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Erste Nothilfe für die Seele: Das Care-Team ist da, wenn plötzlich alles anders ist

Urs Dummermuth ist Mitglied des Care-Teams Solothurn. «Man darf diese Aufgabe sicher nicht aus einem Helfersyndrom heraus angehen», sagt der Pfarrer.

Urs Mathys
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Urs Dummermuth: «Wir lösen die Polizisten ab, schauen, was den Betroffenen guttut, haben Zeit, stehen den Menschen bei.»

Urs Dummermuth: «Wir lösen die Polizisten ab, schauen, was den Betroffenen guttut, haben Zeit, stehen den Menschen bei.»

emf/ums

Ein geliebter Mensch stirbt bei einem Verkehrsunfall, ein Kind verunglückt beim Sport tödlich. Von einer Sekunde auf die andere ist für die Angehörigen alles anders. Ist plötzlich nichts mehr wie bisher. «Dann sind Betroffene froh, wenn jemand einfach für sie da ist», sagt Urs Dummermuth. Der 61-Jährige ist seit fünf Jahren Mitglied des Care-Teams Solothurn (siehe Kasten), das in solchen Fällen angefordert werden kann.

Als Pfarrer – in seinem Fall der Freikirche BewegungPlus – ist der Derendinger doch auch so schon oft mit persönlichen Tragödien in der eigenen Gemeinde konfrontiert. Was hat ihn dazu bewogen, sich darüber hinaus im Care-Team zu engagieren? «Es ist eine Berufung. Ich habe gespürt, dass ich diese Aufgabe anpacken muss», kommt die Antwort spontan. «Man muss Menschen gerne haben. Schwierige Situationen, Ohnmacht und Sprachlosigkeit aushalten können – und trotzdem immer wieder versuchen, die Sprache wieder zu finden», schildert Dummermuth die Herausforderung.

Erste Nothilfe für die Seele

Rund um die Uhr, sieben Tage in der Woche, an allen 365 Tagen des Jahres stehen sie zur Verfügung: Die Mitglieder des Care-Teams Solothurn. Es sind dies gut zwei Dutzend Personen – Notfallseelsorger, Angehörige sozialer Berufe mit spezifischer Zusatzausbildung in psychologischer Nothilfe. Sie stellen mit einem Pikettdienst sicher, dass im Notfall geholfen werden kann. Das Aufgebot erfolgt jeweils via die Notfallzentrale der Kantonspolizei, aufgeteilt nach den drei Regionen Schwarzbubenland, unterer und oberer Kantonsteil.

Das von den Landeskirchen getragene Care-Team arbeitet mit einem Leistungsauftrag des Kantons. Es steht nach einem einschneidenden Ereignis «allen Betroffenen im Kanton aber auch den Einsatzkräften bei der Traumabewältigung bei» – und zwar «unabhängig von ihrer Herkunft, Religion und Kultur», wie es in einem Flyer der Organisation heisst.

Das Care-Team bietet nach eigener Definition dann Hilfe an, «wenn plötzlich nichts mehr so ist, wie bisher»: Bei einem Verkehrsunfall, beim Erhalt einer Todesnachricht, bei einem plötzlichen Todesfall, beim Tod eines Kindes, bei einem Suizid, bei einem Grossschadenereignis oder bei anderen belastenden Situationen.

Die Organisation ist für die akute Hilfestellung da und soll helfen, dass Betroffene keine posttraumatischen Belastungsstörungen erleiden. Nach dieser Begleitung durch die Zeit des ersten Schocks kommen dann allerdings – je nach Bedarf – andere professionelle Ansprechpartner zum Zug, zum Beispiel Psychologen,
Ärzte usw. (ums.)

Nichts für «Gutmenschen»

«Man darf diese Aufgabe sicher nicht aus einem Helfersyndrom heraus angehen», unterstreicht der Dienstchef Einsatz des Care-Teams: «Gutmenschen wären hier schnell einmal überfordert und würden rasch auf dem harten Boden der Realität landen.» In Ausnahmesituationen – und um solche gehe es hier immer – «weiss man nie, wie Menschen reagieren. Deshalb konfrontiert uns jeder Einsatz mit einer stets völlig neuen Situation. Und ja: Es kann sehr emotional werden».

