Holzschlitten

Erfinder: «Der Weissenstein-Schlitten ist kein harter Bock»

Architekt Guido Kummer hat den Weissenstein-Schlitten entworfen. Jetzt sind die ersten 60 Exemplare fertig. Produziert werden sie in Handarbeit im Thurgau.

Erwin Dreier liebt den Winter. Aus einem einfachen Grund: Kommt der Schnee, läuft das Geschäft, buchstäblich. Der Wagner und Schreinermeister fertigt in seiner Werkstatt in Sulgen TG Holzschlitten. Üblicherweise sind das «Davoser» oder «Grindelwalder».

Doch derzeit baut die kleine Firma mit elf Mitarbeitern ein besonderes Produkt: Seit November 2016 gibt es auch den «Weissensteiner» im Angebot. Entwickelt und designt hat ihn der Solothurner Architekt Guido Kummer, der auch die Mittel-, Berg- und Talstation der neuen Gondelbahn auf den Weissenstein geplant hat.

Kummer übernahm beim Schlitten das charakteristische Element seiner viel gelobten Bauten am Berg: die Holzbögen. Wie bei den drei Gondelbahnstationen finden sich die Holzbögen nämlich auch am neuen Schlitten.

Dank ihnen kommt der «Weissensteiner» ohne Eisenverstrebungen aus: Bei Kummers Holzschlitten sind die Kufen unten und der Rahmen oben nämlich durch ineinandergreifende Holzbögen verbunden. Unten auf den Kufen stehen zwei Bogenpaare in die oben (seitenverkehrt), ein weiterer Bogen eingelassen und «eingeklemmt» ist. Der obere Bogen stützt sich auf dem unteren ab.

Das sorgt für eine bessere Federung. Ebenso wie die Sitzlatten, die nur über Lederriemen mit dem Rahmen verbunden sind. Im Gegensatz zu seinen Artgenossen aus Davos oder Grindelwald fängt der «Weissensteiner» Schläge besser ab. Guido Kummer: «Der ‹Weissensteiner› ist kein harter Bock.»

Schweizer Holz

Bereits 2015 hat Kummer einen Prototypen seines Schlittens vorgestellt. Beim Serienmodell ist nun die Sitzfläche etwas breiter geworden. Kummer: «Dadurch ist der Schlitten bequemer, sicherer und spurtreuer.»

Schreinermeister Dreier verwendet für seine Schlitten nur Eschenholz aus der Umgebung. «Esche ist besonders elastisch und bricht nicht so leicht.» Die Bäume sucht er selbst mit den Waldbesitzern und Förstern aus. Nach dem Sägen werden sie ein bis zwei Jahre lang getrocknet.

«Wir machen hier alle Arbeitsschritte selbst», erzählt Martin Hürzeler (22) aus Grod bei Däniken. Der Solothurner Schreiner macht im Thurgau eine zweijährige Zusatzlehre als Wagner und fertigt seit letztem Sommer die Weissen-steiner fast im Alleingang. Auf die Holzkufen werden mit Laser zugeschnittene Eisenschienen montiert.

Firmenchef Erwin Dreier: «Für den ‹Weissensteiner› haben wir – wie bei einem Sportrodel – einen nach innen verbreiterten, 24 Millimeter breiten Gleitstahl für eine bessere Lauffläche verwendet. Damit wird auch das Holz weniger abgenutzt.» Die zwei Schienen sind auch wie Ski geschliffen und behandelt.

Im Winter 2015/16 wurden elf Prototypen auf dem Weissenstein und den verschiedenen «Schlittelparadiesen» der Schweiz getestet. Diese Erfahrungen flossen in die Serienprodukte ein, welche seit Mitte November 2016 im Verkauf sind.

«Mit einem solchen ‹Weissensteiner› ist der 4,5 Kilometer lange Schlittelweg nach Oberdorf ein Naturerlebnis pur», schwärmt Kummer. Für den Erbauer war der Weissenstein bereits in seiner Jugend «das Highlight» seines Schlittelreviers.

Erste Kleinserie von 60 Stück

Zwischen 3000 und 5000 Schlitten baut die Ostschweizer Firma 3R pro Jahr, je nach Wunsch auch mal in Pink oder mit eigener Gravur. Seit gut 80 Jahren ist sie im Geschäft. Auf 2000 m2 Gesamtfläche arbeiten elf Personen, darunter auch zwei Wagnerlehrlinge. Für 2016 erwartet Dreier einen Umsatz von über einer Million Franken.

Die Firma stellt zu 60 Prozent Schlitten her. Bis zu fünf Prozent der Schlitten werden exportiert, vor allem nach Deutschland. Intersport Schweiz AG in Ostermundigen und Ochsner Sport (Dosenbach-Ochsner AG) in Dietikon sind die grössten Wiederverkäufer. Die Lenzerheide, Jakobsbad-Kronberg, Pilatus und Kandersteg halten für ihre Gäste 3R-Mietschlitten bereit.

Elf Schlitten zählte die Vorserie des Weissenstein-Schlittens von 2015. Die Herstellung ist Handarbeit. Nur schon deshalb sei eine Massenproduktion nicht angedacht. Doch die ersten
60 Stück – in einer langen und einer kurzen Version – sind nun bereit. «Die reine Handarbeit», so Guido Kummer, «und die hohe Qualität haben ihren Preis, daher war nie eine Massenproduktion angedacht.»

Kummer freut sich aber, dass bereits vor Verkaufsstart zehn Schlitten verkauft sind. Es gibt sie noch, die schneebegeisterten Designliebhaber, die sich für den Kauf eines handwerklichen Erbstücks entscheiden.

Der Schlitten ist ab 425 Franken bei 3R AG oder bei Bergsport Bordogna Solothurn erhältlich.

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