Geschäftsbericht 2019
Erneut rote Zahlen und politischer Gegenwind: Solothurner Spitäler AG in schwieriger Lage

Die Solothurner Spitäler AG legt den Geschäftsbericht 2019 vor – und bewegt sich im Jahr des Neubaubezugs in einer schwierigen Lage.

Balz Bruder
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Verwaltungsratspräsidentin Verena Diener, flankiert von CEO Martin Häusermann (links) und Verwaltungsrat Alois Müller.

Verwaltungsratspräsidentin Verena Diener, flankiert von CEO Martin Häusermann (links) und Verwaltungsrat Alois Müller.

Tom Ulrich

Es war viel von Vertrauen die Rede, als die Verwaltungsratspräsidentin der Solothurner Spitäler AG (soH), Verena Diener, am Dienstagnachmittag den lange erwarteten Geschäftsbericht 2019 vorstellte. Sie sprach vom Vertrauen, das der Regierungsrat in die soH habe, sie sprach aber auch vom Vertrauen der Solothurnerinnen und Solothurner in die Institution. Dies, nachdem der Regierungsrat als Eigentümervertreter den Abschluss gleichentags abgesegnet hatte.

Und das kam nicht von ungefähr. Die soH spürt politischen Gegenwind. Es geht um Fragen der Führung, aber auch um solche der Kommunikation. Und nun kommen noch rote Zahlen hinzu – wenn auch nicht überraschend. Nachdem es schon 2018 eine rote Null abgesetzt hatte, gab es 2019 wieder eine. Die Rechnung des 600-Mio.-Franken Dampfers soH schliesst mit einem Jahresverlust von 5,7 Mio. Franken ab. Und dies trotz guter Auslastung der akutsomatischen Spitäler Solothurn, Olten und Dornach ebenso wie der Psychiatrischen Dienste.

Ärztlicher Direktor fristlos entlassen

Neue Entwicklung im Fall des Ärztlichen Direktors, der seinen Posten Ende April Knall auf Fall verliess: «Per sofort bis zum Ende des Arbeitsverhältnisses freigestellt», lautete die offizielle Diktion von Regierung und soH bis anhin. Nun hat das Unternehmen das Arbeitsverhältnis mit Volker Maier «aufgrund neuer Erkenntnisse mit sofortiger Wirkung beendet.» Nach Aussage von Verwaltungsratspräsidentin Verena Diener ist der Grund dafür das Verhalten von Maier. Dabei geht es insbesondere um eine «von ihm angeblich durchgeführte Studie, welche mit den ethischen, rechtlichen und professionellen Standards der soH unvereinbar ist.» Das Kündigungsverfahren ist noch nicht rechtskräftig abgeschlossen. Weitere Auskünfte gab Diener mit Rücksicht darauf sowie mit Verweis auf die arbeitsrechtliche Fürsorgepflicht und den Schutz der Persönlichkeit nicht. (bbr.)

Gründe für das Minus ortete Verwaltungsrat Alois Müller erstens bei den ambulanten Tarifstrukturen mit geringeren Einnahmen für gleiche Leistungen; zweitens beim Wegfall der Abgeltungen, welche die soH vom Kanton nicht mehr bekommt; drittens mit dem gestiegenen betrieblichen Aufwand. Müller sprach mit Blick auf den Abschluss von «keiner Überraschung», vielmehr betonte er die solide Bilanz und die hohe Liquidität des Unternehmens.

Die Aussichten, dass die soH mittelfristig wieder schwarze Zahlen schreibt, sind nicht nur wegen der Coronakrise schlecht (vgl. Kasten), sondern auch auf Grund der Tarifentwicklung. Aus diesem Grund haben Verwaltungsrat und Geschäftsleitung Massnahmen eingeleitet, um die Effizienz weiter zu erhöhen, ohne die Qualität zu mindern.

