Pablo J. Loosli
Er verbringt bereits 11 Jahre freiwillig hinter Gittern

Pablo J. Loosli ist Direktor des modernsten Gefängnisses der Schweiz. Der 61-Jährige hat die letzten 11 Jahre hinter Gefängnismauern verbracht und schon manches üble Gefängnisloch auf dieser Welt gesehen.

Theodor Eckert
Merken
Drucken
Teilen
Pablo J. Loosli auf der Terrasse «seines» neuen Gefängnisses.

Pablo J. Loosli auf der Terrasse «seines» neuen Gefängnisses.

Theo Eckert

Ich kenne mehr als einen Paul. Um dem Kurznamen etwas Farbe zu verleihen, nennen die sich allenfalls «Paaaauuul» – die Vokale vornehm dehnend – oder dann aber hemdsärmelig einfach «Pöilu». Doch keiner würde es wagen, hochoffiziell als Pablo aufzutreten und auch so zu zeichnen.

Abgesehen von einem, er tut es. Was denn auch nicht weiter überrascht, wenn man sich eingehend mit ihm unterhält. Der Grund ist nicht darin zu suchen, dass er die letzten 11 Jahre seiner bisher 61 Lenze hinter Gefängnismauern verbracht hat.

Es ist, wie so oft im Leben, wesentlich einfacher: Die exotisch angehauchte Paul-Version begleitet ihn hartnäckig seit seiner Kindheit, als ein Lehrer den geschwätzigen Klein-Päuli kurzerhand mit den Worten «Pablo raus» vor die Türe setzte.

Ganz offensichtlich ist Pablo in der Folge dennoch mit ausreichend Lerninhalten in Kontakt gekommen. So wurde ein Geograf aus ihm. Er war während sieben Jahren als IKRK-Delegierter in der Welt unterwegs. Noch heute unterstützt er ein Hilfsprojekt in Eritrea, von wo auch seine Frau stammt. Das Land hatte ihn vor Jahren gar als Gesandten zu einem Kongress nach Indien delegiert. Später ist er sesshafter geworden, ohne eine gesunde geistige Unruhe zu verlieren. Beim bernischen Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt hatte er schliesslich eine wichtige Führungsfunktion inne.

Praktisch von einem Tag auf den andern gings ins Gefängnis

Und dann, ja dann wanderte Pablo praktisch von einem Tag auf den andern in den Knast. Da dürfte der Vater von zwei erwachsenen Kindern bis zu seiner Pensionierung sitzen bleiben.

Hinter einem doppelten, mit Stacheldraht dekorierten Gitterzaun, der mit menschlicher Sprungkraft nicht zu überwinden ist. Viel Videoüberwachung, noch mehr Beton, unzählige verschlossene Türen und farbige Böden umgeben ihn. Hochsicherheitseinrichtungen sorgen dafür, dass er nicht ungehindert einen Abstecher ins Deitinger Autobahnrestaurant machen kann. Doch wenn er unbedingt will, kann ihn nichts und niemand zurückhalten. Denn er ist der Direktor der neuen Justizvollzugsanstalt Schachen – dem modernsten Gefängnis unseres Landes. Seinen vollen Namen gibt er mit Pablo J. Loosli an. Genau so steht es auch auf der Unterschrift seiner E-Mails.

Der Mann scheint in sich zu ruhen. Null Hektik. Er formuliert präzise, spricht flüssig, seine Sätze bleiben haften. Dabei hätte Loosli allen Grund zur Nervosität, nachdem in seiner Anstalt in kurzen Abständen zweimal der Strom nicht floss, wie allgemein erwartet. Auf die leichte Schulter nimmt er die Zwischenfälle nicht. Er analysiert das Geschehen, zieht Bilanz und lässt die Mängel am Neubau beheben. Die allgemeine Aufgeregtheit kann er nachvollziehen, doch die landesweit aufgeschreckten Medien mit ihren kritischen Fragen haben bei ihm keine bleibenden Spuren hinterlassen – um ihn aus der Fassung zu bringen, scheint es mehr zu brauchen. Aus seiner Sicht ist weder die innere noch die äussere Sicherheit gefährdet gewesen.

