KV-Angestellte, Coiffeuse oder Detailhandelsfachfrau bei den jungen Frauen. Elektroinstallateur, Polymechaniker und Automobilfachmann bei den Männern. Allesamt attraktive Berufe, zweifellos. Seit Jahren stehen sie weit vorne auf der Liste von Schülerinnen und Schülern der Abschlussklassen, die sich auf die Suche nach einer Lehrstelle machen.

Entsprechen diese «Traumberufe» aber wirklich immer den eigenen Interessen und Fähigkeiten? Und: Hat die Berufswelt nicht noch viel mehr zu bieten? Wie wäre es zum Beispiel mit einer Lehre zur Hotelfachfrau oder zur Bekleidungsgestalterin? Und was verbirgt sich hinter der Ausbildung zum Lebensmittelpraktiker oder zum Entwässerungstechnologen?

Anmeldung übers Internet

An den erstmals von Ende Mai bis zweite Hälfte Juni stattfindenden «Erlebnistagen Beruf» haben neugierige junge Frauen und Männer die Möglichkeit, gerade auch in solche für sie – noch – unbekannte Berufe einzutauchen. Das Projekt ausgeheckt haben Urs Schmid und Thomas Jenni vom Lehrstellenmarketing des kantonalen Gewerbeverbands (KGV).

Und so funktionierts: Über die Website www.erlebnistageberuf-so.ch treten Schüler und Betrieb schnell und unkompliziert miteinander in Kontakt. In einer Suchmaske wählen die jungen Leute einen Beruf oder auch ein ganzes Berufsfeld – und schon spuckt das System einen oder mehrere Betriebe mit den entsprechenden Angeboten aus, samt einer Kurzbeschreibung des Berufs und und Verweisen auf die Firmenwebsite.

Findet ein Schüler ein interessantes Angebot, bewirbt er sich mit einigen wenigen persönlichen Angaben und ein paar Daten zu seiner Schule. Danach erhält er per E-Mail das Aufgebot des Betriebs. Er oder sie kann sich für ein oder auch zwei «Schnuppertage» entscheiden. Bei einzelnen Firmen stehen den interessierten Schülerinnen und Schülern eine ganze Reihe von Daten zur Auswahl, andere Betriebe öffnen ihre Türe an einzelnen Tagen.

Bis jetzt: 60 verschiedene Berufe

«Seit knapp drei Wochen ist die Website aufgeschaltet und laufend melden sich weitere Betriebe an», freut sich Lehrstellenexperte Urs Schmid im Gespräch mit dieser Zeitung. Zum Ziel gesetzt haben sich Jenni und Schmid eine Beteiligung von gegen 100 Lehrbetrieben (im Kanton gibts total 2500 ausbildende Unternehmen). Derzeit beteiligen sich gut 60 Firmen an den «Erlebnistagen». «Wir rechnen damit, dass bis Anfang Juni noch rund 20 weitere dazu kommen», so Schmid.

Die 60 Firmen decken mit ebenfalls rund 60 verschiedenen Berufen den grösseren Teil der 23 Berufsfelder ab. Die meisten Firmen, allesamt Kleinere und Mittlere Betriebe (KMU), sind dabei am Jurasüdfuss zwischen Grenchen und Olten angesiedelt. Mit dabei sind aber auch einzelne Betriebe aus dem Bucheggeberg oder dem Schwarzbubenland. Spannend ist es für die beiden Väter des Projekts, das Echo bei den Schulen sowie den Schülerinnen und Schülern zu verfolgen. Angemeldet haben sich bis jetzt 160 junge Frauen und Männer.

«Das Angebot richtet sich in erster Linie an Schüler der achten Klassen», hält Schmid fest. «Nach einer Abklärung ihrer Neigungen und Interessen stecken sie derzeit mitten im Berufsfindungsprozess.» Im Fach Berufsorientierung oder an Berufsinfomessen haben sie sich einen Überblick über die verschiedenen Berufsfelder verschafft. Die «Erlebnistage Beruf» bieten jetzt die Möglichkeit, das meist sehr theoretische Wissen mit praktischen Erfahrungen anzureichern.

«Man muss einen Beruf in der Praxis erleben, damit man sich ein echtes Bild davon machen kann», sagt Thomas Jenni, der neben seiner Tätigkeit im Lehrstellenmarketing als Geschäftsführer des kantonalen Autogewerbeverbands arbeitet. Das Studium von Berufsinfomappen vergleicht er mit dem Besuch eines Autosalons, wo man einen ersten Eindruck neuer Automodelle erhält. «Aber erst bei einer Probefahrt erfährt man, ob ein Auto wirklich zu einem passt.» An den «Erlebnistagen Beruf» packen die jungen Leute selbst mit an, tauschen sich mit gestandenen Berufsleuten und Lernenden aus – und erhalten so einen ersten Eindruck des Berufsalltags.

Fokussiert auf Industrieberufe gibt es im Kanton Solothurn mit dem Projekt «IB live» derzeit ein ähnliches Angebot. Angesprochen werden damit aber ganze Klassenverbände und nicht einzelne Schüler. «85 Prozent der Lernenden im Kanton absolvieren ihre Ausbildung in einem KMU», begründet Urs Schmid sein Engagement für die «Erlebnistage». Orientiert hat er sich dafür an der «gläsernen Werkstatt» im deutschen Bundesland Baden-Württemberg. In der Schweiz ist ihm derzeit kein ähnliches Projekt bekannt.

Entlastung für Lehrpersonen

«Mit den Erlebnistagen wollen wir die einzelnen Schüler auch zu mehr Mut in der Berufswahl auffordern», betont Thomas Jenni. Ein grosser Teil der Jugendlichen wähle seit Jahren unter den immer gleichen rund 15 Berufen aus, dabei gebe es gegen 300 Ausbildungsmöglichkeiten. «Wir stellen fest, dass die jungen Leute sich häufig für Berufe entscheiden, die sie aus ihrem persönlichen Umfeld gut kennen.»

Für Thomas Jenni bedeuten die «Erlebnistage» eine «Win-win-Situation» für alle Beteiligten. Für die Schülerinnen und Schüler, die praktische Berufsinformationen sammeln. Für die Betriebe, die eine Plattform für sich und ihre Berufe erhalten. Und auch für die Schulen. «Wir verstehen das Angebot als Entlastung für die Lehrerinnen und Lehrer.» Diese stellen ihren Schülern Zeitfenster von ein oder zwei Tagen zur Verfügung. Die Schüler organisieren sich aber selber. Über ein E-Mail des Betriebs werden die Lehrpersonen über das Aufgebot ihrer Schüler informiert. «Nach dem Berufseinsatz kann es dann sinnvoll sein, wenn die Schüler einen Bericht darüber verfassen.»

Nicht zu verwechseln sind die «Erlebnistage Beruf» im Übrigen mit der «Schnupperlehre». Diese dauert bis zu einer Woche und das oft bereits im Hinblick auf den Abschluss eines Lehrvertrags. Die «Schnuppertage» im Rahmen des neuen Projekts sind da völlig unverbindlich. Thomas Jenni: «Es ist aber durchaus denkbar, dass ein Schüler zu einem späteren Zeitpunkt im gleichen Betrieb eine Schnupperlehre absolvieren kann.»