Sein Name ist wohl nur einem kleineren Kreis bekannt. Aber vielleicht hat Rolf Glünkin den Kanton stärker geprägt als andere, deren Namen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt sind. 24 Jahre lang hat der studierte Geograph im kantonalen Amt für Raumplanung gearbeitet, zuletzt war der Stadtsolothurner für den Richtplan mitverantwortlich. Wo der Kanton wächst, wo die Bauern gutes Land haben sollen, wo Wildtiere über die Autobahn können, wo künftig gebaut und wo nicht gebaut wird: All dies hat Rolf Glünkin mitgeprägt – und seine Planungen werden in den nächsten Jahrzehnten weiterwirken. Glünkin selbst aber hört jetzt auf. Gestern hat er seinen letzten Arbeitstag gehabt.

Rolf Glünkin, Sie können noch in 20 Jahren durch den Kanton fahren und sagen: Dass diese Strasse hier durchführt, da bin ich nicht ganz unschuldig, dass hier und nicht dort gebaut wird, habe ich mitentschieden.
Das ist wohl so. Es gibt viele Projekte, die ich mitbegleitet und geprägt habe. Ich hatte wohl in jeder Gemeinde einmal ein Projekt.

Sie haben hinter den Kulissen mitgeprägt, wie und wo sich der Kanton entwickelt. Trotzdem kennen die meisten Leute Ihren Namen nicht.
Es hat mich nicht gestört, im Hintergrund zu stehen, weil es mir um die Sache geht. Das mit dem Hintergrund hat auch damit zu tun, dass die Grundlagenarbeit Jahre im Voraus gemacht wird. Und es gibt in diesem Bereich Dinge, die auf den ersten Blick nicht wahnsinnig interessieren. Ein Raumplanungsgesetz kommt trocken daher, aber wenn man den Inhalt und die Folgen interpretiert, ist es ganz anders.

Wird das Gebiet unterschätzt?
Der Richtplan wurde lange unterschätzt. Mit dem revidierten Raumplanungsgesetz wurde er aber wichtiger. Grössere Vorhaben wie neue Einkaufszentren müssen jetzt im Richtplan festgelegt werden. Und der Kanton muss klar sagen, wo er sich hauptsächlich entwickeln will.

Wie hat sich die Planung in den letzten 20 Jahren verändert?
Es ist sicher komplexer geworden. Die Siedlungsentwicklung nach innen ist ein Gebot der Zeit. Das ist sehr anspruchsvoll. Da müssen auch wir Planer dazulernen. Früher war es einfacher. Da hat man in Gemeinden einfach Bauland angehängt, um mehr Bevölkerung zu haben. Das geht nicht mehr.

Die Verdichtung nach innen löst nicht nur Begeisterungsstürme aus.
Die Bevölkerung sagt schnell, das wäre gut, etwa beim Stoppen der Zersiedelung. Aber wenn es dann weh tut, ist es etwas anderes. Dabei kann man das Fell nicht waschen, ohne dass der Pelz nass wird. Der Kanton Solothurn ist stark zersiedelt, gerade im Mittellandbereich. Da braucht es mehr Kompaktheit. Um beispielsweise den öV sinnvoll planen zu können, braucht es eine gewisse Menge an Leuten.

Man hat auch deshalb mal versucht, in Regionen zu planen, es ist gescheitert.
Dies ist ein schwieriges Thema. Wir versuchen dies nach wie vor bei den Arbeitsplatzzonen. Es ist schwierig, weil die Gemeindeautonomie im Kanton sehr hoch ist. Das hat viele Vorteile, aber bei der Planung manchmal auch Nachteile. Die regionale Zusammenarbeit wird immer noch etwas stiefmütterlich behandelt. Das muss von den Gemeinden selbst kommen. Aber die Gemeinden merken inzwischen, dass es ohne regionale Zusammenarbeit kaum geht. Man muss mehr gemeinsam lösen, auch wenn es vielleicht mühsamer ist. Im Raum Solothurn hat man eine sehr gute Planungsorganisation. Es wäre wünschenswert, wenn es mehr im Kanton gäbe.

Drücken auch gesellschaftliche Veränderungen auf die Planung durch?
Wir spüren, dass die Gesellschaft individualisierter ist. Es ist heute fast nichts mehr unbestritten. Es gibt immer Gegner und Befürworter. Einen einheitlichen Weg, wo man hin will, hat man kaum mehr. Es gibt aber auch mehr Ansprüche an den Raum. Man muss als Planer deshalb viel mehr Sorgfalt anwenden. Die Verfahren dauern dadurch auch länger.

Sie haben viele Grossprojekte im Bereich Umwelt und Natur begleitet.
Wir waren einer der ersten Kantone, der bei den Ausgleichsmassnahmen von vielen kleinen Projekten wegkam. Heute gibt es bei Strassenprojekten eine grössere, viel wirkungsvollere Massnahme zur Kompensation. Man braucht eine gewisse Fläche, damit sich die Natur entwickeln kann.

Hat man heute mehr Sorge oder muss man mehr tun, weil man weniger Sorge trägt?
Es lässt sich nicht so einfach beantworten. Der Wohlstand und die Mechanisierung haben Auswirkungen. Früher hatte man kaum Maschinen. Man konnte nicht so gewaltig in die Natur eingreifen. Das Bewusstsein für die Natur ist sicher gestiegen, aber die Eingriffe sind massiver. Der Umgang mit der Natur ist nicht besser geworden. Mehr einheimische Natur im Siedlungsraum ist notwendig. Was verloren gegangen ist, ist die Naturnähe. Das sehen wir auch im Umgang mit Naturgefahren. Wir reagieren meist erst, wenn etwas passiert ist.

Was würden Sie sich wünschen?
Ich finde, man müsste neben der Erhaltung grossflächiger naturhafter Gebiete mehr Sorgfalt für das kulturelle Erbe in den Dörfern aufwenden. Bei den Gemeinden habe ich manchmal das Gefühl: Sie sind zufrieden, wie das Dorf aussieht. Aber es gibt schleichend Verschlechterungen. Im Gäu zum Beispiel haben wir Strassendörfer mit ausserordentlich schönen Häusern. Manchmal habe ich den Eindruck, dass diese kaum beachtet werden. Oder auch die Dorfeingänge sind nicht immer Visitenkarten. Mehr Wert und Bewusstsein auf das Erscheinungsbild würde ich mir da wünschen. Es muss nicht unbedingt das Geraniumkistchen am Dorfschild sein.