Bewegung gibt es nicht nur im operativen Betrieb, sondern auch auf der strategischen Ebene. Der Regierungsrat hat Psychiater Kaspar Aebi, Risk Manager Marcel Müller und Spitaldirektorin Orsola Lina Vettori als neue Mitglieder des Verwaltungsrats gewählt. Auf eigenen Wunsch aus dem Gremium ausgeschieden ist nach achtjähriger Tätigkeit Alois Müller, der auch den Verwaltungsratsausschuss Finanzen und Controlling leitete. Nach Aussage von Verwaltungsratspräsidentin Diener handelt es sich bei der Rochade um eine geplante Erweiterung – sowohl personell als auch fachlich. Aebi und Müller treten ihre Funktionen per sofort an, Vettori Anfang Oktober. Diener zeigte sich überzeugt, dass die Neubesetzung des Verwaltungsrats die richtigen Impulse für die wachsende und sich verändernde soH bringen wird.

Coronakrise reisst tiefes Loch in die Kasse

Schon heute steht fest: Die soH wird 2020 ohne eine finanzielle Abgeltung für die Kosten und Mehraufwendungen in der Coronakrise keine schwarzen Zahlen schreiben können. CEO Martin Häusermann zeigte auf, dass die Massnahmen zu einer «massiven Ergebnisverschlechterung» führen werden.

Konkret: In der ersten Phase des Lockdown (17. März bis 26. April) lagen die Ertragsausfälle pro Woche durchschnittlich bei 4,5 Mio. Franken, die Mehrkosten bei rund 5 Mio. Franken. Und auch nach der sukzessiven Wiederaufnahme des normalen Spitalbetriebs seit dem 27. April konnten die Leistungen nicht auf das Niveau vor der Krise heraufgefahren werden. Im Gegenteil: Das kantonal verordnete Schutzkonzept, aber auch die Vorsicht bei der Bevölkerung, sich in Spitalpflege zu begeben, führten zu einem «gravierenden Leistungsrückgang».

Auch wenn noch nicht im Detail absehbar ist, wie hoch die Ausfälle Ende Jahr sein werden, so steht doch schon heute fest: Für die soH wird 2020 auf der Basis der Vorjahreszahlen ein finanzieller Schaden von rund 62 Mio. Franken resultieren. Dies, nachdem bereits die bisherigen Ertragsausfälle und die zusätzlichen Kosten das Ergebnis um 42 Mio. Franken verschlechtern.

Verwaltungsratspräsidentin Verena Diener brachte denn auch deutlich zum Ausdruck, dass das Unternehmen von Bund und Kanton sowie den Krankenversicherungen die Übernahme von rund 60 Mio. Franken des erwarteten finanziellen Schadens übernehmen müssten. Der Alleinaktionär Regierungsrat wurde laut Diener über die Situation bereits ins Bild gesetzt. Konkrete Anträge der soH gibt es allerdings noch nicht.

Erfreulicher sind da die Leistungszahlen 2019: Die Zahl der stationären Patientinnen und Patienten stieg um beachtliche 2 Prozent, jene der ambulanten Patienten um 5,2 Prozent. Gesamt wurden in den drei Akutspitälern 30'240 Patienten stationär behandelt. Die Zahl der ambulanten Fälle lag bei 192 325. In den Psychiatrischen Diensten lagen die akutstationären Austritte 0,8 Prozent höher als im Vorjahr.

Nach wie vor ist die soH mit Abstand die grösste Arbeitgeberin im Kanton: Sie beschäftigte im vergangenen Jahr 4173 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Deren 424 befanden sich Ende Jahr in einer Aus- oder Weiterbildung. Der Frauenanteil beträgt 77 Prozent, 61 Prozent arbeiten in Teilzeit. Und noch zwei interessante Zahlen: In 11'753 Einsätzen haben die Rettungsfahrzeuge 375'000 Kilometer zurückgelegt. Und in den Restaurants wurde insgesamt 458'215 Menus zubereitett. (bbr.)