Bernard Staub steht mitten im Attisholz-Areal. Hier, auf der Industriebrache, hat er seinen Abschied gefeiert. Und diesen Ort, wo südlich der Aare der US-Konzern Biogen baut und nördlich ein Kreativraum entstanden ist, hat Staub auch für das Foto gewählt. In ihm sieht er ein Paradebeispiel dafür, was Raumplanung bewirken kann: Im Hintergrund rechtzeitig die Weichen stellen, vorausschauen und planen, was kommen könnte.

Fast 24 Jahre lang war Bernard Staub Chef des kantonalen Raumplanungsamtes. Er hat mitentschieden, wo der Kanton wächst, wo Strassen durchführen, wo sich Logistikzentren und Shoppingmalls ansiedeln können. Jetzt aber endet die Ära, die am 1. März 1995 begonnen hat. Staub geht mit dem heutigen Tag in Pension.

Stolz ist spürbar, wenn Staub über das «Attisholz» spricht. «Es war eine grosse Leistung, den Kopf nicht in den Sand zu stecken», sagt er. Als die Cellulosefabrik 2008 schloss, hat der Kanton eine Testplanung initialisiert, um zu sehen, was möglich ist. Der Regierungsrat stellte rasch die Weichen und hat das Land auf der Südseite der Aare gekauft. Als der US-Konzern Biogen einige Jahre später kam, war der Kanton planerisch parat. Und auch auf der Nordseite hat sich einiges getan: Unter dem neuen Besitzer, der Immobilienfirma Halter, ist dort ein kreativer Hotspot entstanden, ein neues Quartier ist in Planung. «Für die Region ist das super», ist Staub überzeugt.

Am runden Tisch in seinem Büro sagt der Chef aber auch: «Wir haben in der Raumplanung nicht immer gut gearbeitet.» Im Kopf hat er das Gäu oder das Niederamt, wo die Kornkammer des Kantons zu einem Logistikzentrum wurde. «Man hat uns in der Raumplanung lange keine Zähne gegeben», blickt Staub zurück. Eine Abgabe auf neu eingezontes Land scheiterte noch in den 1990er-Jahren im Kanton. «Heute haben wir das Planungsausgleichsgesetz.»

Staubs Amtszeit ist auch ein Beispiel dafür, wie sich die Wahrnehmung der Raumplanung änderte. Als er 1995 begann, hatten die Kantone grossen Spielraum. Die Bauzonen im Solothurnerischen waren viel zu gross. Gemeinden hatten sich lange zu viel herausgeholt. Möglich war dies nicht zuletzt, weil die Raumplanung ein Stiefkind der politischen Aufmerksamkeit war.

Inzwischen steht sie im Fokus. Die Zersiedelung ist beim Volk ein brennendes Thema. Und so haben die Raumplaner mit dem revidierten Raumplanungsgesetz 2013 auch die Zähne erhalten, die sie vorher nicht hatten. «Der Basar ist vorbei», sagt Staub mit Blick auf die Gemeinden, die mehr Bauland möchten. Einen Satz wiederholt Staub seit Jahren: «Wir haben genug Bauzonen für die nächsten 15 Jahre. Wer einzonen will, liegt schon mal falsch.» Gemeinden müssen die Verdichtung im bebauten Gebiet erhöhen oder die Reserven aktivieren. «In Zukunft geht es in erster Linie um die Aktivierung der inneren Nutzungsreserven», sagt Staub.

Für die Planer gibt es zu viele Gemeinden im Kanton

20 bis 30 Hektaren zu viel Bauzone gibt es im Kanton. Land, bei dem sich die Frage der Rückzonung stellt, damit der Kanton andernorts Spielraum für eine Entwicklung hat. Mit jeder betroffenen Gemeinde muss verhandelt werden. «Die Raumplanung wird sich unbeliebter machen», sagt Staub. Und die Raumplaner seien «etwas mehr zu Buchhaltern» geworden. Er ist aber überzeugt: Die Schraube wird im Kampf gegen die Zersiedelung nicht mehr gelockert, eher angezogen. Im Departement wird gerade ein Gesetz erarbeitet, das es Gemeinden erlaubt, notfalls Land aufzukaufen, wenn es jemand hortet und jahrelang nicht überbauen will. Ebenso könnte es für die Logistik die Bedingung geben, in die Höhe zu bauen, um den Flächenverbrauch zu reduzieren.

