Wer auf einem Instrument Unterricht erteilt, spielt es selber auch. Davon geht man aus. Bei Pia Bucher, seit 20 Jahren – und noch bis im Sommer - Lehrerin für Posaune an der Kantonsschule Solothurn, ist es etwas anders. Sie hat schon vor 24 Jahren aufgehört zu spielen – allerdings nicht freiwillig. Eine Dysfunktion im Kehlkopf zwang sie dazu. Bis dahin aber hatte sie eine Musikerkarriere erlebt, wie es in der Schweiz keine vergleichbare gibt, denn sie war die erste Frau, die als klassische Profiposaunistin feste Anstellungen in Berufsorchestern erhielt und international Karriere machte.

«Ich bin halt eine Entlebucherin», sagt sie und lacht herzhaft, «wenn sie sich etwas in den Kopf setzt, dann zieht sie es auch durch.» Am Konservatorium in Luzern begann sie mit dem Studium der Posaune und ihr Professor prophezeite ihr, dass sie es als Frau sehr schwer haben würde, denn die Domäne der Blechblasinstrumente war damals durchweg von Männern besetzt. 

Sie bekam es knallhart zu spüren, als sie 1976 beim Weiterstudium in Berlin sich auf eine Stelle im dortigen Radiosinfonieorchester meldete und mit weiteren Bewerbern zum Vorspielen eingeladen wurde. «Wat will denn n’Weib hier?», bekam sie zu hören. Pia Bucher kam in die Endrunde und hätte, wie sie nachträglich erfuhr, eigentlich am besten gespielt. Immerhin gewährte ihr das Orchester einen dreimonatigen Vertrag als Soloposaunistin. «Das war damals einmalig im ganzen deutschsprachigen Raum.»

Einer Vision gefolgt

In Freiburg im Breisgau hingegen wurde sie kurz darauf als Soloposaunistin beim Philharmonischen Orchester verpflichtet, bereitete sich aber parallel dazu auf das Solistendiplom vor bei Professor Branimir Slokar an der Musikhochschule in Bern. Denn sie folgte einer Vision, die sie als 18-Jährige hatte: «Ich hörte Branimir Slokar spielen im Berner Symphonie-Orchester, war hin und weg und sagte mir: Dort will ich auch einmal mitspielen.»

Was sie denn auch schaffte und sie wurde auch noch ins Slokar-Quartet berufen, eine der ersten Formationen mit vier Posaunen, die mit abendfüllendem, auswendig gespieltem Programm auf Tournee gingen. Es folgten Auftritte und Tonaufnahmen mit zahlreichen grossen und kleinen Orchestern sowie als Solistin. «Total waren es 17 Jahre, die ich als Soloposaunistin in einem Berufsorchester erleben durfte», sagt Pia Bucher. Ein Highlight war für sie, an den internationalen Musikfestwochen Luzern mitzuspielen in den Reihen der Berliner Philharmoniker unter Leitung von Herbert von Karajan bei der Aufführung von Anton Bruckners fünfter Sinfonie.

Ärzte konnten nicht helfen

Brutal änderte sich alles im Leben von Pia Bucher, als sie 1992 feststellen musste, dass sie Töne in der mittleren Lage auf der Posaune nicht mehr spielen konnte. Die Diagnose lautete: fokale Dystonie, Dysfunktion im Kehlkopf. Ärzte waren ratlos, hielten sie eher für eine Simulantin. Schliesslich traf sie Musik-Mediziner in Frankreich und Deutschland, die ihr aber nicht helfen konnten, auf die Bühne zurückzukehren, sondern zu akzeptieren, dass ihre Karriere zu Ende war. «Mehr und mehr wurde mir klar, dass ich längst nicht der einzige Mensch bin, der wegen seines Musikerberufes krank geworden ist», berichtet sie.

Überbelastung des Gehörs, Fehlhaltungen oder dauernde Anspannung führen zu solchen Krankheiten. Ebenso krank machend sei der immer stärker werdende Leistungsdruck. Pia Bucher entdeckte die Kinesiologie als eine taugliche Therapiemethode, bildete sich darin aus, heilte sich selber, eröffnete eine eigene Praxis und beschloss, eine Gesellschaft zu gründen, die sich den Problemen der Musiker annimmt. Mittlerweile ist die «Schweizerische Gesellschaft für Musik-Medizin SMM» seit 20 Jahren aktiv. Sie fördert Diagnostik, Therapie und Rehabilitation und führt jährlich Symposien durch.

Pia Bucher 2006 hinter ihrem einzigartigen Therapie-Instrument

Pia Bucher 2006 hinter ihrem einzigartigen Therapie-Instrument

Mehr Motivationsarbeit nötig

Auch wenn sie nicht mehr selber Posaune spielen konnte, für das Unterrichten reichten ihr Lehr- und Solistendiplom und die reiche Berufserfahrung längst aus. Und so kam sie 1997 als Lehrerin für Posaune an die Kantonsschule Solothurn, im Sommer per Ende dieses Schuljahres wird sie in Pension gehen. Es sei eine gute Zeit gewesen in einem gut harmonierenden Team von Lehrpersonen für Instrumentalunterricht und Gesang.

Ein Problem aber habe sie von Anfang an begleitet, sagt Pia Bucher: «Es kommen Schülerinnen und Schüler zu mir, die hatten zwar bereits Unterricht an einer Musikschule, es fehlt ihnen aber an den Grundlagen, sowohl beim Können, als auch beim Wissen. Es sollte halt auch im Kanton Solothurn so geregelt sein, dass nur professionelle Musiker auf dem Instrument unterrichten, für das sie ein pädagogisches Diplom haben.»

Grundlegend verändert hätten sich die Unterrichtsmethoden, erklärt Pia Bucher. «Man muss heute als Lehrperson sehr viel Motivationsarbeit leisten und auch damit umgehen können, dass Schülerinnen und Schüler offen und direkt reagieren. Und das alles in sehr kurzen Lektionen, die sind nämlich von 45 auf 22,5 Minuten pro Schüler zusammengeschrumpft.»

Pia Bucher glaubt daran, dass ihre Schülerinnen und Schülern bei ihr etwas gelernt haben. «Ich jedenfalls habe von ihnen viel gelernt. Denn durch die Arbeit mit den Jungen bleibe ich nicht im Denken meines Alters kleben. Ich sehe, wie sie auf die Anforderungen des Lebens reagieren.» Diese Erfahrungen kämen ihr zugute bei ihrer Arbeit als Kinesiologin im Bereich Stressmanagement, der sie sich weiterhin künftig zur Hauptsache widmen wird.