Alzheimer Solothurn
Ernst Zingg bemängelt: «Sind nicht auf steigende Zahl von Demenzpatienten vorbereitet»

Seit eineinhalb Jahren wird Alzheimer Solothurn vom ehemaligen Oltner Stadtpräsidenten Ernst Zingg präsidiert. Er meint: «Ohne kantonale Strategie kann nicht gehandelt werden».

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Ernst Zingg präsidiert seit Oktober 2016 Alzheimer Solothurn.

Ernst Zingg präsidiert seit Oktober 2016 Alzheimer Solothurn.

zvg/sanard

Seit eineinhalb Jahren wird Alzheimer Solothurn vom ehemaligen Oltner Stadtpräsidenten Ernst Zingg präsidiert. Anlässlich der Generalversammlung in Oensingen äussert er sich zu seinen Prioritäten und dazu, was ihm neben der Finanzierungsfrage Sorgen bereitet: Dass Kanton und Gemeinden (noch) nicht auf die steigende Zahl von Demenzpatienten vorbereitet seien.

Im Oktober 2016 haben Sie das Präsidium der Sektion Alzheimer Solothurn übernommen. Welche Amtshandlung war vordringlich?

Ernst Zingg: Alzheimer Solothurn hat eine ausgezeichnet funktionierende Geschäftsstelle in Olten und einen «rührigen» Vorstand. An meiner ersten Vorstandssitzung, bei der unser Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz anwesend war, diskutierten wir intensiv über den zentralsten Punkt, nämlich die Finanzen. Die Finanzierung der Dienstleistungen von Alzheimer Solothurn musste so rasch wie möglich sichergestellt werden. Konkret hiess das, dass wir einen Überbrückungskredit von Alzheimer Schweiz erhielten und der Kanton bestimmte Projekte mitfinanzierte.

Alzheimer Solothurn

Vorstand wurde verstärkt

An der Mitgliederversammlung von Alzheimer Solothurn in Oensingen wurden selbstbewusstere Töne als auch schon angeschlagen. Zwar sei der finanzielle Spielraum unverändert klein, betonte der vor einem Jahr zum neuen Präsidenten gewählte Ernst Zingg. Aber mittlerweile sei Alzheimer Solothurn als erster Ansprechpartner zum Thema Demenz anerkannt (vgl. Interview). Nebst der Mittelbeschaffung hat er sich weitere Ziele gesteckt: Bis Ende 2018 soll die Mitgliederzahl von 300 auf 350 ansteigen. Der Vorstand von Alzheimer Solothurn erfuhr in Oensingen eine Verstärkung: Einstimmig gewählt wurden Susanna Frigerio (leitende Ärztin Neurologie am Kantonsspital Olten) , sowie Kurt Altermatt, bekannt unter anderem als ehemaliger CEO der Solothurner Spitäler AG. Wiedergewählt in den Vorstand wurden ebenfalls einstimmig Lukas Bäumle, Marlis Gygax, Gudrun Hochberger und Esther Mathys. Rüdiger Niederer, Heimleiter der Genossenschaft für Altersbetreuung und Pflege Gäu (GAG), stellte den Anwesenden das Projekt des geplanten Demenzparks in Balsthal vor. «Lindenpark» soll diese vierte Institution unter dem Dach der GAG heissen. Das Credo laute: integrieren, nicht separieren. (szr)

Konnten die von Ihnen anvisierten Ziele im vergangenen Jahr umgesetzt werden?

Beim Thema Finanzen ja. Die Unterstützungsgelder nahmen etwas Druck von der Finanzierung. Im Regierungsrat wurde der Auftrag verabschiedet, eine Demenzstrategie für den Kanton zu erarbeiten. In dieser Arbeitsgruppe ist Alzheimer Solothurn vertreten. Die Vernetzung mit dem Zentralverband, mit wichtigen Ansprechpartnern im Kanton und mit anderen Institutionen ist uns gelungen. Die Begleitung und Unterstützung in der Planung des Demenzparks Balsthal ist für uns zentral und wird eine nationale Ausstrahlung für bedarfsgerechte Pflege erhalten.

Was macht Sie rückblickend besonders stolz?

