Taverna Amphorea, kleines, aber feines Restaurant in Solothurn. Brigit Wyss steht unweit des Eingangs bei der Theke und unterhält sich in einer fremden Sprache mit einer Angestellten. Erinnerungen an zurückliegende Ferien im südöstlichen Mittelmeer werden wach. So hört sich also griechisch im unwirtlichen Mittelland an, das sich mit aller Vehemenz gegen angenehmere Frühlingstemperaturen wehrt. Die grüne Regierungsratskandidatin hat nicht zuletzt dank ihrem Lebenspartner eine enge Beziehung zu Griechenland.

Traumdestination Nordkap

Weshalb sie denn als Traumdestination ausgerechnet das Nordkap angebe, wollen wir wissen, da müsse sie aber einen ordentlichen Umweg in Kauf nehmen. Man dürfe doch auch Träume haben im Leben, meint sie verschmitzt. Das Besteigen eines Viertausenders, oder die Suche nach Walen im Mittelmeer seien solche Träume gewesen, die irgendwann in Erfüllung gegangen seien. Jetzt stünden eben die Nordlichter auf der Liste. Und wie steht es mit dem Sitz in der Regierung, ist der ebenfalls aufgeführt? «Aber sicher, ich würde dieses Amt sehr gerne ausüben und einen Beitrag zum Wohle dieses Kantons leisten», erklärt Wyss mit fester Stimme und gönnt sich einen Schluck Panaché (hat keinen direkten Zusammenhang mit Panaschieren, obwohl sie damit beste Erfahrungen gemacht hat).

Historische Chance

Sie versprüht Zuversicht, nach dem guten Ergebnis des ersten Wahlganges. Die Grünen hätten nun am 14. April eine historische Chance in diesem Kanton. Aber es sei ihr natürlich bewusst, dass alle Anwärter stimmenmässig sehr nahe beieinanderlägen und sie deshalb auf eine möglichst hohe Wahlbeteiligung hoffe, was ihr letztlich zugute kommen sollte.

Übrigens, Frau Kandidatin, wie sind Sie hierher ins Restaurant gelangt? Draussen stehe das Velo, dieses brauche sie innerhalb der Stadt wenn immer möglich. Aber zuvor für den Arbeitsweg von Basel nach Solothurn habe sie die Bahn benutzt. «Zufrieden?» Auf ihre Partei angesprochen, bestätigt Brigit Wyss, dass die Grünen nicht in den 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts stehen geblieben sind.

«Ja, ja der Slogan hat für viel Gesprächsstoff gesorgt»

Die Politik habe sich gewandelt und mit ihr viele ihrer Parteikolleginnen und -kollegen, die nach vorne blickten und dabei alles andere als eindimensional politisierten. Was nicht heisse, dass die Kernthemen eine untergeordnete Rolle spielten. Dazu zählt die 52-Jährige die Energiefrage. Am schweizerischen Atomausstieg zweifelt sie keinen Augenblick. Das hänge mit den horrenden Gesamtkosten der Kernenergie zusammen und am Umstand, dass keine Region in unserem Land ein neues AKW hinnehmen würde. Zudem müssten wir dafür besorgt sein, dass künftig deutlich weniger umweltschädlich erzeugter Strom importiert wird.

Eine klassische Antwort à la «Bio, Bodenständig, Blond»? Sie schmunzelt vielsagend: «Ja, ja der Slogan hat für viel Gesprächsstoff gesorgt». Guten, oder schlechten? «Guten, aber ich muss zugeben, dass ich zuerst dagegen war. Doch dann haben wir da und dort Tests gemacht und die haben mich positiv überrascht.» Interessant, viele Frauen und darunter nicht wenige ältere fänden diesen Slogan «obercool».

«Kleine politische Familie»

Der Wahlkampf sei zwar happig gewesen, er habe aber richtig Spass gemacht. Wyss verweist auf das enorme Engagement in ihrem Umfeld sowie die vielen aufmunternden Reaktionen der Wählerinnen und Wähler. Der Frauenbonus? Zum Teil habe dies wohl durchaus mitgespielt, doch sie habe echte Unterstützung darüber hinaus gespürt. Immer alles Friede, Freude, Eierkuchen? Selbst beim Aufeinandertreffen der Kandidaten habe man als Beobachter nie den Eindruck von harter Konkurrenz gehabt, werfen wir ein. «Dem ist tatsächlich so. Wir bewegen uns hier im Kanton Solothurn in einer kleinen politischen Familie. Wir alle pflegen dabei über die Parteigrenzen hinaus gute Kontakte und schlagen uns folglich bei Debatten nicht gleich die Köpfe ein, selbst wenn die Positionen weit auseinanderliegen», und das täten sie zuweilen ganz erheblich, erklärt Wyss den von aussen betrachtet zuvorkommenden Umgang der Rathausstürmer untereinander.

Akzente setzen

Apropos Rathaus, wie schaut frau an der Schwelle zur Regierungstätigkeit auf das mögliche Amt? «Mit viel Respekt und dem Wissen, dass ich dabei nicht einfach alles auf den Kopf stellen könnte». Aber Akzente setzen möchte sie auf jeden Fall, deponiert die Kurzzeitnationalrätin und führt weiter aus, dass für sie der ideale Zeitpunkt für eine neue Herausforderung gekommen sei. Zeit, auch das Bier auszutrinken und das Gespräch zu beenden - die Taverna füllt sich mit hungrigen Gästen. Eine kämpferisch-optimistische Brigit Wyss steigt vor dem Restaurant wieder aufs Velo. Ein Hauch von einem Sonnenstrahl dringt durch das Altstadttor herein - als wärs ein Botschafter der erträumten Nordlichter. Vielleicht geht bereits in vierzehn Tagen ein anderer Traum in Erfüllung.

Bereits erschienen: Auf ein Bier mit . . . Remo Ankli (FDP, Beinwil), 3. April.