Amtsgericht
Er schoss sich ins Bein – und gab das als Raub aus

Es war eine spezielle Verhandlung. Eine Verhandlung über Pizza, einen schussfähigen Kugelschreiber und einen Raub, der keiner war.

Philipp Eng
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Angeklagter: «Ich trug zu dieser Zeit die Schusswaffe mit mir. Dies jedoch nicht aus kriminellen Gründen, sondern lediglich zum Selbstschutz.»

Angeklagter: «Ich trug zu dieser Zeit die Schusswaffe mit mir. Dies jedoch nicht aus kriminellen Gründen, sondern lediglich zum Selbstschutz.»

Keystone

«Ich war mit meinen Freunden unterwegs, um uns Pizza zu besorgen», so der Beschuldigte Peter W*. Wie sich daraus eine Schussverletzung und ein Polizeigrosseinsatz entwickelten, damit befasste sich am Donnerstag das Amtsgericht Solothurn-Lebern unter Gerichtspräsident Yves Derendinger.

Der 32-jährige Beschuldigte wohnt im Grossraum Grenchen und ist seit längerer Zeit auf Arbeitssuche. Finanzielle Unterstützung erhält W. durch die Sozialhilfe. Gemäss der Anklageschrift werden ihm Verstösse gegen das Waffengesetz, Irreführung der Rechtspflege und Sachbeschädigung vorgeworfen.

Zusätzlich bestehen Anschuldigungen wegen erneuten Widerhandlungen gegen das Strassenverkehrs- und Betäubungsmittelgesetz.

Ein Schuss – aus Versehen
Am 15. Juli 2014 ereigneten sich die Geschehnisse, welche zu den Hauptanklagepunkten von Staatsanwältin Melanie Wasem führten: Er sei mit Freunden im Auto unterwegs gewesen, sagt W. «Ich trug zu dieser Zeit die Schusswaffe mit mir. Dies jedoch nicht aus kriminellen Gründen, sondern lediglich zum Selbstschutz.»

Er hat laut Aussage während der Fahrt an einer Waffe herumhantiert, um sie zu entladen. Dabei löste sich ein Schuss, welcher seine Hand glatt durchschoss und einen Sachschaden am Auto verursachte. Seine erste Reaktion sei der Notruf an der nächsten Notrufsäule gewesen.
Laut Anklageschrift hat W. jedoch gegenüber der Polizei nicht die wahre Geschichte erzählt, sondern von einem Raub berichtet, welcher ihn so zugerichtet habe.

Der Anruf sei nicht geplant gewesen, «ich wollte nicht, dass es so weit kommt», sagt W. «Ich weiss nicht, wieso ich gelogen habe, ich konnte in dieser Situation nicht klar denken.»

Amoklauf oder zu viel Polizei?
Auf die Frage Wasems, wo sich denn die Schusswaffe befinde, konnte W. lediglich antworten, er habe sie wahrscheinlich aus dem Wagen geworfen. Er könne sich jedoch nicht mehr erinnern. Die Waffe wurde nie gefunden.

Als W. allgemein zum unbefugten Besitz von Schusswaffen befragt wurde, gab dieser zu, er trage die Schusswaffe öfters - wenn auch nicht täglich - mit sich herum. Den schiessenden Kugelschreiber in seiner Wohnung habe er von einem Freund erhalten - dieser sei aber nicht funktionstüchtig.

Zur Eröffnung der Plädoyers beginnt Wasem, sie habe in dem Sachverhalt ein «Déjà vu» zum Amoklauf in der Grossregion Solothurn vor ein paar Jahren. Man habe die Waffe bisher nicht gefunden und könne nicht wissen, wo sie sich befinde. Zudem seien die 10-jährige Strafvergangenheit und sein kriminelles Umfeld Grund genug, endlich durch eine einschneidende Strafe, einen Riegel vorzuschieben.

Strafverteidiger Mathias Reinhard bemerkt als erstes, dass W. noch am selben Tag geständig war. Zudem sei der primäre Sinn einer Notfallsäule, Hilfe anzufordern und nicht eine Anzeige zu erstatten. Daraus schliesse er auf einen spontanen Einfall und nicht um eine geplante Irreführung.

Der Vergleich mit einem Amoklauf sei sehr weit hergeholt. Reinhard zweifelt an der Notwendigkeit einer solch aufwendigen polizeilichen Ermittlung: «Die Strafe darf nicht im Nachhinein einen Grosseinsatz rechtfertigen.» Der Besitz der Waffen sei zwar durchaus nicht zu tolerieren, doch sei sein Mandant kein «Waffennarr».

Urteil verschoben
Reinhard wertet den Wegzug vom problematischen Umfeld, das erneute Betreuen seiner eigenen Kinder und die Selbsteinweisung in die psychische Anstalt als klare Indizien für eine Besserung des Beschuldigten. Die geforderte unbedingte Freiheitsstrafe von 11 Monaten würde dies wieder destabilisieren.

Gerichtspräsident Derendinger nimmt genau auf diese Problematik Bezug und verschiebt seine Urteilsfällung daher. Er fordert den Austrittsbericht der psychiatrischen Klinik zur Beurteilung der Zukunftsprognosen W.s. Das Urteil fällt er vermutlich im April 2016.

* Name der Redaktion bekannt.

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