Auf einen Kaffee mit ...
Er öffnet unsere Augen für fremde Welten

Manfred Rist aus Wangen bei Olten ist Weltenbummler und seit 25 Jahren Ausland-Korrespondent. Derzeit schreibt der 57-Jährige für die «Neue Zürcher Zeitung» über Frankreich. Am liebsten fährt er in einer ruhigen Woche raus in die Provinz.

Sven Altermatt
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Manfred Rist: «Das gedruckte Wort wird intensiver, wertbeständiger und eindringlicher.»

Manfred Rist: «Das gedruckte Wort wird intensiver, wertbeständiger und eindringlicher.»

Es war der 15. Mai 2011, ein milder Frühlingssonntag. Manfred Rist frühstückt am Esstisch seiner Pariser Wohnung. Das könnte ein ruhiger Tag werden, denkt er. Im Hintergrund läuft das Radio, der 57-Jährige hat «France Info» eingeschaltet. Routinemässig. Wenige Sekunden später weiss er: Das wird wieder einmal nichts mit dem ruhigen Tag. In der Nacht zuvor ist Dominique Strauss-Kahn, schillernder Direktor des Internationalen Währungsfonds und möglicher Präsidentschaftsanwärter der Sozialisten, in New York verhaftet worden. Ein Zimmermädchen beschuldigt ihn der Vergewaltigung.

Der Frankreich-Korrespondent der «Neuen Zürcher Zeitung» verschafft sich einen Überblick und setzt eine erste Meldung ab. Die Präsidentschaft, schreibt Rist ein paar Wochen später, könne Strauss-Kahn wohl vergessen. Und tatsächlich: Er verzichtet, François Hollande wird sozialistischer Kandidat und im Mai 2012 schliesslich französischer Präsident. Informieren, einordnen, eine Debatte in Gang bringen: Rist bleibt dran. Heute ist die Festnahme von Strauss-Kahn für ihn ein Schlüsselmoment. «Ohne diese wäre Hollande kaum Präsident geworden.»

Das Café in der Oltner Altstadt bietet den richtigen Rahmen für das Gespräch mit dem bebrillten Kopf: Da die üppige Auslage mit Torten auf Silbertabletts, hier die Stühle und Tische in bunten Farben. Wenig später wird klar: Der Balanceakt zwischen Tradition und Moderne bewegt auch Manfred Rist. Er trägt eine Strickjacke und einen modischen Schal, die schwarze Hornbrille schiebt er immer wieder von der Nase auf die Stirn und zurück.

Nach einem anstrengenden Wahl-Monat gönnt er sich ein paar freie Tage in seinem Elternhaus in Wangen bei Olten. Die Niederlage der Sozialisten sei hart, analysiert Rist, aber kaum überraschend. «Dass die Partei des amtierenden Präsidenten bei den kommunalen Wahlen abgestraft wird, entspricht in Frankreich einem bekannten Muster.»

Raus in die Provinz

Seit 2009 berichtet Rist über Politik und Wirtschaft im zentralistischen Staat. Die politische Klasse Frankreichs bezeichnet er als «stolz, manchmal feudal und gerne mit sich selbst beschäftigt». Aus der Fassung bringt ihn das freilich nicht. Schliesslich blickt er auf eine reichhaltige Vita zurück. Manfred Rist wurde 1956 in Olten geboren, nach der Matura studierte er in Bern Ökonomie, arbeitete in der Marktforschung und wurde Redaktor bei der «NZZ», beim Schweizer Weltblatt also.

Rist treibt eine grosse Neugierde an, die sich in der Spannweite seiner Themen ausdrückt: Berichtet er heute über den Zustand der französischen Gewerkschaften, kommentiert er morgen die Konjunkturzahlen. Am liebsten aber fährt Rist in einer ruhigen Woche – «selten, aber kostbar» – raus in die Provinz, geht auf Reportage und trifft etwa bretonische Salzbauern.

Brüssel wurde 1990 seine erste Station als Ausland-Korrespondent. Das Schweizer Nein zum EWR-Beitritt, der Vertrag von Maastricht oder die Währungsunion – Rist beschäftigte sich mit den Folgen des geeinten Europas. «Was in Brüssel passiert», sagt er, «betrifft früher oder später auch die Schweiz.»

Multimedia-Werkzeug

Nach einem Jahrzehnt dann ein harter Schnitt: Rist wird Südostasien-Korrespondent mit Sitz in Singapur. Er spricht von «einer faszinierenden Gegend voller Gegensätze» und denkt dabei etwa an Burma: Nachdem die Generäle der Militärjunta ihre Uniformen abgelegt und Reformen eingeleitet haben, streckt das Land seine Fühler nun nach der Welt aus. «Nach Jahrzehnten der Isolation war das unvorstellbar», sagt Rist, der Burma mehrmals bereist hat. Während der «Safran-Revolution» im September 2007 war er in Rangun einer der wenigen westlichen Journalisten. Diese waren nicht erwünscht, Rist reiste stets mit einem Touristenvisum nach Burma. Als er bei der Einreise aufzufliegen drohte, drückte Rist dem Zöllner ein paar Geldscheine in die Hand. Seine Rettung.

Einmal im Land, überwogen die visuellen Eindrücke. «Jeder Spaziergang durch eine burmesische Stadt war aufschlussreich.» Das ist es, was dem Ausland-Korrespondenten das Krönchen aufsetzt: Den Lesern die Augen für fremde Welten öffnen. Auch und gerade im Zeitalter des Internets.

Seit einigen Jahren bewegt Manfred Rist eine Frage ganz besonders: «Wie verändert sich der Journalismus im Zeitalter der kleinen und grossen Bildschirme?» Er hievt seinen Rucksack auf den Stuhl, öffnet den Reisverschluss und kramt Kamera und Mikrofon hervor. «Meine Antwort darauf.» In Singapur begann Rist mit Multimedia-Werkzeugen zu hantieren. Für die «NZZ»-Website drehte er Videoreportagen über Slums in Manila oder Textilarbeiter in Kambodscha. Im erlauchten Kreis der schreibenden Korrespondenten wurde er gewissermassen zum Revolutionär.

Trotzdem hat er den Glauben ans Papier noch nicht verloren. Im Gegenteil: «Neue Medien ersetzen alte Medien nie vollständig», sagt Rist. Heute werde stärker selektioniert, was gedruckt wird.

Und was dann folgt, ist eine wahre Liebeserklärung an die Zeitung: «Das gedruckte Wort wird intensiver, wertbeständiger und eindringlicher.» Die Schnelligkeit des Internets schreie ja geradezu nach einer Zeitung, die einordnet, ergänzt und vor allem: Ruhe bietet.