An diesem Morgen ist Roland Kaufmann auf seine schwere Harley gestiegen und hat die Orte besucht, die ihn seit seiner Kindheit nicht mehr losgelassen haben. Er fuhr in Bolken am Bauernhaus vorbei, in dessen Stall er als Verdingkind «wie ein Knecht» schuften musste. Er fuhr mit seinem Töff dem Feld entlang, auf dem er früher so hart ackern musste. Und immer war hinten auf der Harley dieser eine alte Koffer, der ihn nun schon sein ganzes Leben begleitet. Er ist das einzige Erinnerungsstück, das der 75-Jährige aus seiner Kindheit besitzt. Es gibt kein Foto, das ihn als Jungen zeigt. Es gibt aus seiner Kindheit nichts ausser diesem einen Koffer mit der angerosteten Schnappschnalle.

Am Nachmittag nun sitzt Kaufmann, ein gut gelaunter, lebensfroher Mann, auf der Terrasse des Hotels Ramada in Solothurn und erzählt seine Geschichte. Die Geschichte eines Verdingkindes.

Sorgfältig packt der gelernte Autosattler den Koffer aus der Segeltuchtasche, die er selbst hergestellt hat. Lange stand der Koffer im Keller. Aber in seinen ersten Lebensjahren musste ihn Roland Kaufmann oft packen. Von Heim zu Heim zu Pflegefamilie reichten ihn die Behörden. Der 22-jährigen Mutter wurden die beiden unehelichen Kinder, die sie von zwei unbekannten Männern hatte, weggenommen. «Da er wohl nicht mehr bei seiner liederlichen Mutter belassen werden kann, muss er platziert werden», urteilten die Vormundschaftsbehörden in Recherswil.

«Vormund J. gibt zur Kenntnis, dass der Knabe durch seine Mutter bei einer Familie in Gerlafingen platziert wurde. Ob er aber dort verbleiben könne, werde sich bald zeigen.» – Aus dem Protokoll der Vormundschaftsbehörde vom 1. März 1948

«Vormund J. gibt bekannt, dass Roland wiederum umplatziert werden müsse und dass er das Seraphische Liebeswerk um Mithilfe ersucht habe.» – Protokoll vom
14. März 1949.

«J. berichtet, er habe mit den Eheleuten B. Rücksprache genommen. Sie seien nicht zu bewegen gewesen, Roland weiterhin zu behalten. Er mache grosse Schwierigkeiten in der Erziehung.» – Protokoll vom 31. Oktober 1955.

An elf Orten brachten die Behörden den Knaben in seinen ersten elf Lebensjahren unter, von Grenchen über Derendingen, Biberist und St. Gallen bis hin zum Tessin. Günstig sollte es für die Behörde sein, darauf schauten sie. «Als ich genug stark war, kam ich zum Bauern», sagt Kaufmann. Da war er gerade elf Jahre alt. Er schlief in einem Zimmer ohne Heizung, im Winter ging er mit den Kleidern ins Bett. «Es gab keine Wärme», erzählt er und meint damit längst nicht nur die Temperatur. «Nächstenliebe habe ich nicht gekannt.»

Um 5.30 Uhr musste er im Stall sein. «Ich war wie ein Knecht.» Bevor er in die Schule konnte, musste er Stallarbeiten verrichten. Bis nach der Lehre blieb er auf dem Hof, auf dem noch die Kühe die Wagen zogen. «Der letzte solche Betrieb im äusseren Wasseramt». Kaufmann musste Kost und Logis abverdienen. «Ich wusste nicht, dass der Bauer Geld für mich erhielt.»
«Mund halten und arbeiten», das wurde dem Knaben eingetrichtert. Spurte er nicht, war er der «faule Siech». Und immer wieder kam diese Drohung, die Roland Kaufmann bis heute beschäftigt: «Sonst geh doch dorthin, wo du herkommst», hiess es.

