Hätte, wäre, wenn ... – Seit letztem Herbst drehen solche Gedanken Urs Schwaller im Kopf. Denn nach einer umstrittenen Behandlung am Bürgerspital Solothurn verlor er am 28. September 2014 seine Frau. Als der Rega-Helikopter Elvira endlich ins Inselspital flog, war nämlich auch in Bern nichts mehr zu machen. Die 57-jährige Frau starb in seinen Armen.

«Was wir erlebt haben, darf nie mehr passieren. Darum will ich jetzt reden», sagt Urs Schwaller. Statt einen Spaziergang an der Luft zu unternehmen, bittet der Erwachsenenbildner über Mittag in sein Büro. Der Händedruck ist fest. Doch der 58-Jährige seufzt und setzt sich an den Besprechungstisch. Nachdem er vor ein paar Tagen vom Fall der jungen Frau las, bei der am Bürgerspital ein Darmverschluss angeblich stundenlang nicht behandelt wurde, will er nun an die Öffentlichkeit. Nur einmal. «Als kleiner, einfacher Bürger will ich keinen Kleinkrieg mit dem übermächtigen Spital anzetteln.»

Schwaller zieht einen gelben Ordner hervor mit Korrespondenz; dem Schlussbericht des Inselspitals und früheren Berichten des Bürgerspitals sowie der Verschreibung zur Physiotherapie und zur psychotherapeutischen Behandlung. 

Die ganze Geschichte beginnt nämlich bereits letzten August. Schon früher klagt Elvira über Schwindel, in den Sommerferien werden die Symptome jedoch schlimmer. Der Hausarzt rät ihr zu Abklärungen im Spital, was auch geschieht. Anfang September bricht Elvira am Arbeitsplatz zusammen; ihr Mann bringt sie wieder ins «Bürgi». Laut Arztbericht ist ihr schwindlig, sie hat Schweissausbrüche und es kribbelt in Händen und Füssen.

Das Warten beginnt

Dann, Ende September, folgt bei der Arbeit ein weiterer Zusammenbruch. Elvira verbringt diesmal drei Tage im Spital. Doch an einem Freitagabend wird sie definitiv entlassen. Die Mediziner am «Bürgi» finden nichts. Fazit: Wenn etwas fehlt, sollte man das mit Physiotherapie hinkriegen. «Und sonst sind die Leiden bestimmt psychosozial therapierbar», wurde der Patientin laut Urs Schwaller erklärt. Zur weiteren Behandlung möge sie sich nächste Woche an Fachärzte wenden. «Elvira nahm es mit Humor, dann sei sie halt psychisch krank, obwohl sie sich nicht so fühle.» 

«Wir packten den Koffer, fuhren nach Hause, assen Znacht und legten uns schlafen.» Jetzt blättert Schwaller im gelben Ordner und murmelt: «Was dann geschah, darf einfach nie, nie, nie mehr passieren.» Bereits um Mitternacht erwacht Elvira wieder. Es ist ihr erneut schwindlig, zudem erbricht sie. Weil ihr Mann sie nicht mehr die Treppe hinuntertragen kann, ruft er die Ambulanz. Um 5 Uhr sind Elvira und Urs Schwaller wieder im Notfall des Bürgerspitals. «Doch dann begann das grosse Warten. Niemand interessierte sich wirklich für uns.» Obwohl seine Frau geschwächt und erschöpft war, habe er sich mit ihr angeregt unterhalten können. Ja sie hätten sogar darüber gelacht, dass sie den Koffer vom Vortag zum Glück noch nicht ausgepackt hatten. Um 7 Uhr fährt Urs Schwaller deshalb heim. Per SMS bittet ihn Elvira noch, ein neues Pijama mitzunehmen.

«Da schöpfte ich Hoffnung»

Spricht Urs Schwaller von den letzten Septembertagen, wirkt er gefasst. «Das war aber nicht immer so», erzählt er rückblickend: «Ich habe damals einfach funktioniert. Sonst wäre auch ich daran kaputt gegangen. Schliesslich wollte ich nach meiner Frau nicht auch noch mein Arbeitsumfeld und den Freundeskreis verlieren.» 