In der Regel würde man zu zweit ausrücken, erklärt Dummermuth. Dies auch deshalb, weil es in manchen Fällen ja nicht nur Opfer, sondern auch einen «Täter» gebe. Zum Beispiel bei einem schweren Unfall: Einerseits sind da die Angehörigen des Unfallopfers – und anderseits der fehlbare Automobilist. In solchen Fällen könne nicht die-selbe Person beiden Parteien beistehen.

Enge Zusammenarbeit mit Polizei

Im letzten Jahr standen die Teammitglieder 45 Mal im Einsatz. Im laufenden Jahr waren es bisher 33 Fälle, achtmal davon war Dummermuth selber aufgeboten worden. Immer häufiger kommen die Care-Team-Mitglieder zum Zug, wenn Todesnachrichten an Angehörige überbracht werden müssen. Diese traurige Aufgabe würde jeweils vom begleitenden Polizisten übernommen, schildert Dummermuth die auch hier praktizierte Arbeitsteilung. Denn: «Wer eine Todesnachricht überbringt, der verletzt – und der kann nicht gleichzeitig heilen wollen.» Für Letzteres seien dann die Care-Team-Leute gefordert: «Wir lösen die Polizisten ab, schauen, was den Betroffenen guttut, haben Zeit, stehen den Menschen bei.»

Dummermuth spricht von zunehmend «komplexeren Fällen» – insbesondere wenn Kinder betroffen sind. In solchen Situationen – etwa wenn in einem Ferienlager oder an einer Schule etwas passiere – sei dann auch das zu betreuende Umfeld entsprechend grösser: Dann würden oft -- neben Familie und Angehörigen – zusätzlich auch Vereinsmitglieder, Schulklassen, Lagerleiter oder Lehrkräfte Betreuung brauchen.

Die eigene Spiritualität hilft

Der Care-Team-Mann wirkt bodenständig, geerdet. So, als ob ihn so leicht nichts erschüttern könnte. Trotzdem: Wie wird man als Helfender selber mit dem Erlebten fertig? «Wir sind ja nicht aus Holz. Es gibt Situationen, die sind speziell belastend», gesteht Dummermuth ein. «Zum Beispiel, wenn eine Familie wiederholt von einem harten Schlag getroffen wird. Oder wenn es um Kinder und junge Menschen geht. – Da ist man schon speziell gefordert.»
Was hilft ihm, selber verheirateter Vater von drei erwachsenen Kindern und achtfacher Grossvater, in solchen Situationen?: «Meine Spiritualität. Ich fühle mich getragen vom Glauben an Gott. Im stillen Gebet oder in Gesprächen kann ich herunterfahren.» In ganz schwierigen Situationen sei aber auch ein Debriefing unter den Kollegen sinnvoll. Eine Möglichkeit, die künftig teamintern noch ausgebaut werden soll.

«Helfen ohne Bedingungen»

Das Care-Team wird von den Landeskirchen getragen und es arbeiten – neben Psychologinnen, Psychiatern usw. – doch auch etliche Geistliche mit. Wird hier also versteckt missioniert? Dummermuth winkt entschieden ab: «Wir leben in einer Zeit und in einer Gesellschaft, bei der Gott nicht im Zentrum steht. Aber wenn jemand das Bedürfnis nach einem Gebet bekundet, mit dem bete ich selbstverständlich. Doch ob gläubig oder nicht, welche Konfession oder Herkunft Betroffene auch immer haben: Wir helfen ohne Bedingungen. Wir sind einfach da für die Leute.»

Was hat die Mitarbeit im Care-Team bei Urs Dummermuth selber ausgelöst oder verändert? «Ich lebe seither viel bewusster. Bin zufriedener, dankbarer», bilanziert er seine persönliche Erfahrung. Am befriedigendsten sei, «wenn man spürt, dass die Betroffenen etwas zur Ruhe gekommen sind, sich nicht alleine gelassen fühlen».