«Wo hätte ich denn hingehen sollen?», fragt Roland Kaufmann heute. Er hatte keinen Ort, wo er hinkonnte. Zu seiner Mutter durfte er nicht, sie hatte inzwischen so oder so eine neue Familie. «Ich habe nie das Gefühl gehabt, dazuzugehören. Ich blieb immer ein Fremder, der nicht ganz in diese Gesellschaft passt», sagt er. Roland Kaufmann hatte immer das Gefühl, nichts Unrechtes getan zu haben. Und doch wurde er behandelt, als ob er etwas falsch gemacht hätte, wurde bestraft, hart erzogen. «Zwei meiner Gspänli haben sich das Leben genommen», sagt er. «Nicht alle ertrugen diese Emotionen gleich.» Einzig im Turnverein fand er Freunde und Anschluss.

Die Drohung, er könne ja gehen, blieb hängen. Wann immer ihm jemand später drohte, er könne ja gehen, dann hat Roland Kaufmann seine Koffer gepackt und ist gegangen.

«Aus dem Inhalt des Gutachtens entnehmen wir summarisch, Roland Kaufmann sei körperlich und geistig, ganz besonders aber charakterlich schwer rückständig. Er sei ein typisches Heimkind, das ohne elterlichen Rückhalt aufwuchs. Er sei innerlich unsicher, ängstlich, schwer kontaktgestört und in der Entwicklung rückständig. Er spüre in der Gemeinschaft mit anderen Kindern seine Mängel, reagiere einerseits ängstlich-weinerlich und abweisend, andererseits – in Überkompensation seiner Minderwertigkeitsgefühle – oft recht aggressiv, provozierend und in hinterlistiger Weise plagsüchtig.»

Aus dem Koffer nimmt Roland Kaufmann die Dokumente, die mehr aus seinem Leben erzählen. Seit wenigen Monaten hat er etwas mehr zu seiner Kindheit als nur den Koffer. Vom Solothurner Staatsarchiv erhielt Kaufmann die Dokumente, die zu ihm noch auffindbar sind. Kaufmann benötigt sie, um vom Bund die Entschädigung zu erhalten, die Opfern früherer Zwangsmassnahmen zusteht.

Seine Akten zeigen eine rigorose Moral – und die Macht der Konfession. Katholische Institutionen weigerten sich, den protestantischen Knaben aufzunehmen. Andere Institutionen wollten die Kinder zur Adoption freigeben. Die Recherswiler Behörden versuchten einst gar, die Mutter zu überreden, ihren Jungen zur Adoption freizugeben. Es gelang ihnen nicht. Die Mutter unterzeichnete nicht. Sie hatte in den 1950er-Jahren gar versucht, ihn zu sich zu holen. Er wurde wieder abgeholt.

Roland Kaufmann musste Dinge über sich lesen, die nicht einfach aufzunehmen sind. Heute weiss er: «Es gibt Dinge, wo ich kein schlechtes Gewissen haben muss. Es lag nicht an mir.»
Der 75-Jährige erzählt offen aus den Dokumenten, die ihn betreffen. Nur was seine Mutter betrifft, da wird er wortkarg. Er will nicht urteilen. «Es war ihr Leben», sagt er, der in den Gerichtsakten mehr über seine Mutter erfahren hatte, als er wusste. Auch intime Details.

«D., welche z. Zeit wegen einem Unterleibsleiden im Bürgerspital Solothurn weilt, lebte bereits wieder mit einem Mann in wilder Ehe. Sie ist wegen ihrem Verhalten von der Amtsvormundschaft Solothurn energisch verwarnt worden.»

«An der Hauptverhandlung vor Amtsgericht Solothurn-Lebern hat es sich herausgestellt, dass die Kindsmutter zugestehen musste, acht Tage nach dem kritischen Verkehr mit einem andern Herrn geschlechtlich verkehrt zu haben. Gestützt auf diese Tatsache musste die Klage zurückgezogen werden.»
«Eine neue Vormundschaft steht uns also bevor.» Protokoll vom 29. Dezember 1949

Bis heute weiss Kaufmann nicht, wer sein Vater ist. Es war Krieg, die jungen Männer waren im Dienst. Seine Mutter hatte mit zwei engeren Kontakt, deren Vaterschaft das Gericht später abklärte – ohne Ergebnis.

