Vierfachmord Rupperswil
Er stand fast vor ihrer Haustür: Thomas N. hatte schon die nächste Familie im Visier

Thomas N. muss sich am Dienstag wegen seines Vierfachmordes in Rupperswil AG vor Gericht verantworten. Er hatte nach dieser Tat bereits seine nächsten Opfer ausgesucht.

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Thomas N. wollte im Mai 2016 eine Familie im Kanton Solothurn umbringen, er zog aber wieder ab.

Thomas N. wollte im Mai 2016 eine Familie im Kanton Solothurn umbringen, er zog aber wieder ab.

HO

Zwei Jahre und drei Monate sind seit dem Vierfachmord von Rupperswil vergangen. Diese Woche muss sich Thomas N., der die Tat geplant und sogleich bei der ersten Einvernahme gestanden hatte, nun vor Gericht verantworten.

Das Bezirksgericht Lenzburg hat am Montag die 20-seitige Anklageschrift veröffentlicht. Und diese zeigt: Der Vierfachmord reichte dem damals 32-Jährigen nicht. Er beschäftigte sich gleich nach der Tat mit der Planung weiterer gleichgelagerter Verbrechen.

Liste mit Knaben

Im Internet machte er sich auf die Suche nach 11- bis 15-jährigen Knaben, die Davin ähnlich sahen. Diese legte er mit Foto, Name und Informationen in einem Notizbuch ab. Insgesamt elf Namen sind dort hinterlegt.

Sein Interesse wurde zuerst von einem Knaben aus dem Kanton Bern geweckt. Er beobachtete die Familie und hatte laut Anklageschrift «die Absicht, mit der Familie das Gleiche zu tun wie mit der Familie Schauer, d.h. der Beschuldigte hatte den Plan, wiederum die Familie in seine Gewalt zu bringen, die einzelnen Personen festzuhalten, so die Herausgabe von Geld und anderen Handlungen zu erzwingen, mit dem Knaben gegen dessen Willen sexuelle Handlungen vorzunehmen, die Familienmitglieder zu töten und das Haus der Familie in Brand zu setzen.»

Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalitätsgeschichte.
31 Bilder
Als die Feuerwehr zu einem Brand in einem Haus an der Lenzhardstrasse ausrückt, können die Einsatzkräfte nicht ahnen, was auf sie zukommt.
In einem Haus entdecken die Feuerwehrleute vier verkohlte Leichen.
Um dieses Haus handelte es sich: Hier wohnen die 48-jährige Carla Schauer, ihre zwei Söhne und der Lebenspartner der Frau. Dieser hatte das Haus am frühen Morgen verlassen.
Alarmiert wurde die Feuerwehr um 11.20 Uhr, zehn Minuten später sind sie vor Ort. Nachbarn und die Eltern von Carla Schauer, die Weihnachtsgeschenke vorbeibringen wollten, hatten die Notrufnummer gewählt.
Wenig später nehmen Ermittler und Spurensicherung ihre Arbeit auf.
Zwei Tage nach der Tat teilt die Staatsanwaltschaft mit: Bei den Opfern handelt es sich um Carla Schauer (†48), ihre beiden Söhne Davin (†13) und Dion (†19) ...
... sowie um die Freundin des älteres Sohnes, Simona F. (†21), welche bei ihrem Freund übernachtet hatte.
Rupperswil steht unter Schock. Vom Täter fehlt jede Spur.
Die Menschen im Dorf nehmen Anteil am Schicksal der Opfer.
Viele Kerzen beim Haus der Opfer für diese angezündet.
8. Januar 2016: In Rupperswil findet ein Gedenk-Gottesdienst für die Opfer statt.
Rund 500 Personen wohnen dem Trauer-Gottesdienst bei. Wegen des grossen Andrangs müssen rund 200 Gäste den Gottesdienst vom Saal des Kirchgemeindehauses aus verfolgen.
18. Februar 2016: Staatsanwaltschaft und Polizei informieren erstmals ausführlich über die Geschehnisse in Rupperswil an einer Pressekonferenz. Im Bild Staatsanwältin Barbara Loppacher und Kripo-Chef Markus Gisin.
An dieser Pressekonferenz setzen die Behörden eine Belohnung von bis zu 100'000 Franken für Hinweise auf die Täterschaft aus.
Mit Flugblättern (in 7 Sprachen) sucht die Polizei nach Zeugen und Hinweisen.
Auf dem Flugblatt ist auch dieses Bild von Carla Schauer (†48) zu sehen, aufgenommen von einer Überwachungskamera: Sie hebt am Tattag um 9.51 Uhr Geld an einem Bankschalter in Wildegg ab. Es sind zirka 9000 Franken.
Später veröffentlicht die Polizei auch dieses Bild: Carla Schauer hebt um 10.10 Uhr an einem Geldautomaten in Rupperswil 1000 Euro ab.
April 2016: Die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY – ungelöst" macht Filmaufnahmen zum Mordfall von Rupperswil. Der Beitrag soll bald ausgestrahlt werden – doch dazu kommt es nicht mehr.
13. Mai 2016: Fast fünf Monate nach dem Tötungsdelikt laden Polizei und Staatsanwaltschaft kurzfristig zu einer zweiten grossen Pressekonferenz ein.
Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht enthüllt: "Die Zeit der Unsicherheit ist vorbei. Der Täter ist gefasst." Es handelt sich um einen 33-jährigen Schweizer aus Rupperswil, der nicht vorbestraft ist.
Das ist er: Thomas N., neben dem Haus der Familie Schauer in Rupperswil. (Fotomontage)
Der Starbucks in Aarau: Hier nahm die Polizei Thomas N. fest.
Thomas N. war jahrelang Fussball-Trainer, betreute C-Junioren und war Junioren-Koordinator. Junioren, ihre Familien und Vereinsmitglieder sind geschockt.
Bei Thomas N. zu Hause findet die Polizei diesen Rucksack samt Utensilien. Sie liessen befürchten, dass er eine nächste Tat bereits geplant hatte.
In diesem Haus in Rupperswil – nur wenige Meter vom Haus der Familie Schauer entfernt – wohnte Thomas N. zusammen mit seiner Mutter.
Wenige Tage nach der Ergreifung des Täters wird bekannt: Die Rechtsanwältin Renate Senn wird Thomas N. als Pflichtverteidigerin vor Gericht vertreten.
7. September 2017: Staatsanwältin Barbara Loppacher von der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau erhebt Anklage.
Thomas N. sitzt vor dem Prozess im Gefängnis Pöschwies in Regensdorf ZH.
Der Prozess vor dem Bezirksgericht Lenzburg findet aus Platzgründen im Polizeigebäude in Schafisheim statt.
Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis heute (Stand 8.3.2018)

Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalitätsgeschichte.

SEVERIN BIGLER

Gefälschter Brief und Visitenkarten

Bei seinen Recherchen stiess er auch auf einen Knaben im Kanton Solothurn, über dessen Familie er sich fortan informierte und deren Tagesablauf er ausspionierte. Er rief zuhause an und gab an, sich verwählt zu haben, wenn jemand abnahm. Zudem recherchierte er über eine Bank in der Nähe.

Am 11. Mai 2016 fuhr Thomas N. mit dem Auto seiner Mutter in die Wohngemeinde. Mit dabei hatte er den schwarzen Rucksack gepackt mit Seilen und Anzündwürfeln und allem, was er für die Umsetzung seines Plans benötigte. Mit dabei hatte er auch einen Brief, den er im Namen der Schuldirektorin und Schulleiterin des Kantons Solothurn aufgesetzt hatte. Er bat darin um Mithilfe, falls sich jemand vom Schulpsychologischen Dienst melden würde. Er selbst wollte sich als Mitarbeiter dieses Dienstes vorstellen – gefälschte Visitenkarten hatte er ebenfalls dabei. In dieser Funktion war er bereits bei der Familie Schauer vorstellig geworden.

«Er ging mit dem Rucksack durch das Quartier, in welchem die Familie wohnte. Um 14.07 und 15.36 Uhr rief der Beschuldigte an, wobei beim ersten Versuch keine Verbindung zustande kam und beim zweiten Mal der Beschuldigte angab, sich verwählt zu haben», schreibt die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau. An jenem Tag zog Thomas N. aber unverrichteter Dinge wieder ab.

Einen Tag später wurde Thomas N. im Starbucks im Zentrum von Aarau verhaftet – 146 Tage nach dem Gewaltverbrechen. Die Polizei hatte ihn bereits drei Tage beschattet.

Neun Anklagepunkte

Am 21. Dezember 2015 waren Carla Schauer (†48), ihre beiden Söhne Davin (†13) und Dion (†19) sowie die Freundin des älteres Sohnes, Simona F. (†21) durch die Hand von Thomas N. gestorben.

Der heute 34-jährige Thomas N. muss sich unter anderem wegen vierfachen Mordes, räuberischer Erpressung, Freiheitsberaubung, Geiselnahme und mehrfacher sexueller Handlungen mit Kindern vor Gericht verantworten. Die Liste der Anklagepunkte umfasst total neun Punkte. (ldu)

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