu, aber mein Freund meint, dass sie sehr gewagt sei. Er denkt, es werde garantiert Leserbriefe hageln, wenn ich sie in dieser Kolumne veröffentliche. Aber ist es nicht so, dass die Zürcher als schnell und die Berner eher als langsam eingestuft werden? Könnte es nicht sein, dass wir Solothurner so schnell wie die Zürcher sein wollen, aber innerlich wie die Berner ticken? Gebrauchen wir deswegen das Wort «schnell» wie einen Beschleuniger, damit wir scheinbar schneller sind, als wir wirklich sind? Wie gesagt: Es ist nur eine Hypothese! Die Menschen in Solothurn haben ausserdem noch folgende besondere Redewendung: «Ich muss langsam pressieren.» Ist damit aber eigentlich nicht «schnell» gemeint? Ich komme langsam, aber sicher nicht mehr nach.
Jetzt sind Ferien und ich sehe meinen Arbeitskollegen kaum. Es wäre aber spannend zu beobachten, ob er nun in den Ferien das Wort «schnell» auch so oft benutzt oder ob diese Gewohnheit hauptsächlich mit der Arbeit verknüpft ist.

Diese Frage lässt sich aber kaum so schnell beantworten.

Koen de Bruycker ist Pfarrer der Reformierten Kirchgemeinde der Stadt Solothurn.