Man sieht Roland Kaufmann sein Alter nicht an. Sein Glück fand der gelernte Autosattler nach Stationen in Burgdorf und Thun vor Jahrzehnten schon im Tessin, wo er sein eigenes Geschäft aufbaute. Für die grossen Boote auf den Tessiner Seen fertigte er Blachen nach Mass an. Meist arbeitete er alleine, er wollte sein eigener Chef sein. Dass ihm eingebläut worden ist, hart zu arbeiten: Das ist er nie mehr losgeworden. Er hat immer viel geleistet. Aber es war keine Bürde mehr, es gefiel ihm jetzt: Ein Produkt herzustellen, ein Handwerk zu beherrschen, das passte ihm. «Beim Handwerk kann man sich nicht verstecken. Es ist ehrlich.» Wo einer herkommt, spielt da keine Rolle. Was einer kann oder nicht, ist wichtig «Ich bin stolz, wie weit ich gekommen bin», sagt er. «Ich bin als Banause aufgewachsen. Ich musste viel lernen.»
Kaufmann hat sich in den Jahren Wohlstand erarbeitet. Er geht gerne in die Ferien, er hat erst mit über 70 die Motorradprüfung gemacht und sich dann eine schwere Harley gekauft. Er hat einen Hobbyweinkeller mitten in der Altstadt von Ascona. «Schau in die Zukunft für das kurze Leben und nicht zurück», ist sein Motto.

Als Kaufmann in die Rekrutenschule ging, da wollte ihm die Bauersfrau einmal am Sonntagabend etwas Proviant für die kommende Woche mitgeben. «Für was braucht er das?», hörte Roland Kaufmann den Bauern sagen. Es war das letzte Mal, dass er bei der Familie war. Von nun an ging er seinen eigenen Weg.

Roland Kaufmann hat den Koffer wieder auf den Boden gestellt. Kein Groll ist spürbar, kein Zorn. «Was will man sich wehren? Es war so», sagt er. «Das ist meine Geschichte, das ist mein Leben.» Er ist ein Mann, der sein Leben geniessen will. Er hat sich zum Ziel gesetzt, nichts mehr Negatives an ihn kommen zu lassen. «Ich geniesse einfach, was ich jetzt habe», sagt er. «Ich mache heute, was ich will, solange ich dabei niemandem wehtue.» Von Konventionen will er sich nicht mehr einengen lassen. Er hat als Kind erfahren, was es bedeutete, dass sich die Gesellschaft ein Bild gemacht hatte, wie Verdingkinder sein müssen. Manchmal führte dieses Bild dazu, dass es sich erfüllte. Roland Kaufmann erzählt von seinem blauen Velo. Sechs Tage die Woche war er während seiner Lehre mit diesem von Bolken zur Carrosserie Hess in Bellach gefahren, bei jedem Wetter, natürlich erst nach der Stallarbeit. Sein Velo musste er monatlich abstottern. Erst später hat er erfahren, dass die Vormundschaftsbehörde das Rad bezahlt hatte. Der Bauer erhielt das Geld also doppelt. Am Tag, als er die Lehre fertig hatte, nahm Roland Kaufmann das blaue Rad und zertrümmerte es hinter dem Haus. So gross war seine Wut.

Roland Kaufmann steckt den Koffer zurück in die Segeltuchtasche. «Die alte Kiste bedeutet mir etwas. Sie hat mich durchs Leben begleitet», sagt er nochmals. Dann ist die Vergangenheit weggepackt. Das Gespräch ist vorbei. Kaufmann kümmert sich wieder um die Gegenwart. Er will jetzt gut essen gehen. Und bald wird der Koffer wieder hinten auf der Harley durch die Schweiz reisen. Für ihn ist es heute «eine schöne Schweiz».