Zurück im Bürgerspital. «Als ich um 8 Uhr mit dem Koffer ankam, grüsste mich im Eingang eine bekannte Krankenschwester und sagte, sie hätten Elvira eben auf die Abteilung verlegt», erzählt Urs Schwaller. «Da schöpfte ich leise Hoffnung, war sogar ein bisschen erleichtert.» Doch im Zimmer der grosse Schock: Der rechte Mundwinkel hängt herunter und das rechte Auge ist zu. «Ich rannte sofort aus dem Zimmer und schlug Alarm.» Jetzt redet sich Urs Schwaller in Rage: «Und wieder nahm sich niemand wirklich meiner Frau an. Wen ich auch fragte, fühlte sich nicht zuständig oder kompetent und verschwand gleich wieder. Zwei Stunden später mussten wir meiner Frau sogar selber ein sauberes Pyjama anziehen.»

Dafür wird sich später ein Vertreter des Spitals zusammen mit Ärzten bei Urs Schwaller, seinem Sohn und dem Schwager in einem Gespräch entschuldigen. «Doch sogar für dieses Gespräch», enerviert sich Schwaller, «ging die Initiative von mir aus.» Eine Bekannte deponierte sein Klagen an ihrem Arbeitsplatz im Spital. Auf die anderen in diesem Text geäusserten Vorwürfe erhielten Urs Schwaller – das bestätigen auch sein Sohn und der Schwager, die ab Samstagmorgen ebenfalls im Spital mit dabei waren – bis heute keine für sie nachvollziehbaren Antworten (Reaktion des Spitals: siehe Kasten unten).

Urs Schwaller holen bis heute immer wieder dieselben Fragen ein: «Vielleicht würde meine Frau noch leben, wenn ich damals bestimmter aufgetreten wäre.» Oder: «Hätte ich die Fernsehsendung früher gesehen, in der ihre Beschwerden als Symptome für einen Hirnschlag genannt wurden, lebte Elvira vielleicht ebenfalls noch.»

«In der Verzweiflung rief ich schliesslich am Inselspital an was zu tun sei», erzählt Schwaller. Nun beginnen seine Erzählungen zu stocken. «Als ich die Zusage hatte, dass Elvira in Bern behandelt wird, sagten mir beim x-ten Gespräch auch die Solothurner Ärzte, dass man Elvira mit dem Helikopter in die Insel fliegen könne.»

Doch damit begann das lange Warten erst recht: «Um 13.40 Uhr traf der Helikopter ein, stand dann aber stundenlang herum.» Laut Urs Schwaller flog der Heli erst gegen 16.00 Uhr wieder ab. «Was dazwischen passierte, versteht niemand von uns.» Urs Schwaller, sein Sohn und der Schwager bitten mehrfach, die Frau, Mutter und Schwägerin sehen zu können. Oder zumindest darüber orientiert zu werden, was inzwischen passiert. Aus dem Austrittsbericht des Bürgerspitals geht lediglich hervor, dass die Mediziner bereits am Samstagmorgen Hinweise auf eine schlechte Durchblutung des Kleinhirns hatten. Am Mittag verschlimmerte sich der Zustand. Doch die genaue Ursache konnten die Solothurner nicht herausfinden (siehe Kasten rechts).

Hätte, wäre, wenn ...

In Bern wird die Patientin sofort untersucht. Weil noch nicht sämtliche Informationen aus Solothurn vorliegen, wird erst zwischen 19.30 und 20 Uhr eine Neurologin beigezogen. Noch in der Nacht auf Sonntag wird Elvira notoperiert. Doch nun muss Urs Schwaller mit seinen Erzählungen eine Pause einlegen. «Hätte, wäre, wenn ... – das nützt jetzt alles nichts mehr. Elvira war leider nicht mehr zu retten.» Auch kein Medienartikel bringe ihm seine langjährige Frau zurück. Trotzdem müsse er nun einmal in der Öffentlichkeit darüber reden, wenn er von anderen umstrittenen Behandlungen am Bürgerspital höre. «Das hätte alles nicht sein müssen.» Das Schweigen scheint den Erwachsenenbildner in leitender Anstellung fast zu erdrücken.

Dann fasst sich Schwaller ein Herz und erklärt in seinem Büro: «Wie Elvira stets wünschte, wurden die lebenserhaltenden Massnahmen nach Empfehlung der Ärzte eingestellt.» Was die Spezialisten der Insel nämlich herausfanden: Ein Gerinnsel hatte eine wichtige Hirnarterie verstopft. Wodurch ein Teil des Kleinhirns zu lang nicht mehr richtig durchblutet wurde.