Demonstration
Er war bei der Demonstration gegen das AKW Gösgen dabei: «Ich war nicht der Polizeikommandant»

Vor 40 Jahren kam es zur grossen Demonstration gegen das AKW Gösgen. Es waren unruhige Zeiten, auch für Gottfried Wyss, der damals Solothurner Polizeidirektor war. Als SPler musste er gegen SPler vorgehen.

Lucien Fluri
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Auch mit 96 erinnert sich alt Regierungsrat Gottfried «Godi» Wyss noch genau an die Anti-AKW- Demonstrationen im Niederamt 1977.

Auch mit 96 erinnert sich alt Regierungsrat Gottfried «Godi» Wyss noch genau an die Anti-AKW- Demonstrationen im Niederamt 1977.

LFH

Im Dienst-BMW fährt Regierungsrat Gottfried Wyss am Nachmittag des 2. Juli 1977 den Demonstranten entgegen. Es droht heikel zu werden beim AKW Gösgen. In der linken Hand hält der Solothurner Polizeidirektor das Mikrofon. Wyss möchte die Konfrontation verhindern. «Im Namen des Regierungsrates des Kantons Solothurn», schallt es aus den Lautsprechern auf dem Autodach. Dann geht seine Stimme in den Protestrufen der AKW-Gegner unter. «Übernehmt Verantwortung für das, was danach passieren muss. Ich bitte euch, überlegt gut, was ihr macht», ist in einem erhaltenen Mitschnitt noch zu hören. Dann skandieren Demonstranten «Schluss mit Diskutiere». Bierflaschen seien geflogen, sagt Gottfried Wyss heute.

Tränengas lag im Sommer 1977 in der Niederämter Luft. Mehrere Tausend Demonstranten trafen auf Schützenpanzer und Polizisten in Kampfmontur, als sie die Zufahrtswege zum im Bau befindlichen AKW besetzen wollten. Die Staatsmacht greift mit Gummischrot und Wasserwerfern durch. Mittendrin war Gottfried Wyss, Regierungsrat und Polizeidirektor. Heute ist er einer der letzten noch lebenden Zeitzeugen, die damals in der Verantwortung standen.

In beneidenswert guter Gesundheit erinnert sich der 96-jährige ehemalige Magistrat in seinem Wohnzimmer in Gerlafingen an die damalige Zeit. Hellwach formuliert er: «Ich war nicht der Polizeikommandant. Ich habe schlicht die Stellung des Regierungsrates vertreten.» Diese war klar: Demonstration ist gestattet, Besetzung wird verhindert. «Diese Haltung habe ich persönlich auch mitgetragen», sagt Wyss. «Aber ich habe jedem Bürger zugebilligt, gegen das AKW zu sein.» Als es aber zum Besetzungsversuch der Zufahrtsstrassen kam, griff die Polizei trotzdem ein.

Die ältere SP-Generation befürwortete den Bau des Atomkraftwerks Gösgen

Dieser Kampf gegen Gösgen hat eine ganze Generation von heute aktiven links-grünen Politikern politisiert. Für Grünen-Fraktionschefin Barbara Wyss Flück war er ebenso prägend wie für SP-Kantonsratspräsident Urs Huber, der von seinen Eltern an die Demo mitgenommen wurde. Für SP-Nationalrat Philipp Hadorn wurde damals der Kampf gegen AKW zum Steckenpferd, und SP-Regierungsrätin Susanne Schaffner, die Nachfolgerin von Godi Wyss und heutige Polizeidirektorin, war ganz in der Nähe des AKW aufgewachsen. «Ich war als Kind konfrontiert mit der Polizeigewalt gegen friedliche Demonstranten», sagte sie einmal. Solche Erzählungen prägen heute die Eindrücke der damaligen Zeit.

Als es heikel wurde, sprach Wyss aus dem Dienstauto zu den Demonstranten. Die Polizei griff später durch.

Als es heikel wurde, sprach Wyss aus dem Dienstauto zu den Demonstranten. Die Polizei griff später durch.

Thomas Ledergerber und Patrick Lüthy/Imagopress

Doch Gottfried Wyss erzählt die andere Seite der Geschichte. Die SP war eben nicht immer die Anti-AKW-Partei, die sie heute ist. Im Gegenteil. Bundesrat Willi Ritschard, der Solothurner SP-Übervater, war ein Atombefürworter, wie andere SP-Exponenten auch. Der Bau des Kernkraftwerks Gösgen geht nicht zuletzt auf einen 1967 im Kantonsrat eingereichten SP-Vorstoss zurück. Man habe das Positive in der Kernkraft und im Bau von Gösgen gesehen, erinnert sich Gottfried Wyss. Der technische Fortschritt sollte auch für die Arbeiter Wohlstand bringen. «Wir haben einen Gewinn von Arbeitsplätzen im Niederamt gesehen, das ausser Bally nicht viel hatte.» Er habe zwar auch die Risiken gesehen, sagt Wyss, aber doch gedacht, «dass wir ohne nicht durchkommen». Und nicht zuletzt war der Kanton Mitbesitzer der damaligen KKW-Bauherrin Atel, die später zur Alpiq wurde.