109 Gemeinden gibt es im Kanton. Mit jeder muss die Ortsplanungsrevision diskutiert werden. Wer in einem solchen Amt ist, der benötigt auch gewisse diplomatische Fähigkeiten. «Man muss ein verlässlicher Partner sein», sagt Staub. «Es braucht eine gewisse Vertrauensbasis und viele Gespräche.» Verhandelt wird trotzdem hart. «Die Gemeinden erhalten Offerten für Ortplanungsrevisionen, die aus Konkurrenzgründen zu spitz kalkuliert sind. Es fehlen Zeit und Geld für vertiefte Quartieranalysen», sagt Staub. Dabei brauche es, gerade um am richtigen Ort mit Qualität verdichten zu können, entsprechende Grundlagen.

Bei jeder der 109 Gemeinden endet die Ortsplanung an der Gemeindegrenze, auch wenn es der Verkehr nicht tut. Aus planerischer Sicht seien 109 Gemeinden auf 270'000 Einwohner nicht optimal, sagt Staub. «Die Struktur muss früher oder später wieder diskutiert werden.» Der Kanton hat es bereits einmal versucht. Staub und sein damaliger Chef, Walter Straumann sind aber gescheitert, als sie Regionalkonferenzen etablieren wollten. «Es gab die Angst, eine vierte Staatsebene bilden zu wollen», sagt Staub.

Ob Seilbahn, Flughafen oder Windräder: Konflikte gab es einige

Konflikte gab es in den vergangenen Jahren immer wieder, bei denen die Raumplaner zwar nicht Partei, aber doch an der Seitenlinie involviert waren. Ob der Flughafen Grenchen ausbauen konnte oder nicht, hing mit der Witi-Schutzzone zusammen. Ob die Seilbahn auf den Weissenstein gebaut werden kann, hatte ebenfalls raumplanerische Aspekte. Und bereits 2010 hat der Kanton festgelegt, wo die Windkraft im Kanton möglich ist – in Abwägung von Interessen des Naturschutzes, aber auch der Energieversorgung. Bis heute gibt es aufgrund von Einsprachen und Widerständen kein Windrad auf den Jurahöhen.

«Es wird immer erbitterter gekämpft», stellt Staub fest. Dass es Konflikte gibt, ist allerdings nicht besonders erstaunlich: «Wir haben nur einen Raum», sagt er. Auf diesen aber prallen ganz unterschiedliche Vorstellungen und Ansprüche. «Interessenabwägung ist Teil der Raumplanung», sagt Bernard Staub.

Jetzt erhalten das Reisen und der Garten mehr Platz

Wer abtritt, der versucht in der Regel das eine oder andere Kapitel abzuschliessen. Staub aber – und sein ganzes Team – haben nicht nur ein Kapitel abgeschlossen, sondern ein ganzes Buch. Mitte Oktober hat der Bund den überarbeiteten Richtplan des Kantons genehmigt. Auf über 260 Seiten ist dort festgelegt, wo der Kanton in den nächsten Jahrzehnten wachsen kann, welche Gemeinden noch neues Bauland erhalten, wo Einkaufszentren oder Windräder gebaut werden, wo Wildtierkorridore oder Schutzzonen entstehen- Als grosse Leistung Staubs nennt es denn auch alt Regierungsrat Walter Straumann, gleich zwei «für den Kanton sehr gute Richtpläne» erarbeitet zu haben. «Die grösseren Zusammenhänge waren für ihn dabei immer wichtig», so Straumann, der neben Cornelia Füeg und nun Roland Fürst einer der drei Regierungsräte war, denen Staub diente.

Hat Staubs Nachfolger da einen ruhigen Start? Überhaupt nicht, findet der Abtretende. «Es geht jetzt an die Umsetzung. Es ist eine ganz entscheidende Phase, ob das neue Raumplanungsgesetz greift oder nicht.» Er ist überzeugt: «Die anspruchsvolle Arbeit beginnt jetzt.» Bernard Staub wird dies, auch wenn er sich nicht ganz von der Arbeit verabschieden will, von der Seitenlinie aus betrachten. Sein Alltag soll nun weniger strukturiert sein. Staub freut sich auf die Enkelkinder, auf Reisen in unbekannte Gegenden und auf mehr Zeit für Velotouren mit seiner Frau. Und schliesslich sollen auch die Gartenarbeit und die Pflege der Hostet nicht zu kurz kommen.