Die Schweizer Uhrenindustrie bleibt auf Höhenflug. Nach dem historischen Rekordjahr 2012 haben sich die Ausfuhren in den ersten vier Monaten im laufenden Jahr zwar nicht weiter erhöht, aber auf hohem Niveau stabilisiert, wie die Eidgenössische Zollverwaltung diese Woche bekannt gab. Davon profitiert der Arbeitsmarkt, insbesondere entlang dem Jurabogen von Solothurn bis Genf, wo die Präzisionsindustrie stark verankert ist.

Stellenabbau überkompensiert

Die Uhrenindustrie und die Hersteller mikrotechnischer Teile und Geräte haben die Zahl der Arbeitsplätze massiv erhöht. Allein 2012 ist die Zahl der Stellen schweizweit um über 3000 auf rund 56 000 gestiegen. Letztmals beschäftigte die Branche 1975 mehr Personal als heute. Die zwischen 2008 und 2010 während der schweren Wirtschaftskrise verloren gegangenen 4750 Arbeitsplätze konnten mehr als kompensiert werden. Denn zwischen 2010 und 2012 stieg der Zahl der Stellen um 7300 oder 15 Prozent. Auch in den beiden Kantonen Solothurn und Bern verlief die Entwicklung in gleicher Richtung (siehe Tabelle). «Die Uhrenbranche hat es insbesondere dank ihrer sanierten Strukturen, ihrer Kultur der Innovation und der Diversifizierung ihrer Märkte verstanden, ihren Personalbestand wieder zu erhöhen», kommentiert selbstbewusst der Arbeitgeberverband der Schweizer Uhrenindustrie die Ergebnisse ihrer aktuellsten Personalerhebung.

Solothurner ziehen mit

Eine positive Beschäftigungsentwicklung verzeichnen auch Solothurner Uhrenunternehmen, wie eine Kurzumfrage zeigt. «Wir beschäftigten Ende 2012 in Grenchen 62 Angestellte», meldet Daniel Schluep, Geschäftsführer und Inhaber der Uhrenfabrik Titoni. Das entspricht einer Zunahme von vier Stellen oder sieben Prozent. Zu einer weiteren Erhöhung komme es im laufenden Jahr «vermutlich nicht». Bei der Solothurner Chrono AG stieg der Personalbestand innert Jahresfrist von 34 auf 39 Personen. «2013 wird die Zahl der Mitarbeitenden nur noch in begrenztem Umfang wachsen», sagt Co-Inhaber Markus Ingold. Auch die traditionsreiche Uhrenherstellerin Eterna in Grenchen verzeichnete einen Personalzuwachs. Die Zahl der Mitarbeitenden stieg nach Firmenangaben von 62 auf 80.

Der mit Abstand grösste «Stellenschaffer» war aber die Swatch Group, die mit zahlreichen Firmen auch im Raum Grenchen präsent ist. Nach Angaben von Swatch-Sprecherin Beatrice Howald wurden im vergangenen Jahr 1760 neue Stellen geschaffen, davon rund 1100 in der Schweiz. Mitarbeiterzahlen nach Kanton gibt Swatch nicht bekannt. «Wir werden sicherlich auch im laufenden Jahr zusätzlich Mitarbeitende einstellen, weil wir verschiedene neue Fabriken oder erweiterte Fabriken in Betrieb nehmen.» Eine davon ist die Zifferblattfabrik in Grenchen. Allein dort entstehen dieses Jahr rund 100 effektiv neue Arbeitsplätze. Rund 170 werden von Bettlach nach Grenchen verlagert (wir berichteten).

Tendenziell gute Verkäufe

Basis für den Arbeitsplatzaufbau ist der geschäftliche Erfolg. Zwar können beim Wachstum nicht alle mit Swatch, dem weltweit grössten Uhrenhersteller, gleichziehen; aber tendenziell laufen die Verkäufe von Uhren gut. «Wir konnten den Absatz 2012 in knapp zweistelliger Höhe steigern», sagt etwa Chrono-Co-Chef Markus Ingold. In den ersten vier Monaten 2013 sei der Bestellungseingang leicht über der Vorjahresperiode gelegen. Negativ ausgewirkt habe sich, dass die «Baselworld» dieses Jahr fast 45 Tage später als im Vorjahr stattgefunden habe. Auch seien, insbesondere in Asien, die Zeiten der grossen jährlichen Zuwachsraten vorüber. «Insgesamt rechnen wir fürs ganze Jahr 2013 mit einem geringeren Umsatzzuwachs als im Vorjahr.»

Beschaffungs- statt Absatzproblem

Bei Titoni macht sich ein spezielles Problem bemerkbar. Die Nachfrage nach mechanischen Uhren im Mittelpreissegment sei zwar weiterhin gut, sagt CEO Daniel Schluep. «Aber wegen Schwierigkeiten in der Versorgung mit strategischen Komponenten können wir unsere Marktchancen nicht mehr wahrnehmen.» Damit spricht er ein Beschaffungs- und nicht ein Absatzproblem an, denn «eigentlich könnten wir mehr verkaufen, als wir es tun.» Hintergrund ist die Absicht von Swatch, sich als dominierender Hersteller von Uhrwerken und Assortiments von der Lieferpflicht der Teile an Dritte zu befreien. Zwar liegt der entsprechende Entscheid der Wettbewerbskommission noch nicht vor, aber seit Anfang 2012 darf Swatch in einem ersten Schritt die Lieferungen mechanischer Uhrwerke an Drittfirmen reduzieren. Offenbar zeigt dies bereits Wirkung.