Revier Kleinlützel

Er jagt aus Leidenschaft für Natur und Wild - aber nicht nur, um zu schiessen

Städter reduzierten sie aufs Töten - Landwirte würden sie als «Schädlingsbekämpfer» sehen. Jäger zu sein bedeute aber mehr, erzählt der junge Jäger Yves Bubendorf auf Pirsch im Revier Kleinlützel.

Dicke Regentropfen prasseln auf das Blätterdach über Yves Bubendorf, einzelne klatschen auf die Laubschicht unter seinen Schuhen. Bubendorf, 32, im Berufsalltag Landschaftsgärtner und in der Freizeit Jäger, steht in einem Waldabschnitt des Jagdreviers Kleinlützel. In der einen Hand eine Zigarette, mit der anderen hält er seine Hündin Cuna an der Leine, die schwanzwedelnd umherspringt, die Schnauze in die Erde steckt und im Boden buddelt.

An diesem Tag ist es nicht nur wegen der grauen Wolkendecke düster. Auch dicker Nebel umhüllt Wald und Wiesen, die zum Jagdrevier im Solothurner Schwarzbubenland gehören. 18 Jägerinnen und Jäger sind hier zuständig, Bubendorf ist seit 2018 dabei. Damals hat er die eineinhalbjährige Ausbildung zum Jäger abgeschlossen. Weil ihm viel an der Natur liege – und am Wild.

Kampf gegen kaputte Wälder und Felder

Schon als Kind hatte Bubendorf mit Tieren zu tun. Er wuchs auf einem Bauernhof auf, ritt viel, erlebte Hausschlachtungen, durfte mit auf die Treibjagd. In der Landwirtschaft blieb er nicht – «der Milchpreis ist so tief, das rentiert nicht». Heute arbeitet Bubendorf zu 100 Prozent als Landschaftsgärtner – und ist daneben als Jäger «viel zu oft im Wald», wie er schmunzelnd sagt. Zwei- bis dreimal in der Woche geht er auf Pirsch und verbringt auch die Ferien im Revier. Er lebt alleine – für Frau oder Familie hätte er ja kaum Zeit.

In Kleinlützel beschäftigt die Jäger vor allem Schwarzwild – also Wildschweine. Es gehe aber nicht – wie es das gängige Klischee sage – darum, das Gewehr zu packen, in den Wald zu gehen, etwas zu schiessen und wieder heimzugehen. Zur Jagd gehöre viel mehr, erzählt der junge Jäger. Zum Beispiel das Schaffen einer Freihaltefläche, wie das die Jäger hier jüngst in Zusammenarbeit mit dem Forstbetrieb getan haben. Der Wald wurde ausgedünnt, alte Bäume gefällt, neue gesetzt. Die jungen Pflanzen bilden Knospen, wie sie von Rehen gerne abgeknabbert werden. Man will so den Verbiss im übrigen Wald beschränken. An einer anderen Stelle wurde eine Schlammwiese mit versteckten Maiskolben geschaffen. «Eine schöne Stube für Wildschweine.»

Eine Kamera hängt an einem Baum. Einmal in der Woche sieht sich Bubendorf die Bilder an. Einerseits will man Wild-Bestände besser schätzen können. Andererseits geht es immer auch darum, Schäden auf ein Gebiet in Wald oder Wiese zu begrenzen und die Tiere von der Zerstörung weiterer Jungbäume oder der Felder von Landwirten abzuhalten. Wie solche Schäden aussehen können, ist auf der Challmatte erkennbar – die die Exklave Kleinlützel mit dem Schwarzbubenland verbindet.

«Weniger schlimm» als Massentierhaltung

Mit seinem Geländewagen – «um den gängigen Klischees zu entsprechen» – fährt Bubendorf zur Challmatte. Unterwegs grüsst er einen Mann mit Rucksack – «der sammelt Pilze» – und einen Autofahrer – «der verkauft Holz».

Auch die Chalmatte liegt in dickem Nebel. Überall sind kleine Krater sichtbar, darin die Spuren von Schalen und Schnauzen der Wildschweine. Angepflanztes wird umgepflügt, Ernten gehen kaputt. Für die Schäden entschädigen die Jäger die Landwirte. Gleichzeitig zahlen die Jagdreviere dem Kanton Pacht, damit sie jagen dürfen. Derzeit sind 614 Jäger im Kanton registriert, 8 in Schutzgebieten. «Wenn Schäden zunehmen, bedeutet das, dass wir nicht genügend eingegriffen haben; drum kommen wir für die Entschädigung der Landwirte auf», erklärt Bubendorf. Eingreifen bedeutet: Wild schiessen.

Neben der Matte steht ein Hochsitz. Von hier aus schiessen die Jäger Wild. Viel öfter warteten sie aber. Er sei auch schon Nächte durchgehockt, erzählt Bubendorf. Und nichts sei passiert. Zudem findet er: «Man kann bei Muttertieren oder Jungen auch mal den Finger gerade sein lassen.» Wenn geschossen wird, dann zudem mit Kugel und nicht mit Schrot – das ist weniger qualvoll für die Tiere.

Trotzdem: Die Herbstjagd, bei welcher sich Jäger treffen und auf der Jagd nach Wild durch den Wald ziehen, ist auch hier das jährliche Highlight. Und dabei werden auch Tiere aus der Jugendklasse geschossen, wenn man in eine Population eingreifen will. «Der Tod eines Kalbes, das in der Massentierhaltung stirbt, ist ebenso schlimm – wenn nicht schlimmer.» Überhaupt ist der 32-Jährige überzeugt: «Jagen ist für mich die ehrlichste Art von Fleischkonsum.» Oft schlachtet er das Wild selbst und isst das Fleisch das ganze Jahr über.

Gerade im städtischen Raum würde man oft aufs Töten reduziert. Landwirte hingegen würden Jäger oft als «Schädlingsbekämpfer» sehen. Und die Jäger selbst? Bubendorf will sich auf keines der beiden Extreme beschränken. Es gehe um den Naturschutz – aber auch um die Regulation von Wildbeständen, damit Schäden und Seuchen eingedämmt werden können.

Oft sei es aber auch schön, Tiere aufwachsen zu sehen, zu begleiten und Lebensraum für sie zu schaffen. Sie nach Jahren auf der Matte wieder zu erkennen, festzustellen, dass sie den Luchs überlebt haben. Und sie dann auch weiterleben zu lassen.

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