Auf ein Kaffee mit...
«Es ist halt so viel so furchtbar spannend»

«Auf einen Kaffee mit...» Eduard J. Belser aus Egerkingen, der statt Elektroingenieur zum AKW-Gegner und zum Forstingenieur wurde – und auch noch zum Museologen

Alois Winiger
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Ausser Sport gibt es so gut wie nichts, dass Eduard J. Belser nicht interessiert.

Ausser Sport gibt es so gut wie nichts, dass Eduard J. Belser nicht interessiert.

Bruno Kissling

Ob es Politik betrifft, Energie, Wirtschaft, Forst, Natur, Bahn oder Verkehr allgemein und vieles mehr – wenn etwas aktuell wird, fühlt sich Eduard J. Belser aus Egerkingen angesprochen. Er nimmt Stellung dazu mit Leserbriefen in Tageszeitungen oder Einträgen in Blogs. Bei seiner Adresse führt Belser neben den Berufen dipl. Ing. ETH und MAS in Museum Sciences auch Berater für die Rekonstruktion technikgeschichtlicher Objekte an. Was treibt den 68-jährigen Mann an, auf derart unterschiedlichen Wegen zu gehen? Wir fragten bei einem Kaffee nach. Das «J.» für Josef hat Belser übrigens bewusst eingeschoben wegen seines Vaters, des Dorfarztes Eduard Anton Belser, sowie des national bekannten Baselbieter Politikers Eduard Belser.

Gibt es eigentlich ein Gebiet, das ihn nicht interessiert? «Ja, der Sport», antwortet Belser. «Zwar fahre ich sehr gerne Velo, aber für den Sportbetrieb habe ich nichts übrig.» Woher komm denn das vielseitige Interesse? Und das Wissen, das in seinen Beiträgen herauszulesen ist? «Es gibt halt so vieles, das so furchtbar spannend ist», sagt Belser. «Und wenn ich mich in ein Thema vertiefe, entdecke ich laufend neue Verbindungen zu anderen Themen, denen ich nachgehen muss.»

Dieses «Nachgehen» hatte einschneidende Konsequenzen im Leben von Belser. Als er das Studium als Elektroingenieur aufgenommen hatte, gingen die Debatten um die Atomkraftwerke los. Seine Vorstellungen von Energiegewinnung und jene der Stromindustrie passten jedoch nicht zueinander. Er liess dieses Studium bleiben und entschloss sich für den Widerstand, trat der Partei der Grünen bei und wurde in den Kantonsrat gewählt (1989–1993). «Das war nicht ganz unproblematisch», bemerkt Belser, «schliesslich stamme ich aus einem durch und durch CVP-geprägten Haus.»

Und das Studium? «Kunstgeschichte hätte mir Freude gemacht, aber als Grüner sah ich mehr Möglichkeiten bei der Forstwirtschaft», sagt Belser. Nach dem Abschluss als Forstingenieur an der ETH habe er jedoch feststellen müssen, dass er als Grüner beim Kanton keine Chance auf eine höhere Forstbeamtenstelle hatte. «Diese wurden damals noch politisch von den grossen Parteien besetzt.» So wurde er eben Mitarbeiter des Schweizerischen Waldwirtschaftsverbandes.

Sich «stinkfrech» beworben

Wie aber kam Belser dazu, sich beim Historischen Museum Basel für einen Teilzeitjob als Betreuer der Kutschen- und Schlittensammlung zu bewerben? «Stinkfrech» habe er das gemacht, sagt er. Denn schon seit längerem habe er sich intensiv mit historischen Pferdefuhrwerken und Kutschen befasst und Beiträge in Fachorganen veröffentlicht.

«Im Kutschenbau spielt die Ästhetik eine dominierende Rolle. Mode, Design, Kunsthandwerk und Technik sind hier miteinander verzahnt. Das ist das Faszinierende daran.» Geweckt wurde das Interesse am Pferdegespann im Elternhaus. Der Vater hatte ein Pferd zum Reiten und man spannte dieses mehr und mehr auch zum Fahren ein.

