Benevol

«Es ist der richtige Moment, zu gehen»: Die Pionierin der Freiwilligenarbeit gibt die Leitung ab

Heute gehören Benevol über 70 Organisationen aus dem Kanton an – auch dank Rosmarie Wyss.

Heute gehören Benevol über 70 Organisationen aus dem Kanton an – auch dank Rosmarie Wyss.

Nach über 10 Jahren gibt Rosmarie Wyss die Leitung der Fachstelle für Freiwilligenarbeit im Kanton ab. In dieser Zeit wuchsen Benevol und die Anzahl Freiwilliger im Kanton – gross blieben indes auch die Sorgen um die Finanzierung der Fachstelle.

«Ich merke, ich bin müde», sagt die abtretende Benevol-Geschäftsleiterin Rosmarie Wyss. «Es ist eine gute Zeit, das abzugeben an jemanden, der noch voll Power hat.» Die heute 61-Jährige baute die Fachstelle für Freiwilligenarbeit im Kanton auf, nachdem sie diese als zartes Pflänzchen Ende 2008 übernommen hatte. Benevol wuchs stark an so wie die Bedeutung von Freiwilligenarbeit allgemein, während die Mittelbeschaffung ein grosses Problem blieb.

Der Samen dafür kam 1998 aus dem Kantonsrat. Ein Vorstoss verlangte, die bestehenden Organisationen von Freiwilligenarbeit besser zu koordinieren. 2001 erging deshalb vom Amt für Gemeinden ein Auftrag an die Fachhochschule. Wichtig war schon damals, dass solch eine Stelle übergeordnet sei für sämtliche Arten von Freiwilligenarbeit. «In Olten taten sich einige Personen aus Organisationen wie dem Gemeinnützigen Frauenverein und der Pro Senectute zusammen, um eine solche Fachstelle aufzubauen.»

In einer zweiten Arbeit entwickelten Fachhochschülerinnen ein Konzept für sie anhand der schon bestehenden Benevol-Fachstellen. Die damalige Leiterin ging jedoch nach einem Jahr wieder, überbrückt wurde notdürftig mit der Sicherung eines Telefondienstes. Währenddessen führte der Verein mit dem Amt für Soziale Sicherheit (ASO) Verhandlungen über eine Leistungsvereinbarung, die im Herbst 2008 zum Abschluss kam. Rosmarie Wyss aus Starrkirch übernahm die Geschäftsleitung. «Ich war damals fünfzig und gerade in einer Umbruchsituation, deshalb passte es gut. Davor arbeitete ich auf dem Sozialdienst eines Krankenheims.»

Herausforderung Spendensuche

Die dreijährige Leistungsvereinbarung sah vor, dass der Verein Gelder aus dem Lotteriefonds erhält, sich aber danach mittels Spenden selber finanzieren soll. «Mir war eigentlich klar, dass das fast nicht möglich ist», schmunzelt Wyss, «aber ich betrachtete es als eine spannende Herausforderung.» Sie verschaffte Benevol Bekanntheit. «Ich versuchte, im ersten Jahr alle Organisationen abzuklappern, die mit Freiwilligen zu tun haben. Sie hatten Angst, jetzt komme eine neue Organisation, die ihnen diese wegnimmt, dabei ist das Gegenteil der Fall.»

2011 war das Europäische Jahr der Freiwilligenarbeit. Wyss nutzte diesen Schub, indem sie etwa Marktplätze organisierte, wo ihre Mitglieder sich präsentieren konnten. «In diesem Jahr gelangte Freiwilligenarbeit immer mehr an die Öffentlichkeit.» Allerdings klappte die Spendensammlung kaum. Die Auswirkungen der Finanzkrise waren noch spürbar: Firmen hatten Geldnot, Gemeinden weniger Einnahmen, dafür mehr Sozialfälle. Das ASO verlängerte die Leistungsvereinbarung um vier Jahre, wieder floss Geld aus dem Lotteriefonds.

Im letzten Jahr dieser Periode, 2015, rollte die Flüchtlingswelle an, der Kanton war überfordert und fragte auch Benevol an, im Bereich Integration tätig zu werden. Wyss gleiste entsprechend zwei Projekte auf, das ASO unterstützte sie finanziell. Es forderte eine zweite Anstellung zwecks Präsenz in den Ferien und bei Krankheitsfällen. Auch die neue Mitarbeiterin ist wie Wyss zu 80 Prozent angestellt. Sie erhielten (2017) monatlich total 12 900 Franken Bruttolohn. Man bekam immer noch Geld aus dem Lotteriefonds. Wyss bemühte sich stets, die Leistungen der Fachstelle aufzuzeigen, die derzeit 260 000 Franken Aufwand hat.

Immer mehr Freiwillige

Zu Benevol gehören mittlerweile 70 Mitgliedsorganisationen, ein dreimonatiger Newsletter, Fachveranstaltungen, immer mehr Freiwillige, eine Internet-Plattform für Freiwilligen-Jobs, die immer mehr Klicks erreicht. 2015 wurden 120 Einsätze vermittelt. «Die Bereitschaft, freiwillig zu arbeiten, besteht immer noch», so Wyss, «während die informelle Freiwilligenarbeit abnimmt – also zum Beispiel einer kranken Nachbarin die Einkäufe zu tätigen.»

Die Sozialarbeiterin und Umweltfachfrau zitiert wieder eine Studie, die siebte während des knapp einstündigen Gesprächs. Die Motivation der Freiwilligen habe sich verändert. «Heute haben wir es mit einer neuen Generation zu tun. Die Babyboomer sind gut ausgebildet, selbstbestimmt, wollen mitreden und zeitlich flexibel sein.» Früher habe es jene gegeben, die aus einer Art «Christenpflicht» heraus hilfetätig waren. «Salopp ausgedrückt, um sich den Platz im Himmel zu sichern.» Doch das Gesellige, sich zugehörig zu fühlen, sei immer noch wichtig, damit man sich engagiere.

«Die Sicherung der Finanzen ist nicht gelungen», bilanziert die 61-Jährige ernüchtert. Dennoch gibt es einen Lichtblick: «Sowohl beim ASO als auch bei den Gemeinden reifte die Erkenntnis, dass das Sozialgesetz dahin angepasst werden muss, dass die Förderung der Freiwilligenarbeit nicht bloss freiwillig ist.» Das müsse nun noch durch die Instanzen. «Für mich ist das ein Riesenerfolg.»

Wyss wird dieses Jahr noch auf Mandatsbasis für Benevol arbeiten, im März hat ihre Nachfolgerin Stephanie Fuchs übernommen. «Nun möchte ich mehr Zeit haben», so Wyss. Sie ist Mitglied einer A-cappella-Gruppe und gärtnert leidenschaftlich gern. «Es ist der richtige Moment, zu gehen. Bevor man wirklich ausgelaugt ist.»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1