Papst-Rücktritt
«Es ist die Persönlichkeit, die zählt, nicht die Hautfarbe»

Was Führungskräfte der katholischen Kirche in der Region von einem Benedikt-Nachfolger erwarten, ist unterschiedlich. Erstaunlich: die Jugendvertreter wollen gar nichts sagen.

Andreas Toggweiler
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Papst Benedikt XVI. nach seiner Wahl im April 2005 winkt dem Volk auf dem Petersplatz zu.

Papst Benedikt XVI. nach seiner Wahl im April 2005 winkt dem Volk auf dem Petersplatz zu.

Keystone

Von «No Comment» bis zur ausgesprochenen Hoffnung, dass ein neuer Papst frischen Wind in die Kirche bringen könnte. Die Reaktionen im katholischen «Kader» in der Region Solothurn sind vielfältig. «Ich habe sozusagen auf der Skipiste vom Papst-Rücktritt erfahren», sagt Raimund Obrist, Pfarrer des neuen Pastoralraums Dünnerntal, den wir in den Winterferien am Handy erreichen. Der Rücktritt von Benedikt habe ihn einerseits überrascht, anderseits auch nicht, habe jener doch diese Möglichkeit auch schon angedeutet. Obrist begrüsst den Schritt als «mutigen Entscheid.»

Erwartungen an einen Nachfolger äussern, sei schwierig, so der Pastoralraumpfarrer weiter, müsse sich der Papst doch einer Fülle von Ansprüchen stellen. «Wichtig wäre mir jedoch, dass wieder eine Kultur des Dialogs gepflegt wird, innerhalb der Kirche und zwischen Kirche und Gesellschaft». Obrist meint damit auch die Beschlüsse des Konzils, deren Interpretation nicht allein der Kurie überlassen werden dürfe. Dass unter Benedikt vorkonziliäre Kräfte Auftrieb erhalten haben, negiert Obrist nicht. «Benedikt wurde im tridentinischen Ritus sozialisiert. Das hat man im Alter vermehrt gemerkt.» Auch der Solothurner Stadtpfarrrer Paul Rutz respektiert den Entscheid des Papstes, «umso mehr, als diese Möglichkeit ja von Johannes Paul II explizit eingeführt wurde». Ein Nachfolger müsse die Bedürfnisse der Gesamtkirche im Auge behalten, betont Rutz. Dass die Weltkirche gegenüber den Wünschen einzelner Pfarreien Vorrang hat, scheint für ihn klar. Es gebe keine einfachen Lösungen für Probleme wie beispielsweise den Priestermangel. Kritisch beurteilt Rutz den Dialog von Benedikt mit der erzkonservativen Piusbruderschaft. Dieser habe allerdings schon unter Johannes Paul begonnen, meint er.

Synodalratspräsident Hans-Jörg Brunner, Balsthal, attestiert dem zurücktretenden Papst «Grösse». Immerhin habe er viele und anspruchsvolle Probleme angehen müssen. Er habe auch vieles gut gemacht, so Brunner. «Ob die Frauenordination das Problem des Priestermangels lösen kann, ist für mich offen», meint er. «Etwas weniger Konservatismus und eine modernere Haltung», erwartet Brunner hingegen von einem neuen Papst. Dabei sei es sekundär, aus welchem Erdteil ein Petrusnachfolger komme. «Es ist die Persönlichkeit, die zählt, nicht die Hautfarbe.» Näher bei den Gläubigen als Priester und Funktionäre sind bisweilen Gemeindeleiter. Franz Günter, zusammen mit seiner Frau Susi langjähriger Gemeindeleiter in Bettlach, scheut sich nicht, auch die akuten Probleme beim Namen zu nennen. «Es ist der Priestermangel aufgrund des Zölibats und die undankbare Rolle der Frau in der Kirche», spricht Günter Klartext.

Dass ein neuer Papst diese Probleme angehe, glaubt er hingegen nicht. Dazu habe Benedikt die vorkonziliären Kräfte zu stark gefördert und auch die Kardinäle als Wahlgremium seien zu konservativ. «Ich glaube nicht an eine Veränderung. Grosse Erwartungen wären somit verfehlt.» Was hingegen nicht heisse, dass sich eine Ortskirche nicht entfalten könne. «Die Arbeit hier mit den Menschen vor Ort gibt mir genügend Motivation, auch wenn wir unter dem momentanen Image der Kirche manchmal leiden.»

Weder zu Papst Benedikt noch zu allfälligen Erwartungen an einen neuen Papst will man sich bei der katholischen Jugendorganisation Jungwacht/Blauring äussern. «Persönlich hoffe ich, dass er Verständnis für die Jugend hat» , lässt sich Vorstandsmitglied Reno Schluep lediglich entlocken. Und die reformierten Mitchristen? Verena Enzler (Lostorf), Präsidentin der Abgeordnetenversammlung des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, hofft vor allem, dass der ins Stocken geratene ökumenische Dialog wieder belebt wird. «Eine Annäherung auf institutioneller Ebene würde ich begrüssen, denn die Basis arbeitet nach wie vor gut zusammen.»