Doch dann kam es zum Generationenkonflikt in der SP. Die Partei gab sich einen grüneren Anstrich; Akademiker lösten die Arbeiter ab. «Ab den 1960er-Jahren gab es in der SP eine Aufbruchstimmung bei den Jungen», erinnert sich Wyss. «Sie forderten eine aktivere Politik und haben begonnen, Amtsträger anzugreifen.» Ihm wurde vorgeworfen, zu kompromissbereit zu sein. Umweltschützer, Frauen, Armeegegner, Solidaritätstruppen mit der Dritten Welt: «Sie alle wurden in den 70er-Jahren auch im Kanton Solothurn aktiv, und ihre Ideen fanden in der Solothurner SP Eingang, wenn es auch in einzelnen Sektionen zu Widerständen der Etablierten und anderer, vorwiegend älterer Genossen kam», schrieb der Historiker Jean-Maurice Lätt in seinem Buch «120 Jahre Arbeiterbewegung im Kanton Solothurn». Der konsensorientierte, versöhnliche Kurs der 50er- und 60er-Jahre war nicht mehr gefragt. Als «Führungswechsel von der Aktivdienstgeneration zu derjenigen der 68er», hat es der Oltner Historiker Dieter Ulrich bezeichnet.

Den Wandel bekam Gottfried Wyss am eigenen Leib zu spüren. 1985, bei den Regierungsratswahlen, kam es zum offenen Konflikt zwischen dem Amtsträger und seiner Partei. Die jungen Kräfte wollten ihn nicht mehr als Regierungsrat aufstellen. «Ich wollte eigentlich auch nicht mehr antreten», sagt Wyss. Doch da auch der zweite SP-Regierungsrat, der Oltner Rudolf Bachmann, nicht mehr antrat, habe er sich doch noch einmal angeschickt. Wyss wollte einen gestaffelten Rücktritt der SP-Regierungsräte. Eine Doppelvakanz, so fürchtete man, führt zum Sitzverlust und bringt nur der CVP den zweiten Sitz.

Am Parteitag in Oensingen entschied sich die SP jedoch, mit zwei neuen Kandidaten ins Rennen zu steigen. Die Partei sägte Godi Wyss, seit 1974 im Amt und vom Spanienreisli wie die anderen Regierungsräte gezeichnet, ab. Als der Polizeidirektor den Parteitagssaal verliess, berief er sich auf Erich Kästner. «Nie sollt Ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man Euch zieht, auch noch zu trinken!», diktierte er einem Journalisten. Wyss trat ohne Parteiunterstützung an. «Ich wollte wissen: Habe ich so viel Blödsinn gemacht, dass mich das Volk nicht mehr will?» Das Resultat war mehr als deutlich. Godi Wyss wurde klar wiedergewählt, die beiden offiziellen SP-Kandidaten hatten keine Chance.

«Ich bin noch heute Sozialdemokrat»

Welche Rolle spielten die Vorfälle in Gösgen noch, als die SP Wyss 1985 nicht mehr aufstellen wollte? Kaum eine, sagt er. Es sei mehr um den Generationenkonflikt gegangen. Für die SP hatten die Wahl und der parteiinterne Graben Folgen: Für lange Jahre blieb ihr nur noch ein Sitz im Regierungsrat. 1987 verloren die Sozialdemokraten auch ihren Ständerats- und 1991 einen Nationalratssitz, der Wähleranteil sank. Trotzdem war der spätere Ständerat Ernst Leuenberger (†), damals der grosse Antipode von Godi Wyss, überzeugt: «Wenn wir den Prozess von 1984/85 nicht inszeniert hätten, wäre die Partei heute eine 10-Prozent-Partei. Die Partei hätte keine Erneuerungskraft mehr gehabt», sagte Leuenberger einst dem Historiker Dieter Ulrich.

Gottfried Wyss sieht das heute etwas anders. «Inwieweit die schlagkräftigere SP, die damals gefordert wurde, ein Schlagwort blieb, möchte ich nicht beurteilen», sagt der 96-Jährige in seinem Wohnzimmer. Es ist die scharfzüngigste Spitze, die er sich im Gespräch erlaubt. Wyss blickt versöhnlich zurück, mit seiner Partei scheint er trotz der Konflikte im Reinen. «Ich bin nie aus der SP ausgetreten und die Partei hat mich auch nie ausgeschlossen.» Im Gegenteil. Für Gottfried Wyss ist die SP noch immer die Partei, zu der er gehört. «Ich bin noch heute Sozialdemokrat», sagt der 96-Jährige. «Bei den Nachteilen, die wir heute im Arbeitsleben als Resultat der kapitalistischen Wirtschaft feststellen, ist es nötig, dass es Parteien gibt, die politische Korrekturen anstreben.» Wenn er zurückblickt, dann denkt der frühere Polizei- und Innendirektor, in dessen Telefonbucheintrag noch heute «a. Polizeidir.» steht, weniger an Gösgen, sondern daran, dass er die Alimentenbevorschussung für alleinerziehende Frauen auf den Weg gebracht hat. Und auch dass die Polizisten Namensschilder tragen und sich dem Bürger vorstellen müssen, wenn sie ihn anhalten, hat Gottfried Wyss durchgesetzt.

1988 ist Gottfried Wyss zurückgetreten. Öffentlich geäussert hat er sich zu politischen Themen seither kaum mehr. «Man macht seine Aufgaben, und dann geht man.» Nach seinem Rücktritt hat der studierte Bezirkslehrer einen Verlag gegründet und verkannte Arbeiterdichter verlegt. Auch er selbst hat ein Büchlein mit Gedankensplittern geschrieben. «Bim schöne Wätter isch ring Kapitän z sy», heisst einer.