Darius Weber, der wohl profilierteste Wildtierbiologe der Nordwestschweiz, zögert keine Sekunde mit seiner Antwort auf die Frage, wo er in Sachen Natur- und Wildtierschutz den grössten Handlungsbedarf sehe: «In der Landwirtschaft, in der Landwirtschaft und nochmals in der Landwirtschaft.» Sie sei «extrem naturfeindlich», auch im Vergleich zum übrigen Europa.

Das gelte allem voran beim Pestizideinsatz und der weit und breit intensivsten Landnutzung. Letztere werde durch die Flächenbeiträge gezielt gefördert. Die neusten Zahlen zu den in der Schweiz massiv zurückgegangenen Brutvogelbeständen im Kulturland zeugten von der «katastrophalen» Auswirkung auf die Natur, bilanziert Weber.

Natürlich seien biologische Bewirtschaftung und ökologische Ausgleichsflächen gute Ansätze, was den Gifteinsatz respektive Rückzugshabitate betreffe, aber unter dem Strich falle das kaum ins Gewicht. Und Weber stellt provokativ in den Raum: «Wahrscheinlich wäre es ökologischer, die Schweiz würde ihre Milchwirtschaft auslagern und Milch und Käse importieren statt massenweise Futtersoja aus Südamerika.»

Als das Reh eine Sensation war

Während die Bauern oder viel mehr das System, das die Bauern zu ihrem Handeln treibt, Schelte erhält, erhalten die Jäger Lob aus Webers Mund. Nicht ganz alle, denn es gebe immer noch «unbelehrbare, problematische, vor allem ältere Jäger», die zum Beispiel im Wald Wildschweine jagten, obwohl die «anständigen» Rudel, die sich im Wald aufhielten und keine Schäden auf Feldern verursachten, geschont werden müssten. Doch als Kollektiv hätten es die Jäger geschafft, dass in der Schweiz die Wildhuftier-Bestände – Rehe, Gämsen, Steinböcke und Hirsche – heute nicht mehr bedroht seien. Das unterscheide sie im positiven Sinn von früheren Jägergenerationen, die Auerochs, Nashorn, Wisent und Elch nachhaltig ausgerottet hätten.

Weber erinnert in diesem Zusammenhang daran, dass es in der Nordwestschweiz vor hundert Jahren keine wildlebenden Huftiere mehr gab und für seinen Grossvater die Sichtung eines Rehs eine kleine Sensation gewesen sei. Für den Wildtierbiologen ist das Ideal erreicht, wenn die heimische Tierwelt wieder komplett ist. Zumindest so weit, dass das realisierbar ist. Denn der Auerochse ist ausgestorben, das Nashorn seit 15 000 Jahren nicht mehr hier und auf einem weltweiten Rückzug und der Elch wäre in der Schweiz ohne Lebensraum, denn seine bevorzugten Sumpfwälder sind trockengelegt. Für den Wisent aber, das europäische Pendant zum besser bekannten nordamerikanischen Bison, sieht Weber eine Chance, und an dieser arbeitet er zurzeit intensiv.

Neidisch auf Studenten

Damit der 61-Jährige das kann, musste er sich in seinem Berufsleben umorientieren. Denn Weber gründete 1983 schon bald nach seinem Biologie- und Zoologiestudium zusammen mit Urs Hintermann das Umweltbüro Hintermann & Weber in Reinach(BL). Weber sagt dazu: «Wir waren beide an der Dissertation und brauchten Geld. Da sagten wir uns, wir gründen lieber ein solches Büro, als Schule zu geben, denn vom Naturschutz verstehen wir etwas.»

Nun, das kleine Büro entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einem der führenden Unternehmen in der Schweiz im Bereich Natur und Landschaft mit 30 Festangestellten und über 70 freien Mitarbeitern. Das Geld floss zwar, aber Webers Arbeit verlagerte sich immer mehr in den administrativen und Personalführungs-Bereich. So sagte er sich eines Tages: «Wir Gründer sitzen am Schreibtisch, und die Studenten machen die tolle Feldarbeit. Ich mache einen Schritt zurück und widme mich wieder mehr den Wildtieren.» Hintermann kam zum gleichen Schluss, wenn auch mit anderer Ausrichtung. So verkauften die beiden ihre Firma an Kadermitarbeiter und zogen sich zurück.

Für Wisente im Thal «würde er mit den Kopf durch die Wand gehen»

Heute arbeitet Weber auf Mandatsbasis in einem Pavillon direkt neben seinem Wohnhaus in Rodersdorf im Schwarzbubenland, wo er mit seinen Familien – er ist zum zweiten Mal verheiratet – schon seit drei Dutzend Jahren lebt. Der wichtigste Auftraggeber ist derzeit der Verein Wisent Thal, bei dem Weber Projektleiter ad interim ist. Sobald der Verein die Bewilligung für die Wisent-Haltung habe, suche man einen definitiven Projektleiter, sagt Weber.

Präsident des Wisent-Vereins ist Stefan Müller-Altermatt, CVP-Nationalrat und Gemeindepräsident von Herbetswil. Fachlich ist er, ebenfalls Biologe, begeistert von Weber: «Darius weiss sehr viel und ist ein unglaublich guter Biologe.» Doch manchmal sieht sich Müller veranlasst, einzugreifen: «Er ist kein Politiker. Er würde mit dem Kopf durch die Wand gehen und gegen Bauern und Förster schiessen, wenn ihn niemand bremst.»

