Ciril Kammermann ist Linienrichter bei internationalen Tennisturnieren, er spielt auch schon mal als Statist in einem Kinofilm mit, er wälzt Projekte aller Art, reist in der Weltgeschichte herum, wenn er günstige Flugtickets im Internet findet und verdient seinen Lebensunterhalt als Produzent im Aargauer Medienhaus, das auch diese Zeitung herausgibt. So das bisherige Leben des 32-jährigen Bellachers.

Das könnte sich am kommenden 9. Dezember ändern, wenn er von der Vereinigten Bundesversammlung in den Bundesrat gewählt würde: Kammermann hat sich als Kandidat bei der Bundeskanzlei ordnungsgemäss angemeldet. Die Bestätigung seiner Kandidatur ist inzwischen eingegangen.

Das Bewerbungsschreiben

Das Bewerbungsschreiben

Die Bestätigung der Bundeskanzlei

Die Bestätigung der Bundeskanzlei

Ein Selbstversuch, der aufzeigen soll, wie die volksnahe Demokratie in der Schweiz funktioniert. Dessen sind sich längst nicht alle Bürgerinnen und Bürger in unserem Land bewusst: Alle Stimmberechtigten sind in den Bundesrat wählbar. So will es unsere Verfassung.

Zur Vereidigung bereit?

Und, wie wird Kammermann den Wahltag verbringen? Wird er sich bereithalten, falls er nach einer Wahl vereidigt werden müsste? Er lacht herzhaft: «Ich werde die Wahl auf jeden Fall aufmerksam verfolgen, das politische Geschehen interessiert mich sehr, aber selbstverständlich wird meine Bewerbung auf den Wahlausgang keinen Einfluss haben.» Als Staatsbürger hat ihn ganz einfach das ganze Prozedere interessiert.

Das geht offensichtlich noch etlichen anderen so. Regelmässig gehen bei Bundesratswahlen zwischen 10 und 20 Schreiben ein, von Bürgern, die an diesem grossen Tag einmal in nächster Nähe dabei sein wollen – und wenn es lediglich in Papierform ist. Die Bewerbungen der «Wilden» werden nämlich gesammelt und für die Parlamentarierinnen und Parlamentarier aufgelegt, damit sie sich ein Bild darüber machen können.

Wahrscheinlicher: Machen könnten. «Diese Schriftstücke dürften an diesem Tag kaum Beachtung finden», gibt sich Ciril Kammermann realistisch. Aber immerhin, Martina Buol, die stellvertretende Generalsekretärin, hat ihm am 28. Oktober bestätigt: «Die Bundesversammlung wird über Ihre Kandidatur in Kenntnis gesetzt.»

Um das Spiel noch auf die Spitze zu treiben, wollen wir von Ciril Kammermann schon noch wissen, welche politische Richtung er denn vertreten würde, wenn er – wie auf der Fotomontage zu sehen – neben Ueli Maurer für das Bundesratsbild posieren müsste. Er wähle bürgerlich, «entsprechende Positionen werde ich einbringen», sagt er mit einem Schmunzeln im Gesicht. Ob diese Aussage in etwa gleich ernst gemeint ist wie die Bewerbung, bleibt letztlich offen.

Weshalb bloss?

Auf die Idee mit der Bewerbung hat Kammermann übrigens eine Recherche im Internet gebracht. Unlängst sei er auf der Suche nach seiner Maturaarbeit auf ein anderes Dokument gestossen, das sich mit der Bundesratswahl auseinandergesetzt hat. Das sei der eigentliche Auslöser gewesen. Dass er die Bundeskanzlei mit seiner Bewerbung unnötig auf Trab halte, glaubt er nicht: «Ich habe bloss durchgespielt, was die Bürgerrechte vorsehen. Zusätzliche Stellen mussten deswegen kaum bewilligt werden», fügt er schalkhaft an.

Gut möglich, dass Ciril Kammermann am kommenden 9. Dezember tatsächlich hautnah am Geschehen dabei sein wird und eins zu eins miterleben kann, ob die Mitglieder der Vereinigten Bundesversammlung von seiner Bewerbung Kenntnis nehmen und für wen sie sich letztlich entscheiden werden: Der Andrang auf der Tribüne im Ratssaal ist riesig. Deshalb werden jeweils 10 Sitz- und 10 Stehplätze verlost. Noch bis zum 25. November könnten sich Interessierte anmelden. Ciril Kammermann hat dies selbstverständlich längst getan.

Was halten Sie davon, wenn jemand vom Bürgerrecht, das in der Bundesverfassung verankert ist, Gebrauch macht und als Bundesrat kandidiert?