Als Belser den Job beim Museum hatte, absolvierte er das Nachdiplomstudium für Museologie und wurde Kurator des Kutschenmuseums Basel. Dies und gute Bekanntschaften, zum Beispiel mit Andres Furger, dem renommierten Kulturhistoriker auf dem Gebiet Pferd und Wagen sowie Konservator und Vizedirektor des Historischen Museums Basel und später Direktor des Landesmuseums, eröffneten Belser neue Wege.

Idee für Weissenstein-Sesseli

Erfolge wie bei der Mitarbeit zur Rekonstruktion des einstigen Basler Rösslitrams und eines historischen Ausflugswagens sowie eines Museums der einstigen Pferdeeisenbahn Budweis-Linz-Gmunden (vgl. separaten Text) treiben Belser immer wieder an, sich für den Erhalt von technischem Kulturgut einzusetzen. Doch dessen Wert, so müsse er feststellen, werde vielerorts unterschätzt.

«Dabei ist dieses Gut ein Wirtschaftsfaktor. Was wäre zum Beispiel der Vierwaldstättersee oder der Genfersee ohne ihre historischen Dampfschiffe?» Auch auf diesem Gebiet ist Belser aktiv geworden und hat sich als Vereinsmitglied bei Trivapor bei der Rekonstruierung des Dampfschiffes DS Neuchâtel aus dem Jahr 1913 engagiert.

Bedauerlich ist für ihn, dass sein Vorschlag für die Weissenstein-Sesselibahn kein Gehör gefunden hatte, nämlich ein Teilstück zwischen dem Museum Ballenberg und der Bahnstation Brienzwiler wieder aufzubauen. «Der ehemalige Besitzer von Synthes, Hansjörg Wyss, hätte bezüglich Finanzierung vermutlich mit sich reden lassen», meint Belser.

Der Kampf ums Geld sei allgegenwärtig, das Budget für Ausstellungen sehr knapp, was ihn aber nie davon abhalten könne, mit vollem Einsatz das Bestmögliche herauszuholen. Das sei ihm gelungen beim Kuratieren der Ausstellung «Mit Volldampf nach Basel. Der erste Schweizer Bahnhof verändert die Schweiz», die 2015 im Museum Kleines Klingental in Basel zu sehen war.

Nun freut sich Belser auf die nächste von ihm kuratierte Ausstellung, die am 16. Mai im Historischen Museum eröffnet wird: «Tramstadt Basel. Auf Schienen zur modernen Stadt». Gezeigt wird darin die Wechselwirkung zwischen der Stadtplanung bzw. -entwicklung und dem Bau des Tramnetzes; vom Rösslitram bis zum heutigen Flexity-Gelenktram.

Matura trotz Legasthenie

Welche Pläne hat Belser noch? Immerhin ist er seit drei Jahren pensioniert. «Vorläufig bin ich noch mit Arbeiten für das Bundesamt für Umwelt und für Museen beschäftigt», antwortet er. «Gerne möchte ich mein ganzes Wissen über Kutschen in einem Buch zusammenfassen.» Schreiben bedeute ihm viel, obwohl es ihm als Legastheniker nicht so leicht von der Hand gehe. «Es gab harte Zeiten, vor allem in der Primarschule.» Immer wieder bekam er zu hören: «Du schreibst super Aufsätze, aber die Rechtschreibung ist katastrophal.»

Zum Glück habe ihm ein Lehrer Nachhilfeunterricht gegeben, damit er es in die Bezirksschule schaffte. Der Eintritt ins Gymnasium hingegen blieb ihm verwehrt. In einer Privatschule in Basel konnte er sich dann doch auf die Matura vorbereiten. «Dort hat man darauf geschaut, dass ich in all jenen Fächern, die nicht von der Legasthenie beeinflusst werden, gute Noten erreiche.» So habe er gelernt, mit dieser Schreibschwäche umzugehen.

«Wie gut ich es schaffen werde, mit dem Arbeiten zurückzufahren, weiss ich noch nicht», sagt Belser. «Aber ich werde mich bemühen, denn es gibt ja noch so viel Schönes zum Erleben. In Konzerte gehen, lesen, reisen, kochen oder Velotouren machen mit meinem wunderbaren Liegevelo.»

Allerdings kenne er sich gut genug, um zu wissen: «Wenn ein schönes Projekt auf mich zukommt, werde ich wohl kaum Nein sagen können.»

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