Rudolf Hafner
Er lehrte mächtige Männer das Fürchten

Der Solothurner GLP-Kantonsrat Rudolf Hafner verriet vor 30 Jahren ein Geheimnis, das den Staat Bern erzittern liess. Seither deckte er zahlreiche Skandale auf – und zahlte dafür seinen Preis.

Lucien Fluri
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Hat immer versucht, nach bestem Gewissen zu handeln: Rudolf Hafner.

Hat immer versucht, nach bestem Gewissen zu handeln: Rudolf Hafner.

Lucien Fluri

Rudolf Hafner war Revisor, als seine Karriere begann, und heute ist er wieder Revisor. Dazwischen war er für die einen ein Volksheld, für die anderen ein Verräter.

Wir treffen Hafner frühmorgens in der Herberge im ehemaligen Kloster Dornach. Man könnte den Mann, der 1984 die Berner Finanzaffäre ins Rollen brachte, leicht übersehen. Hafner, bald 63 Jahre alt, ist ein unscheinbarer Mann; graue Haare, Glatze, hagere Gestalt, Hemd und Strickjacke. Nichts deutet auf den ersten Blick darauf hin, dass er vor 30 Jahren für ein politisches Erdbeben im Staat Bern sorgte, das die Obrigkeit brüskierte. Und ihn so bekannt machte, dass ihn die Berner 1987 und 1991 in den Nationalrat wählten.

Filmreife Szenen im August 1984

Im Sommer 1984 gab der damals 32-Jährige seinem Leben eine Wende. Er war Revisor bei der Finanzkontrolle des Kantons Bern, und wenn er damals weiter geschwiegen hätte, wäre ihm wohl eine Karriere im Staatsdienst sicher gewesen. Doch Hafner entschied sich anders und machte die Missstände publik, von denen zwar zahlreiche Kollegen wussten, die aber niemand ansprach («Ich habe doch ein Haus und Familie»).

Hafner kündigte und verschickte an seinem zweitletzten Arbeitstag einen Brief an alle Grossräte. Es war dicke Post: Der Revisor beschrieb darin, wie die Berner Regierung Gelder missbrauchte und gegen die Verfassung verstiess. Die Regierung hatte im Geheimen politische Gruppen finanziell unterstützt und so in Abstimmungskämpfe eingegriffen. Das Berner Establishment war nach Hafners Brief brüskiert. Als der Revisor zu seinem letzten Arbeitstag in der Finanzdirektion erschien, bekam er die Macht der Obrigkeit zu spüren: Der Departementssekretär drohte ihm mit dem Überfallkommando der Berner Polizei. Rudolf Hafner legte seine Schlüssel auf den Tisch und verliess das Haus augenblicklich; zwei Vorgesetzte begleiteten ihn hinaus, als ob er abgeführt werden müsste. «Ich fühlte mich wie im Film», sagt er. Verwirrt und alleine stand er dann auf dem Münsterplatz. Er kam vorübergehend bei Bekannten unter, in den Tagen danach durchsuchte die Polizei seine Wohnung.

Zu wenig Schutz für Aufdecker

Langsam hebt Rudolf Hafner im Dornacher Kloster das Glas mit dem Pfefferminztee vom Tisch. Er war einer der ersten und bekanntesten «Whistleblower» der Schweiz. Eben erst hat sich der Ständerat mit dem Thema beschäftigt und einen stärkeren Schutz abgelehnt. «Sehr negativ» ist dies aus Sicht von Hafner. «Wenn man Missstände ans Licht bringt, exponiert man sich sehr stark. Deshalb braucht es auch einen Schutz», sagt Hafner verständnislos.