Dem Bild des unnahbaren, knallharten bis brutalen Gefängnisherrschers aus amerikanischen Filmen wird Pablo J. Loosli nie und nimmer gerecht. Aber ebenso wenig entspricht er dem Stammtischklischee, das in ihm den verlängerten sanftmütigen Arm einer vermeintlichen Kuscheljustiz sieht. Doch wofür steht der Mann, der in vorgerücktem Alter noch ein Kriminalistik-Studium absolviert hat? Loosli lässt sich nicht so leicht in ein Schema pressen. Er verkörpert den Individualisten, der es gewohnt ist, nicht andere für sich denken zu lassen. Er sieht über den eigenen Tellerrand hinaus und versucht innerhalb des vorgegebenen gesetzlichen Rahmens seine Ideen umzusetzen.

Das hat er bereits im Regionalgefängnis Thun gemacht. Seine Lehrjahre hinter Mauern, die er unter schwierigsten Voraussetzungen antrat. So hat er zur Betreuung der Gefangenen auch schon mal Zivilschützer eingesetzt. Dank guten Sprachkenntnissen fanden die Studenten den Zugang zu den «Knackis» weit besser als die Festangestellten, sehr zu deren Leidwesen.

Klare Vorstellungen und ein gut funktionierendes Team

Bei aller Eigenständigkeit setzt Loosli stark auf sein Team, das umgerechnet 100 Vollzeitstellen umfasst. Damit werden künftig fast ebenso viele Insassen betreut. Er postuliert klare Strukturen und Abläufe, er will aber auch auf Augenhöhe mit seinen Mitarbeitern funktionieren. In einer Broschüre, die bei der Sicherheitskontrolle aufliegt, hält er fest: «Wir sind Tag und Nacht im Einsatz, damit die Öffentlichkeit vor den Insassen geschützt wird und wir nehmen die Aufgabe wahr, die Insassen auf ein straffreies Leben nach der Entlassung vorzubereiten.»

Worte, wie sie in jedem schönen Grundsatzpapier gedruckt werden können. Loosli bestätigt sie im Gespräch und aus seinem Mund gewinnen sie an Gewicht und Verbindlichkeit. Im Verlauf des Gesprächs erzählt der Unkonventionelle offen über seinen Alltag im Gefängnis, die anspruchsvollen Jahre während des Neu- und Umbaus, über zurückliegende schwierige Aufgaben mit den zwei Standorten Schöngrün und Schachen, den zukünftigen Herausforderungen mit dem Massnahmen- und Strafvollzug vereint unter einem Dach. Er gewährt Einblicke, präsentiert Papiere, erzählt und beantwortet geduldig Fragen. Geheimnistuerei scheint nicht sein Ding zu sein.

Bei aller Gelassenheit, zwischendurch blitzen seine konsequente Haltung, seine Entschlossenheit und immer wieder sein unabhängiges Denken auf. Der Satz kommt unerwartet, überrascht jedoch nicht nach über zweieinhalb intensiven Stunden mit ihm hinter Gittern: Zuweilen geniesse er auch seine Macht. Man ist durchaus bereit, ihm die Formulierung positiv auszulegen, einem Mann, der schon die übelsten Gefängnis-Löcher auf dieser Welt besucht hat. Der kein Protzbüro zum Arbeiten braucht «zwei Säcke und ein Holzbrett reichen als Tisch». Der sich dem Schöngrün-Areal bereits angenähert hatte, als er noch nicht dafür verantwortlich war: Anlässlich einer Aussenlandung mit seinem Segelflieger ging er auf einem Feld der Anstalt nieder. Wir dagegen machen einen Abflug aus dem neuen Schachen – wir sind so frei.