Kein Unternehmen hat die Industriegeschichte und die Gesellschaftsentwicklung im Kanton Solothurn in den vergangenen 200 Jahren so geprägt wie die Von Roll. Vom einstigen Welt-Unternehmen, welches für ganze Ortschaften eine Lebensgrundlage schuf, sind heute nur noch Minimalstrukturen am Leben. Entsprechend haben sich Industrie, Wirtschaft und Gewerbe im Kanton Solothurn verändert, sich neuen Gegebenheiten angepasst – anpassen müssen.

Einzelne Entscheidungsträger der Von Roll hatten schon immer darauf geachtet, dass ihre Werke, ihre Arbeit und ihre Liegenschaften in Wort und – im
20. Jahrhundert besonders – auch im Bild festgehalten wurden. Derzeit ist im Historischen Museum Olten die Ausstellung «Von Roll – 200 Jahre Metallindustrie» zu sehen, und parallel dazu ist nun ein grosser Fotoband unter dem Titel «Von Roll Eisenwerk Fotografie» erschienen. In diesem rund 300-seitigen Bildband wird der Blick von den Anfängen des Unternehmens bis zur heutigen jüngsten Geschichte gerichtet. Die einzelnen Produkte und Produktegruppen der jeweiligen Standorte Gerlafingen, Klus-Balsthal, Olten, Bern, Breitenbach, Choindez, Rondez, Monteforno und Zürich sind zu betrachten.

Besonders Augenmerk wird den identitätsstiftenden Produkten wie den Hydranten, Kanaldeckeln, Maschinenteilen oder den Seilbahnen geschenkt, aber auch den Arbeitsabläufen in den Giessereien oder Walzwerken. Zu verdanken ist die Vielfalt von Fotografien verschiedenen unbekannten Werksfotografen, aber auch Könnern wie Franz Gloor, Roland Schneider, Hansruedi Riesen oder Daniel Aebli. «Es ist keine einfache Geschichte», die in der noch bis Ende Oktober laufenden Ausstellung im Historischen Museum Olten und im erwähnten Bildband zu erzählen ist, schreibt Kuratorin Karola Dirlam in ihrem Beitrag «Tradition und Engagement – Spuren der Von Roll» im Buch. Vor allem die Aufarbeitung der jüngeren Geschichte erwies sich als kompliziert. Aufspaltungen, Übernahmen, Werkschliessungen machen die Recherche schwierig, und oft war es nur der Zufall, der über Noch-Vorhandensein von Unterlagen entschieden hat. Viel Foto-Archivmaterial ist heute glücklicherweise im Fotomuseum Winterthur zu finden. Da Archivunterlagen fehlen, ist man vor allem auf die visuellen Quellen angewiesen, welche die Geschichte und Entwicklung der Von Roll preisgeben.

Mit dem Verschwinden der verschiedenen Standorte sind vielfach auch die Industriebauten und -anlagen verschwunden, auch wenn sie als Industriedenkmäler eine gewisse Bedeutung gehabt hätten. Sie wurden insbesondere dort erhalten, wo sie anderweitig kontinuierlich genutzt wurden. Als gutes Beispiel für die Erhaltung eines Industrie-Baudenkmals wird der Schmelzihof in der Klus, die ehemalige Werkskantine, genannt, in dem sich heute die kantonale Verwaltung der Amtei Thal-Gäu befindet.

Und ein weiteres, bisher noch ungenutztes Forschungsfeld ist die heute wissenschaftlich anerkannte Form der Aufarbeitung mittels mündlicher Quellen, der «oral history». Hier steht noch ein grosses Forschungsfeld offen, schreiben die Buch-Verfasser.

Trotzdem, die Fülle an Informationen und Bildern, die im erschienenen Bildband über die 200-jährige Geschichte der Von Roll zu finden ist, ist erstaunlich. Wehmut beschleicht einen, und man kann die Verzweiflung und Verständnislosigkeit der Arbeiter in den Krisenjahren der späten Achtzigerjahre nachvollziehen, die es damals einfach nicht glauben konnten, dass ein so grosses internationales, stolzes Unternehmen, welches Arbeit und Leben in unseren Kanton brachte, eines Tages einfach nicht mehr da sein wird.

Bildband «Von Roll Eisenwerk Fotografie», Fr. 80.–, Bestellungen: info@historischesmuseum-olten.ch oder Telefon 062 212
89 89.