Der gebürtige Balsthaler weiss, was für einen Preis Whistleblower zahlen: Nachdem er den Berner Finanzskandal aufgedeckt hatte, blieb ihm eine Karriere beim Staat verwehrt. Trotzdem hat er getan, was ihm richtig schien. Und er hat es später wiederholt: Vor einigen Jahren hatte Hafner eine «schöne und gut bezahlte» Stelle als Leiter eines Altersheimes in Dornach. Als die Baufirma des Stiftungsratspräsidenten den Zuschlag für den Neubau erhielt, gab Hafner die Stelle trotz finanzieller Einbussen aus Protest auf. «Ich will gut schlafen», sagt er. «Wenn Sie nichts unternehmen, werden Sie dies für den Rest Ihres Lebens bereuen», hatte ihm einmal ein Jurist gesagt. Das prägte Rudolf Hafner. Als «wandelnden Vorwurf an alle anderen» und als «Symbol gegen Machtmissbrauch» beschrieb die Zeitung «Der Bund» Hafner, der bereits als Nationalrat aufgedeckt hatte, dass sich der Chef des Bundesamtes für Wohnungswesen in den Verwaltungsrat einer Immobilienfirma wählen liess, die Subventionen vom Bund erhielt. Der Chefbeamte wurde entlassen.

Staat zahlte Jaguar-Reparatur

Woher kommen der kritische Geist und das Gerechtigkeitsempfinden? Er habe von der 7. bis zur 9. Klasse einen sadistischen Lehrer gehabt, sagt Hafner, der in Balsthal aufwuchs. Als Schüler brachte er vor Angst kein Wort über die Lippen, wenn er ein Gedicht aufsagen musste. Sein Vater konnte ihm nicht gross helfen: Der Chefmonteur der von Roll war oft im Ausland, die Mutter hatte gegenüber dem Lehrer wenig Autorität.

1985, ein Jahr nach Hafners erstem Brief, drohte der Berner Finanzskandal im Sand zu verlaufen. Da doppelte der Revisor nach. Nun machte er öffentlich, dass der Finanzdirektor seinen Jaguar auf Staatskosten reparieren liess und dass Magistrate auf Staatskosten an den englischen Fussball-Cupfinal oder mit den Gattinnen nach Wien flogen. Das wirkte: Während Hafner persönlich die Verfassungsverstösse viel relevanter fand, sorgten bei der Öffentlichkeit vor allem die Spesenabrechnungen für Kopfschütteln. Immerhin zwei Berner Regierungsräte traten als Folge des Skandals nicht mehr zu den Wahlen an. Trotzdem: Eine Busse von ein paar hundert Franken war die einzige juristische Konsequenz, die der Fall hatte. Die Verfassungsverstösse wurden nicht geahndet. «Die Justiz hat gemauert, parteipolitische Mechanismen haben zu spielen begonnen», sagt Rudolf Hafner leicht resigniert. Parteiensysteme mag Rudolf Hafner noch immer nicht, auch wenn er, der heute Kantonsrat in Solothurn ist, mit der Politik im Kanton nicht so hart ins Gericht gehen mag. «Man redet miteinander.»

Der Anti-Politiker als Politiker

Der Tee wird langsam kalt, das Glas ist fast leer. Geduldig beantwortet Rudolf Hafner alle Fragen, ohne sich je in den Mittelpunkt zu stellen. Noch immer sind seine Vorbehalte gegenüber der Macht gross, auch wenn er selbst Politkarriere machte: Heute politisiert alt Nationalrat Hafner für die Grünliberalen im Solothurner Kantonsrat. Der Politiker Hafner ist eigentlich ein Anti-Politiker: Als er als Nationalrat Bundesrichter zu wählen hatte, fühlte er sich nie ganz wohl. In erster Linie seien Parteimitglieder auf der Liste gestanden, die juristischen Fähigkeiten seien zweitrangig gewesen. Nach zwei Legislaturperioden in Bern trat Hafner 1994 freiwillig zurück. Er leitete dann Institutionen im Pflegebereich, zuerst im Thurgau, dann in Dornach. Vielleicht ist Rudolf Hafner einfach zu anständig für Machtspiele und Rangeleien. Noch immer spricht er beim Tee in Dornach vom «Herrn Doktor Kohli», seinem damaligen Chef – auch wenn ihm sein Chef das Überfallkommando der Berner Polizei auf den Hals hetzen wollte.

Die Teezeit nähert sich dem Ende. Wir verlassen die Herberge. Draussen öffnet Rudolf Hafner seinen Schirm und entschwindet gemächlich in den trüben Regenmorgen. Er geht leicht nach vorne gebeugt. Aber ganz aufrecht.

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