Wie eine heisse Kartoffel behandelt – Bewilligung fehlt noch

Der Vereinsname Wisent Thal sagt es: Die erste Wiederansiedlung von Wisenten in der Schweiz mit dem Ziel, sie in ein paar Jahren auszuwildern, soll im Thal stattfinden. Präziser ausgedrückt auf Land der Bürgergemeinde Solothurn und eines Bauern in den Gemeinden Welschenrohr und Balm. Nur das mit der Bewilligung will nicht so recht klappen. Weber: «Wir haben schon eineinhalb Jahre verloren, weil wir wie eine heisse Kartoffel zwischen verschiedenen Ämtern im Kanton Solothurn und dem Bund hin- und hergereicht werden, weil sich niemand die Finger verbrennen will.» Neuster Stand: Der Verein hat nach Absprache mit dem Bund vor ein paar Wochen das Haltungsgesuch bei der Solothurner Staatskanzlei eingereicht, die es dem Amt für Wald, Jagd und Fischerei zugewiesen hat.

Falls die Wisente nach einer mindestens zehnjährigen Testphase in eingezäuntem Gebiet tatsächlich freigesetzt werden, wäre das eine der raren legalen Auswilderungen von Tieren in der Schweiz. Eine andere der letzten Zeit war jene der Bartgeier in den Alpen. Die entsprechende Bewilligung muss der Bund erteilen. Weber sieht nichts, was dagegen spricht. Das Schadenpotenzial auf Feldern und in Wäldern sei gering, wie Erfahrungen in Polen zeigten, wo es mittlerweile wieder weit über 1000 frei lebende Wisente gebe. Und die Gefahr für den Menschen sei so gross wie jene, die von einem Hirsch ausgeht, also praktisch null, sagt Weber.
Er muss es wissen, denn er ist soeben wieder von einer seiner zahlreichen Fachtagungen aus Polen zurückgekommen. Und was ist der Nutzen von frei lebenden Wisenten? «Eigentlich nur der, dass unsere Fauna mit dem grössten noch fehlenden Wildtier komplettiert wird.» Allenfalls könnten die imposanten Büffel noch Touristen anlocken.

Der Fischotter ging an die Nieren

Welche Rückkehrchancen räumt der Wildtierexperte anderen in der Nordwestschweiz ausgerotteten Säugetieren ein? Beim Wolf sei es nur eine Frage der Zeit, bis er im Jura ein festes Rudel bilde, das Raum bis in den Solothurner und Baselbieter Jura beanspruche. Einzelne Tiere seien hier schon gesichtet worden. Den von der Distanz her nächstgelegenen, gesicherten Nachweis von einem Wolf gibt es aus dem Neuenburger Jura.

Ein grösseres Fragezeichen setzt Weber hinter die Rückkehr des Fischotters. Mit ihm hat er sich wissenschaftlich intensiv auseinandergesetzt – ein Tiefpunkt in seiner Berufskarriere. Weber erzählt: «Ich habe sein Verschwinden eins zu eins mitbekommen. In einem Rieseneffort suchte ich in den 1980er-Jahren 1200 Kilometer Flussufer ab und fand eine einzige Spur im Kanton Neuenburg. Das ging mir extrem an die Nieren.» Der Fischotter wurde nicht wie andere Wildtiere weggeschossen, sondern unfruchtbar gemacht und damit indirekt ausgerottet.

Weber macht dafür Polychlorierte Biphenyle, kurz PCB genannt, verantwortlich. Diese Giftstoffe seien über die Kehrichtverbrennungsanlagen grossflächig verteilt worden, mit rekordhohen Belastungen in der Schweiz. PCB hätten sich auch in Fischen angereichert und der Fischotter als grosser Fischfresser zu hohe Dosen abbekommen. Ob der Fischotter wieder in die Region zurückfindet, lässt Weber offen. Immerhin habe die PCB-Belastung der Fische abgenommen. Deshalb dürfe man seit drei Jahren auch wieder Bachforellen aus der Birs essen, freut sich der aktive Fischer.

Das emotionale Gegenstück zum Fischotter erlebte Weber bei der Wildkatze: «Für mich war es ein Höhepunkt, als ich im Blauen-Gebiet dank Fotofallen und genetischer Proben nachweisen konnte, dass es tatsächlich Wildkatzen gibt.» Besonders gefreut habe ihn dabei die Erkenntnis, dass aufgrund von genetischen Bestimmungen der Haarwurzel die Wildkatze von der Hauskatze unterschieden werden könne.

Apropos Hauskatzen: Weber, selber Halter einer Katze, plädiert für eine Kastrations- und Steuerpflicht sowie für eine Beschränkung auf maximal zwei Katzen pro Haushalt. Er sagt: «Katzen sind tolle Tiere. Aber inzwischen gibt es eine unglaubliche Menge, die unsere Reptilien, allen voran die Zauneidechsen, wegfressen.» Weber weiss, dass ihm solche Forderungen viel Kritik eintragen werden. Aber wenn es um das Wohl der Wildtiere geht, werden selbst «tolle» Katzen zweitrangig.