Portrait
Erstmals präsidiert eine Frau das Solothurner Obergericht

Franziska Weber ist die erste weibliche Obergerichtspräsidentin des Kantons Solothurn. Obwohl ihr einst kaum Chancen zugesprochen wurden, hat sie sich durchgesetzt.

Bastian Heiniger
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Eine Bernerin präsidiert seit diesem Jahr das Obergericht.

Eine Bernerin präsidiert seit diesem Jahr das Obergericht.

Thomas Ulrich/Tina Dauwalder

Am Ende eines verwinkelten Ganges im Amthaus befindet sich ihr Büro. Obwohl es klein ist, bietet es doch einen weiten Blick über den Amthausplatz direkt bis zum Bieltor. Während unten sämtliche Buslinien der Stadt zusammentreffen, stapeln sich oben die Akten von Gerichtsfällen aus dem ganzen Kanton.

«Hier lässt es sich wundervoll arbeiten», sagt Franziska Weber und wendet ihren Blick ab vom Fenster. Seit diesem Jahr fungiert die 51-Jährige nun als Obergerichtspräsidentin. Im Kanton Solothurn ist sie die erste Frau überhaupt in diesem Amt. Als Vertreterin der dreiköpfigen Gerichtsverwaltungskommission wird sie zuweilen auch im Kantonsrat sitzen, etwa wenn die Budgetdebatte ansteht.

Nach Solothurn kam Franziska Weber mit denkbar schlechten Voraussetzungen: aufgewachsen in Koppigen, Gymnasium in Burgdorf, studiert in Bern, gearbeitet in Thun. Eine Bernerin durch und durch. In Solothurn kannte sie weder die Verhältnisse noch die wichtigen örtlichen Geschichten noch besass sie Beziehungen. Selbst die Parteikollegen der FDP wiesen ihr kaum Chancen aus, als sie sich 2005 zur Wahl als Oberrichterin aufstellen liess.

Expertin im Versicherungsrecht

Doch von Widerständen liess sich die heutige Obergerichtspräsidentin nie beirren. Als frischgebackene Rechtsanwältin arbeitete sie für eine Kanzlei in Thun. Sie und eine Kollegin waren die einzigen weiblichen Anwälte im Berner Oberland. Keine einfache Stellung in einer konservativen Region. Gerade bei männlichen Klienten habe sie öfters Misstrauen verspürt. Gestandene Männer befürchteten wohl, eine junge Frau könne sie vor Gericht nicht vehement genug vertreten. Nach und nach legte sich das Misstrauen jedoch. Der Erfolg sprach für die junge Anwältin.

Dann rutschte sie mehr und mehr ins Familienrecht: Scheidungen, Sorgerechtsfragen, sexueller Missbrauch. Frauen liessen sich gerne von ihr vertreten. Obwohl Franziska Weber heute als Expertin im Versicherungsrecht gilt, richtet sie ebenfalls noch bei Strafprozessen. Etwa wenn es um Vergewaltigungen geht, dann wenn zwingend auch weibliche Richter einbezogen werden.

Es sind nicht immer leicht verdaubare Themen, mit denen sie sich herumschlägt. Dennoch: Franziska Weber lacht gerne. Den Ernst ihrer Aufgabe sieht man ihr nicht direkt an. Auch nicht ihrem Arbeitsplatz. Auf dem Bürotisch stapeln sich zwar Gerichtsakten. Dahinter stehen jedoch Stoffblumen, bunte Vasen und ein Turm aus verschiedenfarbigen Holzklötzen – die Werke ihrer Kinder.

Unerwarteter Triumph

Ihre drei Kinder waren denn auch ein Grund, weshalb sie nach Solothurn gekommen ist. Als sie Mutter wurde, wollte die unterdessen selbstständige Anwältin ihr Pensum reduzieren. Sie und ihr Mann, ebenfalls ein Jurist, würden beide zu 50 Prozent arbeiten. So der Plan. Nur: Im Oberland fand sich keine Partnerin, die ihre übrigen Mandate hätte übernehmen wollen. Ein Jahr suchte sie. Dann gab sie auf. Sie ging nach Bern und arbeitete dort am Verwaltungsgericht. Nebenbei besass sie noch zwei Richterjobs in Thun. Für zehn Jahre.

Schliesslich entdeckte sie die ausgeschriebene Oberrichterstelle im Kanton Solothurn, ein 50 Prozent-Pensum. Inzwischen wohnte sie mit ihrer Familie bereits in Schnottwil. Der Wohnsitz passte also.

Nun brauchte sie nur noch politischen Rückhalt, weil man im Kanton Solothurn als Oberrichter durch den Kantonsrat gewählt werden muss. Innerhalb der FDP wechselte sie von der bernischen in die solothurnische Kantonalpartei. Obwohl niemand damit rechnete, machte sie 2005 bereits im ersten Wahlgang mit 53 von 92 Stimmen das Rennen. Vergangenen Sommer wurde die Oberrichterin dem Turnus entsprechend mühelos zur Präsidentin gewählt.

Leidenschaft für die Musik

Dass Franziska Weber nach Solothurn gekommen ist, hat sie nie bereut. Die Unterschiede aber seien gewaltig: In Bern herrsche unter Juristen ein viel förmlicherer Umgang. Es ständen dort mehr Mittel zur Verfügung, weshalb manche Juristen viel tiefer in einen Fall eintauchten. L’art pour l’art werde zuweilen betrieben. In Solothurn sei man pragmatischer, arbeite enger zusammen. Auch die Wertschätzung unter Kollegen sei höher. In Bern hätte sie sich kaum für eine Stelle als Oberrichterin beworben.

Ist sie stolz darauf, als erste weibliche Obergerichtspräsidentin Solothurns in die Geschichte einzugehen? Das ehre sie schon. Es sei auch Zeit gewesen, gäbe es doch in anderen Kantone schon längst Frauen in dieser Position.

Neben den verwaltenden und repräsentativen Aufgaben, die nun anfallen, wirkt Franziska Weber noch immer als Oberrichterin am Versicherungsgericht. Ein Gericht, dem dauernd mehr Arbeit zukommt – personell ist es bereits das grösste. Der Grund: Wem die IV-Rente gekürzt, gestrichen oder versagt wird, besitzt heute rechtlich mehr Möglichkeiten als noch vor zehn Jahren. Viele Beschwerdeführer wehren sich, weil sie etwa an Rückenschmerzen leiden, Tabletten nehmen, nicht mehr arbeiten können, jedoch medizinisch keine Ursache gefunden worden ist – und ihnen deshalb keine IV-Rente zukommt. Nicht selten setzt sich die Richterin dann mit umfassenden medizinischen Dossiers auseinander. Schwierige Fälle.

Abends könne sie dennoch abschalten. Den Richterhammer abgelegt, setzt sie sich an die Harfe und der Kopf wird frei. Musik, das sei ihre Leidenschaft, sagt die dreifache Mutter und zeigt auf die Schrankwand. Dort hängen Flyer von klassischen Konzerten. Ob sie denn gerne Konzerte besuche? Nein, dort habe sie selber gespielt. Nicht selten im Duett mit ihrer Tochter.