Auf einen Kaffee mit ...

Er ist mit allen Mächtigen auf Augenhöhe

Walter Fust redet sich beim Termin mit der Presse ins Feuer – und vergisst dabei sogar seinen Kaffee. Die Tasse bleibt unberührt. Fürs Foto hebt er sie dann doch noch an.

Walter Fust redet sich beim Termin mit der Presse ins Feuer – und vergisst dabei sogar seinen Kaffee. Die Tasse bleibt unberührt. Fürs Foto hebt er sie dann doch noch an.

Der einstige Deza-Chef Walter Fust wohnt in Hessigkofen und arbeitet überall auf der Welt. «Ich bin in der Welt zu Hause und im Bucheggberg daheim», sagt der 70-Jährige.

Diplomatische Töne waren für den Diplomaten schon immer ein reines Mittel zum Zweck. Denn ein Zauderer, das ist Walter Fust wirklich nicht. Allgemeinplätze kamen ihm noch nie gelegen. Der 70-Jährige mag es direkt und verbindlich. Erst recht, seit ihm kein Mediensprecher mehr sagt, was er lieber nicht sagen sollte. Seit kein Bundesrat mehr da ist, der ihm am liebsten einen Maulkorb anlegen würde. «Man muss die Dinge benennen», sagt Fust.

Im Café an der Aare setzt er sich trotz Bise auf die Terrasse, er trägt Button-Down-Hemd und Jackett. Grauer Schnurrbart, rosiger Teint. Die Ledermappe mit dem Emblem der Vereinten Nationen vor ihm auf dem Tisch. Die vergangenen Wochen waren mal wieder anstrengend, gerade erst ist er aus den USA zurückgekehrt.

Sitzungen, Verhandlungen, Arbeitsessen. Fust verbringt fast das halbe Jahr im Ausland. Nach seiner Pensionierung vor acht Jahren wollte er nicht «zum Krokodil werden, das weiter über die Gänge schleicht». Heute arbeitet er auf allen Kontinenten, reist von Meeting zu Meeting und berät den UNO-Generalsekretär. In Hessigkofen, wo der gebürtige Toggenburger seit 25 Jahren wohnt, ist er nach seinem Geschmack viel zu selten anzutreffen. Fust sagt: «Ich bin in der Welt zu Hause und im Bucheggberg daheim.»

Walter Fust war einer der mächtigsten und umstrittensten Spitzenbeamten der Schweiz. Während seiner 15 Jahre dauernden Amtszeit als Chef der Direktion für Zusammenarbeit und Entwicklung (Deza) galt er als «Herr über ein Milliardenbudget». Die Deza formte er zu einer modernen Entwicklungsagentur, von ausländischen Kollegen bewundert und im heimischen Aussendepartement gefürchtet. In den Schweizer Botschaften dominierte oft die Sicht der Deza-Vertreter.

Gefürchtetes Schwergewicht

Unter Fusts Führung sollte sich die Deza auf Schwerpunkte konzentrierten. Der Chef forcierte «gezielte Programme über eine längere Frist». Seine Direktion verglich er mit einer Investmentfirma. Unterstützung gab es nur, wenn lokale Partner ebenfalls investierten. Und Fust verlangte Differenzierung: Es sei falsch, alle Entwicklungsländer in einen Topf zu werfen. Die Hilfswerke schätzten seine Entschlossenheit. Fust sei um die Verbesserung der Welt besorgt, ohne ein verbissener Weltverbesserer zu sein.

Politiker unterstellten ihm derweil Machtgier. Die Deza genoss im Aussendepartement eine kaum kontrollierbare Sonderstellung, eine parlamentarische Untersuchung ortete strategische Mängel. In anderen Bundesämtern war der Argwohn gross. Seine direkte Sprache machte Fust zur Zielscheibe, sein weltweites Beziehungsnetz liess ihn zum Schwergewicht werden. Ein Diplomat berichtete in der «Weltwoche» einmal, wie ein europäischer Aussenminister die damalige Bundesrätin Micheline Calmy-Rey nicht erkannte, aber Walter Fust freudig begrüsste. Er selbst habe sich stets als «Mächtiger im Dienst der Sache» gesehen, sagt Fust mit bebender Stimme. «Man kann sagen, ich sei ein sturer Bock gewesen. Aber ich hielt mich strikt an die Vorgaben, die ich vom Bundesrat bekam.»

Der Unbeirrbare

Beinahe hätte es zu noch höheren Weihen gereicht. Kurz vor seiner Pensionierung schien die Direktion des Welternährungsprogramms in Griffweite. Doch Fusts Kandidatur scheiterte an den amerikanischen Eigeninteressen. An seiner Stelle wurde eine Parteigängerin von US-Präsident George Bush an die Spitze gewählt.

