Auch ein elffacher Schweizer Meister muss jedes Jahr von neuem beweisen, dass er sein Handwerk noch im Griff hat. So steigt Markus Gäumann auf den hinteren Platz des zweisitzigen Segelfliegers und lässt sich in den Himmel über der Grenchner Witi schleppen. Nach rund 20 Minuten landet er bereits wieder. Der Experte ist zufrieden und die Lizenz für ein weiteres Jahr verlängert.

Als 17-Jähriger begann Markus Gäumann mit der Fliegerei, indem er den militärischen Vorkurs absolvierte. 1981 wurde er Dritter an den Schweizer Meisterschaften. Danach flog er regelmässig an Welt- und Europameisterschaften und wurde einmal Zweiter des Weltcups. Und nun, als 64-Jähriger, ein zweiter Platz in der offenen Klasse, der «Formel 1» unter den Segelfliegern. «Dazwischen gab es elf Meistertitel. In den vergangenen Tagen wurde ich deshalb schon ab und zu gefragt, ob ich diesen zweiten Platz als Niederlage empfinde. Nein, ich bin zufrieden, weil ich sehr gut geflogen bin. Sieger Markus Von der Crone war einfach noch etwas besser.»

Kleine Gruppe Gleichgesinnter

«Wir sind eine kleine Gruppe, jeder kennt jeden. Und wir verfügen über einen sehr vielseitigen Flugzeugpark», sagt Gäumann, der in Schönbühl wohnt, über die Segelfluggruppe Solothurn. Diese zählt etwa 30 aktive Mitglieder zwischen 14 und 70 Jahren. Sieben Schüler sind dabei, den Sport zu lernen. Die Prüfung kann frühestens mit dem
16. Geburtstag abgelegt werden.

Gleich südlich des Flugplatzes Grenchen verfügen die Segelflieger über eine eigene Rasenpiste. Eigentlich sind es sogar zwei, wobei die zweite normalerweise dem Turm des Flugplatzes unterstellt ist. Aber wenn die Segelflieger Hochbetrieb haben, dann übernehmen sie auch die Kontrolle der zweiten Rasenpiste, auf der dann die motorisierten Schleppflugzeuge landen können.

«Besser könnte man es nicht haben», findet Markus Gäumann. Dem Jura entlang gibt es Stellen, an denen man fast immer einen Aufwind finden kann: Stierenberg, Hasenmatt, Montoz, Chasseral, Mont Soleil. «Hotspots», nennen die Segelflieger diese beliebten Wendepunkte, wo sie sich bis auf 3'000 Meter in die Höhe schrauben dürfen.

Der Startpunkt ist meistens auch das Ziel, aber das kann der Segelflieger nicht immer erreichen. «Ich habe in meiner Karriere vielleicht 100 Aussenlandungen gemacht und 99-mal hatte der Bauer Freude», sagt Gäumann. «Meistens wird man spontan zum Zvieri eingeladen. Wenn wir bei der Landung auf einem Feld etwas kaputt machen, dann zahlen wir natürlich dafür.»

Kapitalintensives Hobby

Die Segelflugzeuge der offenen Klasse kosten schnell einmal 350'000 Franken. Kleinere Flieger gibt es ab etwa 100'000 Franken. Ein kapitalintensives Hobby also, aber laut Gäumann, dem eine Nimbus 4M mit einer Spannweite von 26,4 Metern gehört, trotzdem nicht sehr teuer. «Wenn man den Flieger als Klubmitglied mietet, dann kommt eine Saison nicht teurer als eine Wintersaison für einen Skifahrer. Mein Flieger hat Jahrgang 1994 und ist immer noch international konkurrenzfähig. Und ich könnte ihn sicher noch zum halben Neupreis von damals verkaufen.»

Unter den Wolken finden die Segelflieger ohne grössere Schwierigkeiten einen Aufwind. An einem wolkenlosen Tag sieht das etwas anders aus, da braucht es mehr Erfahrung. «Da sucht man auf dem Boden anhand von kleinen Hügeln und der Vegetation Stellen, an denen sich die warme Luft vom Boden lösen könnte», erklärt der routinierte Segelflieger. «Ein frisch geerntetes Kornfeld, auf dem die Dreschmaschine Staub aufgewirbelt hat, könnte so ein Merkmal sein, oder ein einsamer Baum, an dem die Luft aufsteigen und die bodennahen Schichten nachziehen kann.»

Trotzdem ist es selbst für einen elffachen Schweizer Meister nicht einfach, den Reiz des Segelfliegens in Worte zu fassen. «Man ist konstant gefordert und jede Entscheidung hat unmittelbare sichtbare Folgen. Wir fliegen mit dem Wetter und nicht gegen das Wetter. Mit allen modernen Hilfsmitteln kann man am Schreibtisch sehr weite Flüge planen und die Wahrscheinlichkeit, dass es gelingt, ist recht gross.»

Mit der viel besungenen Freiheit über den Wolken sei es dagegen längstens vorbei. «Die ganze Schweiz ist ein Mosaik von verschiedenen Lufträumen, überwacht durch das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl). «Wenn man nur einen Meter in eine gesperrte Zone hineinfliegt, bekommt man vom Bazl eine happige Busse.»