Der stahlblaue Himmel über der Stadt Samac, 13 Tage nach der Jahrhundertflut im Balkan, kann die riesigen Schäden nicht vertuschen. «Die Menschen in Bosnien sind total depressiv, sie sind auf sich selbst gestellt, Kapazitäten für Katastrophen sind in Bosnien und Herzegowina keine mehr vorhanden», sagt der Biberister Sascha Gelbhaus.

Am Mittwochabend ist er mit seinem Begleiter, Martin Vollenweider - nach 64 Stunden Reisezeit - in die Schweiz zurückgekehrt. Die Ereignisse zeichnen den Geschäftsführer des Biberister Alters- und Pflegeheims «Läbesgarte», den wir nur wenige Stunden nach der Rückkehr treffen. Er ist am Fluss Save aufgewachsen, kennt die Gegend, die Menschen, hat dort Verwandte. Als er die schrecklichen Bilder im Fernsehen sah, entschloss er sich zur spontanen Hilfe.

Am Dienstagmorgen, 20. Mai, lancierte Sascha Gelbhaus im Lions Club Bucheggberg-Wasseramt seine Hilfsaktion. Binnen 48 Stunden kamen fast 23 000 Franken zusammen - geträumt hatte er ursprünglich von 10 000 Franken. Zusätzlich türmten sich im Lagerraum des Alters- und Pflegeheims «Läbesgarte» Waren im Wert von 5000 Franken. Etwa 28 000 Schutzmasken und 140 000 Einweghandschuhe sowie 600 Liter Händedesinfektionsmittel und 500 Liter Reinigungsmittel gegen die Seuchengefahr. «Richtig verdünnt ergeben diese bis zu 50 000 Liter keimtötende Mittel», rechnet er vor. Unterstützung kam von seinem Lions Club als Organisator, den umliegenden Lions Clubs, der Einwohnergemeinde Biberist, von Firmen, Institutionen, privaten Personen und vom «Läbesgarte» selber.

Am Montag um 5 Uhr fuhr Sascha Gelbhaus zusammen mit Lions-Kollege Martin Vollenweider los. Der Lieferwagen mit Anhänger war minuziös mit dem erlaubten Gewicht von zwei Tonnen beladen. Abends um 21.15 Uhr erreichten die beiden die Stadt Bosanska Gradiska an der Grenze zwischen Kroatien und Bosnien-Herzegowina. Unterschlupf fanden sie bei Verwandten. Dank der speziellen Situation gab es an den jeweiligen Zollämtern keine Probleme. Mit dem noch vorhandenen Geld kauften die beiden vor Ort 1,6 Tonnen Waschpulver, 500 kg Hygieneartikel und eine Tonne Mehl. Anderntags gings mit einem zusätzlich beladenen Lieferwagen Richtung Samac, in die von den Unwettern am stärksten betroffene Stadt mit 6500 Einwohnern. Sie liegt an der Mündung des Flusses Bosna in die Save, welche die Wassermassen nicht mehr aufnehmen konnte. Dieser Rückstau führte zu den massiven Überschwemmungen. Ganze drei Stunden dauerte die Fahrt auf Umwegen für die 150 Kilometer. Mit dem dortigen Bürgermeister hatte Sascha Gelbhaus bereits von Biberist aus Kontakt aufgenommen.

Beim Kaffee zurück in Biberist zeigt Gelbhaus immer wieder Fotos: von Menschen, die rote Tücher aus den Fenstern hängen, um ihre Anwesenheit kundzutun; von Gummibooten, die Wasser, Medikamente und Nahrung verteilen; von ganzen Häusern, die weggeschwemmt wurden; von einem Bauern, dem 380 Milchkühe verendeten und von angeschwemmten Kriegsminen. Eine riesige Sporthalle in erhöhter Lage wird als «Arche Noah» bezeichnet, weil viele Menschen dorthin flüchteten. Und trotz allem habe eine Frau aus dem zweiten Stock ihres Hauses gerufen: «Uns geht es eigentlich gut, nur die Kinder sind etwas ungeduldig.» Mit dem Schwinden des Wassers, werfen die Menschen ihre unbrauchbar gewordenen Utensilien auf die verschlammten Strassen. Lastwagen sammeln die Gegenstände ein, die ausserhalb der Stadt verbrannt werden.

«Es ist eine Tragödie, weil 13 Tage nach der Flut die Hilfe nicht ausgiebiger ist», sagt Sascha Gelbhaus verzweifelt. Denn Armee und Zivilschutz gebe es dort praktisch nicht mehr. Ein Agronom in der Stadt erzählte ihm, dass diejenigen erste Hilfe leisteten, die im Bosnienkrieg Feinde gewesen seien. Grosses Lob zollte er den Deutschen, die Trinkwasser produzieren, und den Polen, die mit Hochleistungspumpen das Wasser in die Flüsse zurückführen. Dass Sascha Gelbhaus die Not in Bosnien zu Herzen geht, kommt nicht von ungefähr. Er hat am eigenen Leib erfahren, was Entbehren und Loslassen heisst. Im Jahr 1992 flüchtete er im Krieg mit seiner Ehefrau und dem ältesten Kind aus seiner bosnischen Heimat. Aufnahme fand die junge Familie in der Schweiz.