Schwarzbuben

«Es hat auch Vorteile, dass Solothurn weit weg ist»

«Diese Kantonsgrenze amüsiert mich»: Christian Schlatter in seinem Büro.

«Diese Kantonsgrenze amüsiert mich»: Christian Schlatter in seinem Büro.

Dornachs Gemeindepräsident Christian Schlatter ist nicht angetan von einer Fusion mit dem Baselbiet. «Das ist derart zentralistisch – da sind wir uns anderes gewohnt.» In einem Kanton Nordwestschweiz sieht er Dornach-Arlesheim aber als Hauptstadt.

Herr Schlatter, wir sind am Bahnhof Arlesheim-Dornach ausgestiegen und hierhin zur Gemeindeverwaltung gelaufen. Hand aufs Herz: Wissen Sie genau, wo Arlesheim aufhört und Dornach beginnt?

Christian Schlatter: Sie sprechen darauf an, dass Arlesheim und Dornach stark zusammengewachsen sind. Diese Kantonsgrenze amüsiert mich (fährt auf einem Ortsplan mit Stift die Grenze nach, Anm. d. R.), weil ich sie gar nicht trennend wirken lassen will, sondern verbindend. Es stimmt: Funktional sind wir nahezu eine Einheit, und eine Fusion wäre sicherlich ein interessantes Gesprächsthema. Aber Arlesheim möchte halt nicht den Kanton wechseln ...

Wäre es nicht umgekehrt? Dornach ist Teil der Birsstadt, dem Verbund von acht Gemeinden an der Birs. Sie haben viel stärkere Bande zu Baselland als zu Solothurn.

Bis vor zwei Jahren dachte ich genauso. Ich hätte gesagt, wir müssen zum Kanton Baselland. Dann wurde ich in den Gemeinderat gewählt und habe meine Meinung geändert. Seit ich sehe, welche Probleme unsere Partnergemeinden in der Birsstadt mit Liestal haben, muss ich sagen: Den «Chnorz» brauchen wir nicht. Das Baselbiet ist derart zentralistisch – da sind wir uns anderes gewohnt: Im Kanton Solothurn werden Föderalismus und Subsidiarität gelebt. Zwar gehen wir auf der anderen Seite des Juras manchmal fast ein wenig vergessen, Solothurn ist weit weg. Aber das hat auch Vorteile. Wir geniessen in einigen Bereichen weitreichende Freiheiten.

Das Schwarzbubenland ist Zaungast der Diskussionen rund um die Kantonsfusion. Brennt es Ihnen nicht unter den Nägeln, mitzumachen?

Basel ist für uns Dornecker schon heute das wirtschaftliche und gesellschaftliche Zentrum. Wir sind mit der S-Bahn in acht Minuten am Bahnhof SBB. Die Thiersteiner orientieren sich in Richtung Laufen, aber dann kommt auch schon Basel. Für uns würde es die Zusammenarbeit vereinfachen, nur noch einen Ansprechpartner zu haben. Aber das müssen die beiden Basel miteinander ausmachen. Ein Kanton Nordwestschweiz jedoch wäre eine interessante Sache. Wie gesagt: Wir richten uns stark in Richtung Birsstadt und Basel aus.

Dornach ist neu Mitglied der IBA Basel, der trinationalen Bauausstellung 2020. Ist dies das jüngste Zeichen der neuen Ausrichtung?

Nein, das ist kein neues Zeichen, sondern Ausdruck der seit schon bald einem Jahrzehnt bestehenden engen Zusammenarbeit mit unseren Birsstadt-Nachbarn. Der Bezug zur unmittelbaren Region ist stärker geworden. In der Bevölkerung spüren wir viel mehr Akzeptanz für derartige Themen. Früher wäre das so nicht möglich gewesen.

Wie spüren Sie das?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich bin in Dornach zur Schule gegangen. Unsere Klassenlehrerin stammte aus Olten, die machte mit uns Ausflüge nach Solothurn zum Jogel oder zur Urseren. Die heutigen Schulkinder haben kaum mehr Lehrer aus anderen Kantonsteilen. Das hat mit der Öffnung des Berufs zu tun. Früher musste man als Schwarzbube fürs Lehrerseminar nach Solothurn gehen, und wer hier arbeiten wollte, musste aus dem Kanton stammen. Heute ist das anders. Und das ist nur ein Bereich.

Kritisiert werden Sie derzeit von einem anderen Schwarzbuben: Kantonsrat Christian Imark wirft Ihnen vor, das Areal der ehemaligen Swissmetal zu verscherbeln. Auf der riesigen Industrie-Brachen will Dornach Wohnungen statt Industrie.

Herr Imark will sich profilieren – oder er kennt die Fakten nicht. Denn eines ist klar: Es gibt keine industriellen Investoren, die Schlange stehen, um sich hier anzusiedeln. Sogar Baoshida, die Käuferin der Marke Swissmetal und derzeitige Mieterin des Areals, möchte dieses ganz klar nur teilweise weiterhin industriell nutzen und daneben Wohnraum schaffen. Alle sehen dasselbe vor: Mischnutzung. Auch die Regierung spricht dieselbe Sprache wie wir, auch wenn wir einen anderen Dialekt haben als auf der anderen Seite des Bergs. Wir sind ja kein Einzelfall: Die Metallproduktion hat heute weder regional noch kantonal den gleichen Stellenwert, siehe Von Roll. Wo stehen diese Unternehmen heute? Die mussten alle verkaufen, auslagern, schliessen.

Weshalb machen Sie aus dem Widen keinen Business-Parc, eine Art Sonderwirtschaftszone – Stichwort Baselbieter Wirtschaftsoffensive?

Ich habe viel Kontakt mit meinen Partnern der Birsstadt. Die Wirtschaftsoffensive produziert viel warme Luft. Wir müssen die lokalen Verhältnisse beachten. Arbeitsplatzstandort Nummer eins in der Birsstadt ist das Kägen in Reinach. Und genau dieses Gebiet ist in der Wirtschaftsoffensive kein Thema. Das ist doch seltsam.

Widen wird also nicht so schnell zu einem zweiten Kägen. Aber allzu lange kann Dornach nicht warten. Die Steuereinnahmen von juristischen Personen sind sehr tief.

Das stimmt. Lange haben wir uns ausgeruht. Es gab keine langfristige Planung. Und dann darf man nicht vergessen: Wir sind gross im Bezirk Dorneck-Thierstein – aber in der Birsstadt sind wir der zweitkleinste Partner, ein Zwerg mit 6500 Einwohnern.

Wäre also doch eine Fusion mit Arlesheim die Lösung?

Das wäre doch was (lacht). Und dann wären wir gleich der neue Hauptort des Kantons Nordwestschweiz – als grosser Kompromiss: Auf Dornach-Arlesheim als Hauptort könnten sich doch alle einigen.

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