Es gibt Menschen, die erzählen so: «Die schöne Königin erblickt im Dickicht des Schlossparkes einen Zwergwüchsigen. Weil sie ihn nicht als solchen erkennt, erschrickt sie so, dass ihr das Wort ‹Monster› herausrutscht.» Aber es gibt auch Menschen, die erzählen ein wenig anders. Sie erzählen von der Königin, die in der schattigen Kühle des Dickichts den Duft modriger Blätter atmet, erzählen vom Knaben, den sie erblickt. Wie alt mag er sein? Vier- oder fünfjährig, doch irgend etwas stimmt nicht mit ihm. Und wie das Kind seinen Mund öffnet, dringt aus seinem kleinen Körper die Stimme eines Erwachsenen.

Erschrecken und Abscheu erfassen die Königin und ihrem Mund entfährt ein Wort, das den Zwergwüchsigen trifft wie ein giftiger Pfeil. Diese Erzähler schildern, wie der Kleine nun davon rennt und heult, als wollte er den Makel des Wortes aus sich heraus brüllen. Und zu diesem Zeitpunkt weiss der Leser noch nicht, welches Wort das ist. Er wird es erfahren. Nachdem der Beschimpfte das Erlebnis seiner ebenfalls zwergwüchsigen Schwester berichtet und das Wort durch seinen Mund bis in sie hineinsickert, um für immer dort haften zu bleiben. Erst da erfährt man, welches Wort es war. „Monster“. 

«Mit seinem jüngsten Roman ‹Pfaueninsel› (2014) ist Thomas Hettche fraglos ein Meisterwerk gelungen», heisst es im diesjährigen Communique des Solothurner Literaturpreises. Die dreiköpfige Jury, bestehend aus Hans Ulrich Probst, Christine Tresch und Beat Mazenauer, gab am Mittwochnachmittag bekannt, dass sie den 50-jährigen, in der Nähe von Giessen geborenen deutschen Autor mit dem Literaturpreis auszeichnet. 

Der Preis kürt statt eines einzelnen Buches gleich ein ganzes Oeuvre. Und das ist gut so. Denn, ob Hettche vom Berliner Mauerfall erzählt (im Roman „Nox“), von einem geschiedenen Vater und dessen pubertierender Tochter («Die Liebe der Väter») oder einem unschuldig Verurteilten («Der Fall Arbogast») - er tut das immer aussergewöhnlich. So aussergewöhnlich, dass man ihm gerne zuhören wollte, selbst wenn er eine Betriebsanleitung oder das Telefonbuch nacherzählte. In seinen Texten wirkt ein Zauber, der alles mit allem verbindet. Statt also nur virtuos zu jonglieren mit Worten, weiss Hettche immer auch um deren Gewicht, ihre geheimnisvolle Wirkmacht, wie sein eingangs beschriebenes Kreisen rund um das Wort „Monster“ zeigt. 

Der eingangs erwähnte Ausschnitt beleuchtet noch einen Wesenszug des Wahlberliners: Hettches Meisterschaft, beim Schreiben die Perspektiven zu wechseln; mal in die Haut des Erzählers, mal in jene einer Figur, mal in die der Leser zu schlüpfen. «Wer A sagt muss auch B sagen», gilt hier nicht. Statt dessen fängt der Autor bei C an, hüpft dann zurück zu A, um schliesslich bei B zu landen. Bei einem B, das allerdings C und A, also Zukunft und Vergangenheit in sich trägt. Fadengerade schreiben geht anders, süffige Pageturner hinpfeffern auch. Doch wer sich vom Zauber der Literatur davontragen lassen will, der ist bei Thomas Hettche richtig. 

Und wer wollte das nicht? Deshalb finden sich die Romane des Wahlberliners regelmässig auf der Shortlist für den deutschen Buchpreis. In der Schweiz ist das Echo auf seine Bücher leiser - eigentlich erstaunlich, denn der zweifache Familienvater lebt zeitweise in der Schweiz und denkt regelmässig in der NZZ als Essayist über die Literatur und das Leben nach. 

Auch die Jury des Solothurner Literaturpreises betont die vielfältige Arbeit des Schriftstellers und «sein beeindruckendes Werk, das thematischen Reichtum mit erzählerischer Virtuosität verbindet». Dass Thomas Hettche heuer nach Franz Hohler und Lukas Bärfuss den 20. Solothurner Literaturpreis kriegt, ist also gleich doppeltes Glück: Nicht nur für den Schriftsteller, sondern auch für alle jene Leser, die nun aufhorchen und ein Buch dieses Autors zur Hand nehmen. Es wird gewiss nicht das letzte sein.