Dass wir bei verschiedenen Fragen im Zentralverband mitwirken können. Wir werden zudem als kompetenter Ansprechpartner vom Kanton wahrgenommen. Die Erweiterung des Vorstandes und die tollen Gespräche mit den hochmotivierten freiwilligen Mitarbeitenden von Alzheimer Solothurn sowie die Durchführung von sehr gut besuchten Veranstaltungen.

Welche Pläne konnten noch nicht umgesetzt werden?

Gesicherte Finanzen sind und bleiben das Thema Nummer eins.

Worin liegt die Krux?

Alle sprechen über Demenz. Die Einwohnergemeinden sind in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass ambulante und teilstationäre Dienste geführt und auch Heime betrieben werden. Aber ohne kantonale Demenzstrategie kann nicht gehandelt werden. Alzheimer Solothurn hilft den Kranken, aber auch den Angehörigen mit entsprechenden Angeboten. Diese müssen finanziert und organisiert werden. Dazu braucht es solide Finanzen, damit die Geschäftsstelle als zentraler Ansprechort für Laien und Fachleute funktionieren kann.

Als Nonprofit-Organisation müssen Sie sich über die Mitgliederbeiträge und Spenden finanzieren. Wie gelingt der Spagat zwischen Einnahmen und Ausgaben?

Wir leben von der Hand in den Mund. Unser aktuelles Budget ist defizitär und der Vorstand ist gefordert, alle Möglichkeiten und Varianten der Mittelbeschaffung auszuschöpfen.

Die Anzahl betroffener Menschen ist stark steigend. Welches sind die Herausforderungen in den nächsten Jahren?

Die Enttabuisierung der Krankheit und die Beseitigung der Ängste, die eine Demenzerkrankung mit sich bringt sowie die Stärkung des Umfeldes. Die weiteren Handlungsfelder sind bedarfsgerechte Angebote, Qualität und Fachkompetenz sowie die Kosten.

Die Altersgruppe der 80- bis 89-Jährigen machen fast 50 Prozent der Betroffenen aus – Tendenz stark steigend. Werden der Kanton und auch die Institutionen bereit sein, diesem Umstand Rechnung zu tragen?

Aktuell sind weder der Kanton noch die Gemeinden bereit – leider.

Woran erkennt man, ob jemand einfach vergesslich wird im Alter oder ob wirklich eine Demenzerkrankung vorliegt?

Wenn die Person im Alltag nicht mehr zurechtkommt, bei Routineaufgaben Probleme oder Orientierungsschwierigkeiten hat. Eine Abklärung gibt Sicherheit und kann andere Erkrankungen mit gleichen Symptome wie Depression oder Vitaminmangel ausschliessen.

Wie kann man in der Frühphase einer Demenz als Angehöriger helfen?

Die erste Zeit ist geprägt von Angst und Unsicherheit. Es hilft den Betroffenen enorm, wenn die Angehörigen als Stütze da sind und sie motivieren, auch für die Zukunft vorzusorgen. Wichtig zu wissen ist, dass eine Person nach der Diagnosestellung nicht vom einen Moment zum anderen urteilsunfähig ist und sie mit entsprechender Unterstützung noch sehr lange selbstständig leben kann.

Welche Rolle spielt dabei die Beratungsstelle von Alzheimer Solothurn?

Die Betroffenen und Angehörigen erfahren auf der Beratungsstelle emotionale Unterstützung, und mit gezielten Informationen klären wir sie über die Erkrankung, deren Symptome unad Verlauf sowie über rechtliche Fragen und mögliche Therapien auf.

Welche Dienstleistungen werden vor allem genutzt?

Die Beratung und die Angehörigengesprächsgruppen.

Welchen Rat geben Sie den Angehörigen?

Sich rechtzeitig umfassend zu informieren und sich von Anfang an genügend Freiräume zu verschaffen, damit man sich von der sehr anspruchsvollen Aufgabe der Betreuung von Menschen mit einer Demenz erholen kann. Ich wünsche mir, dass unsere Mitmenschen mehr Verständnis für Demenzkranke aufbringen und dass Alzheimer Solothurn als erste und professionelle Ansprechpartnerin zum Thema Demenz wahrgenommen wird. Für mich heisst es nicht: Mit Demenz leben oder trotz Demenz leben, sondern Demenz leben. (szr)