Spuren dieser Niederlage sind keine mehr auszumachen. Walter Fust hat auch so alle Hände voll zu tun. Der Alt-Botschafter sitzt in 13 internationalen Gremien, er ist Präsident des Weltfonds für Kulturpflanzenvielfalt und Mitglied hochrangiger UNO-Gremien. Besonders gefordert ist er als Vorsitzender der African Innovation Foundation, einer Organisation, die nachhaltige Projekte auf dem afrikanischen Kontinent fördert. Oder wie es Fust ausdrückt: «Wir wollen aufstrebende Start-up-Firmen ankurbeln und das Wachstum des innovativen Privatsektors beschleunigen.» Als Deza-Chef wurde Fust auf seinen Reisen oft mit Armut und Leid konfrontiert. Was er als Innovationsförderer beobachtet, passt nicht so recht in das Klischee des hoffnungslosen Kontinents. Fust zeichnet ein ganz anderes Bild.

In Afrika stösst er auf Erfindergeist und Unternehmertum. Auf südafrikanische Forscher, die Bremsvorgänge zur Energiegewinnung nutzen. Auf neue Systeme zur dezentralen Stromerzeugung. Doch über afrikanische Innovationen wird in Europa selten gesprochen. «Dabei passiert dort so viel», sagt Fust. Als er einen Entwickler, dessen Technologie den Handyempfang in Zügen verbessert, mit Schweizer Bahnunternehmen zusammenbringen will, schlägt ihm nichts als Skepsis entgegen. Das nervt einen wie Walter Fust. Mit erhobenem Zeigefinger und der Unbeirrbarkeit eines Marathonläufers erzählt er von seinen Projekten, die Kaffeetasse bleibt bis zum Schluss unberührt. Wo er ist, passiert Spannendes, geht es lebhaft zu, ist etwas los.

Der Staatswissenschafter arbeitete zunächst im diplomatischen Dienst, war persönlicher Mitarbeiter von Bundesrat Kurt Furgler, Chef der Zentrale für Handelsförderung, Generalsekretär des Innendepartments und schliesslich Direktor der Deza. Er ist verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern. Vielleicht liegt es an seiner Direktheit, dass Fust immer wieder aneckt. Der Mann redet in seinem Ostschweizer Dialekt mit den kehligen Lauten, was sanftmütig klingt. Aber er formuliert geschliffen und druckreif.

Was falsch läuft

In diesen Tagen ist es die Flüchtlingskrise, die Walter Fust umtreibt. Was Millionen Menschen in Syrien und den Nachbarstaaten angetan werde, sei schlicht grauenhaft. «Reiche Länder wie die Schweiz müssen darum Schutz bieten», sagt er. «Aber was heisst Schutz? Vorläufige oder dauerhafte Aufnahme? Mehr Hilfe vor Ort oder rascher Wiederaufbau in Kriegsgebieten?» Abschliessend beantworten könne er diese vielschichtigen Fragen nicht. Aber wer, fragt Fust, könne das schon?

Gleichzeitig steht für ihn fest: «Zu vieles läuft falsch im Asylwesen. Illegale Migranten strapazieren das System.» Also fordert er, die Genfer Flüchtingskonvention zu reformieren. Das Abkommen von 1951 legt fest, wer ein Flüchtling ist, welche Rechte er hat und wie ihm geholfen werden soll. Doch der Begriff «Flüchtling» müsse endlich restlos geklärt werden, sagt Fust. Heute sei dieser fast beliebig auslegbar, was zu Verunsicherung und politischer Polemik führe.

Eine Reform der Flüchtlingskonvention. Natürlich weiss der Ex-Spitzenbeamte, dass er mit diesem Vorschlag an einem politischen Tabu ritzt. Fust tippt auf die Ledermappe mit dem UNO-Emblem. Er will nicht darauf vertrauen, was heute oder morgen ist. Er baut auf Langfristigkeit und auf die Kraft der internationalen Zusammenarbeit. Und wer ihm dabei zuhört, wie er von «globaler Gouvernanz» spricht, von der Schweiz, die auf die Welt mehr angewiesen ist als diese auf die Schweiz, der wähnt sich bald in einem Vorlesungssaal.

Walter Fust steht auf und kippt von einem Bein auf das andere, die Frühlingssonne färbt sein Gesicht rötlich. Mit seiner Mappe unter dem Arm fällt er auf der Terrasse in Solothurn nicht weiter auf. Ein kleiner Mann mit spitzem Grinsen, ein Mann im Dienst der Welt.

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