Obergericht

Es ist dem Zufall zu verdanken, dass das Opfer überhaupt noch lebt

Das Opfer wurde fast zu Tode gewürgt. Symbolbild

Das Opfer wurde fast zu Tode gewürgt. Symbolbild

In einem krassen Fall von häuslicher Gewalt kommt der Täter mit einer reduzierten Strafe davon.

Sie wurde von ihrem Lebenspartner und Vater der gemeinsamen Kinder in Schönenwerd fast zu Tode gewürgt, dabei hätten sie am Abend ausgerechnet Slava Sveta Petka feiern wollen, das serbische Fest zu Ehren der Beschützerin der Frauen, Kinder und der Familie. Das Obergericht bestätigte nun das Urteil des Amtsgerichts Olten-Gösgen vom 26. Februar 2018, reduzierte aber die Strafe gegen Stefan B.*. Damals war der Serbe zu 6 Jahren und 4 Monaten Haft verurteilt worden. Dagegen hatten sowohl er als auch die Staatsanwaltschaft Berufung eingereicht.

Worum ging es? Am Festtagsmorgen, am 27. Oktober 2015, sah seine gleichaltrige Partnerin Mara G.* gemäss Anklageschrift, dass der Arbeitslose in der Küche betrunken vor einer Flasche Wein sass. Sie war wütend, dass er kaum geschlafen hatte und ihr so auch nicht bei den Vorbereitungen helfen konnte, dabei waren 30 Gäste geladen. Sie wies ihn an, schlafen zu gehen, um wenigstens am Abend fit zu sein. Dieser habe - erfolglos - nach Geschlechtsverkehr verlangt, als der damals 8-jährige Sohn zur Schule und die 4-jährige Tochter in den Kindergarten gegangen waren. Stefan habe Mara angebliche Affären vorgeworfen und sie als Nutte beschimpft.

Der Streit entbrannte gegen Mittag. Er habe sie überraschend von hinten gepackt, auf den Boden geworfen, sich auf sie gekniet. Er habe sie wiederholt gewürgt und als sie versucht habe, sich zu wehren oder zu befreien, habe er sie mit flachen Händen und Fäusten geschlagen. Mara wurde mehrmals schwarz vor Augen und sie hatte spontanen Urinabgang. Sie trug zahlreiche Verletzungen davon, darunter Blutungen an Augen und Nase, Hautunterblutungen am Hals, einen Unterarmbruch.



Dafür wurde ihm versuchte vorsätzliche Tötung und mehrfache Körperverletzung vorgeworfen. Doch damit nicht genug. Sie musste unter Schmerzen das Mittagessen für die Kinder zubereiten sowie das Festessen. Er habe sie bis um 15 Uhr in der Wohnung festgehalten und verhindert, dass sie zum Arzt gehen oder Kontakt zur Aussenwelt aufnehmen konnte. Zu dieser Freiheitsberaubung gesellen sich diverse Drohungen hinzu wie: «Ich bringe dich um, ich habe sowieso schon alles im Leben verloren». Und: Er werde sie «abknallen».

Verteidiger Ronny Scruzzi fand, es sei bloss einfache Körperverletzung gewesen, Lebensgefahr habe keine bestanden. Stefan habe durch Kokain- und hohen Alkoholkonsum keine Erinnerung, sondern einen «Filmriss». «Wie hätte er merken sollen, dass ihr schwarz vor Augen ist oder dass sie uriniert?» Als er realisierte, dass ihre Nase blutete, habe er von ihr abgelassen. Und schliesslich habe er zwischen den Würgeakten «freiwillig» Pausen eingelegt. Er habe unter «grosser seelischer Belastung» gehandelt. Er warf der Polizei vor, Suggestivfragen gestellt zu haben. Der in der Schweiz geborene und aufgewachsene Stefan sagte: «Ich wollte sie nur beruhigen, wollte, dass sie mir zuhört.»

Er kam vom vorzeitigen Strafvollzug, erschien in Fussfesseln und verwaschenen Jeans. Sein kräftiger Oberkörper sprengte beinahe das transparente Hemd. Er sprach undeutlich. Zum medizinischen Gutachten sagte er, es sei «ein Scheissdreck». Die angeordnete Psychotherapie sei «eine verdammte Scheissmassnahme». Der Prozess habe nichts mit Gerechtigkeit zu tun. Er wolle nach Serbien leben gehen und beklagte sich, dass Mara den Kontakt zu den Kindern sabotiere.

Opferanwältin Olivia Müller schilderte den schlechten psychischen Zustand ihrer Mandantin, die sich im Alter von 15 Jahren mit Stefan liierte. Und beide Kinder hätten nach der Tat wieder begonnen, ins Bett zu nässen und hätten psychische Störungen. Während die Anklage 8 ½ Jahre Haft forderte und die Verteidigung 1 ½ Jahre, verurteilte das Gericht mit Daniel Kiefer, Barbara Streit-Kofmel und Thomas Laube Stefan zu 4 Jahren und 7 Monaten Haft. Nur dem Zufall sei zu verdanken, dass Mara noch lebe. Reue zeige Stefan keine.

*Namen geändert.

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