A1-Abschlepper

Er ist dem Tod bereits als Knirps begegnet

Christoph Schwägli: «Die Bergung von Elektroautos stellt uns vor völlig neue Herausforderungen. Ungefährlich ist das nicht.

Christoph Schwägli: «Die Bergung von Elektroautos stellt uns vor völlig neue Herausforderungen. Ungefährlich ist das nicht.

Christoph Schwägli ist Abschlepper der ersten Stunde auf der heuer 50-jährigen A1.

Früher fuhr er Autorennen. Formel-3-Boliden und andere kleine Flitzer. Heute ist er gemächlicher unterwegs, dafür sammelt sein Unternehmen diejenigen ein, welche zu schnell oder unaufmerksam auf unseren Strassen unterwegs sind. Christoph Schwägli führt im bernischen Wiedlisbach einen Garagebetrieb samt Service- und Reparaturwerkstatt. Eine Tankstelle gehört ebenfalls dazu.

Als sichere und zunehmend wichtigere Einnahmequelle hat sich jedoch der Pannen- und Abschleppdienst erwiesen. Abgeschleppt oder vielfach nur noch geborgen werden dabei auch die Autos auf dem Autobahnabschnitt zwischen Niederbipp und Kriegstetten. Schwägli verschmitzt: «Was nicht fährt, fahren wir.» Nicht selten handelt es sich dabei lediglich noch um Blechhaufen, die es selbst geübten Fahrzeugkennern unmöglich machen, die Markennamen zu nennen.

Die Nationalstrasse A1 wird 50

In diesen Tagen ist es 50 Jahre her, dass die A1 dem Strassenverkehr übergeben wurde. Schwägli schaute damals seinem 7. Geburtstag entgegen. Der Knirps hatte es faustdick hinter den Ohren. Ganz offensichtlich fasziniert von der Arbeit seines Vaters Otto, wollte er unbedingt an den Fahrzeugbergungen teilhaben, wann immer es ging. Wenn er im Bett zu Unzeiten das Telefon schrillen hörte, «wusste ich, das ist die Polizei, die einen Abschleppwagen anfordert». So hat sich Klein Christoph im Zugfahrzeug auf der Rückbank versteckt, um als blinder Passagier die oft gruslige Arbeit des Vaters zu verfolgen. Er grinst und fügt an: «Nicht immer hat es die Mutter geschafft, mich rechtzeitig abzufangen.»

Des einen Leid, des andern Freud: Das Geschäft hat sich gut entwickelt. Nicht zuletzt deshalb, weil sein Vater immer verfügbar gewesen war.

«Tagsüber unter der Woche wollten alle abschleppen, mein Vater war jedoch auch an Samstagen und Sonntagen und vor allem nachts auf Pikett», erzählt der Garagier. Das habe zur Folge gehabt, dass die Polizisten immer zuerst seine Touring-Garage angerufen hätten. Daraus sei eine langjährige, vertrauensvolle Zusammenarbeit entstanden. Die Polizei habe für ihn schliesslich fast zur Familie gehört. So würden sie noch heute auch mal während Patrouillenfahrten für einen Kaffee vorbeikommen, aber auch nach Kollisionen Protokolle und weitere Schreibarbeiten bei ihm vor Ort erledigen, während er für die Unfallfahrer Mitfahrzeuge bereitstelle und deren Rück- oder Weiterreise organisiere.

Ob er denn weiterhin wie sein Vater rund um die Uhr und das an sieben Tagen die Woche ausrücke, wollen wir wissen. Schwägli verzieht das Gesicht und deutet auf sein lädiertes Bein. Vor acht Jahren hatte er einen schweren Skiunfall. Seither könne er nicht mehr auf Unfallstellen herumturnen wie früher. Ironie des Schicksals: Alle hätten ihm vorausgesagt, er würde mal beim Autorennen die Knochen brechen. Doch dann sei es eben auf der Piste passiert. Wir werfen ein, er sei wohl gleich gerast, wie mit den Boliden auf der Rennstrecke. Er winkt nur lachend ab.

Tote in der Werkstatt geborgen

Das Abschleppgeschäft hat Schwägli daher seinem Mitarbeiter Matthias Schöni anvertraut. Dieses werde zunehmend mit härteren Bandagen geführt, bilanziert der Unternehmer. Zahlreiche Konkurrenten drängten auf den Markt, die beim Verdrängungskampf nicht immer nur mit sauberen Methoden arbeiteten. Die früheren Handschlagabmachungen seien längst passé.

Heute gehörten Vereinbarungen und strenge Pflichtenhefte zum Alltag. So müsse man zum Beispiel über ein leistungsfähiges Kranfahrzeug zur möglichst schnellen Bergung verfügen. Trotz grösseren Hürden setzt Schwägli auf das Abschleppgeschäft, will er doch auch baulich in diesen Bereich investieren.

50 Jahre A1

Der Autobahnabschnitt zwischen Oensingen und Kriegstetten wird 50-jährig. Die Familie Schwägli rückt seit zwei Generation aus bei Unfällen und Pannen

Doch zurück zu 50 Jahren Autobahn im Mittelland. Was hat sich verändert, Christoph Schwägli? «Enorm viel», kommt es wie aus der Pistole geschossen. Früher hätten sie wesentlich mehr Todesfälle gehabt. Zudem seien die Bergungsgeräte dürftig gewesen. Mobile Pressen habe es nicht gegeben.

So sei es regelmässig vorgekommen, dass die völlig demolierten Autos samt den tödlich verletzten Opfern in die Werkstatt gefahren werden mussten. Erst dort habe man die Verstorbenen herausschneiden und dem Bestatter übergeben können. Nichts für schwache Nerven also. Schwägli wiegt den Kopf hin und her. Das sei richtig, aber mit der Zeit stelle sich ein Gewöhnungseffekt ein. Zu den allerschlimmsten Erinnerungen zählt ein Unfall bei Kriegstetten, als Stahlseile der Mittelleitplanke wie eine Guillotine wirkten.

Oder auch die Massenkarambolage im Nebel bei Wangen an der Aare. 72 Fahrzeuge sind damals ineinandergekracht. Zusammen mit denen auf der Gegenfahrbahn seien etwa 85 Autos zu Schrott gefahren worden. Unter die Haut seien ihm oft auch Fahrer gegangen, die Suizid begingen, indem sie in Bäume oder Betonbauten rasten.

Diese wirklich schlimmen Zeiten seien gottlob vorbei. Auf der A1 herrsche oft Langsamverkehr oder gar Stau und da die Autos von der Bauweise her wesentlich sicherer geworden seien, wähle, wer bei einer Selbsttötung nichts dem Zufall überlassen wolle, andere Methoden. Eine weitere interessante Beobachtung bezüglich fortschreitender Technik hat Schwägli in Sachen Elektromobilität gemacht: Nach Unfällen mit zerstörten Batterien könnten diese Fahrzeuge für die Retter zu Todesfallen werden. Er habe schon total gegrillte solcher Autos gesehen.

Mit dem Tod auf Du und Du

Man spürt es förmlich heraus: Der Tod scheint ein guter Bekannter von Christoph Schwägli zu sein. Stimmts? Ja, doch als Siebenjähriger habe er zuweilen schon Albträume gehabt, wenn er wieder einmal auf dem Rücksitz unerlaubterweise die Unfallszenerie beobachtet habe. Diese habe ihn eben fast magisch angezogen. Unser Blick fällt auf ein grösseres Bild im Büro Schwäglis. Darauf zu sehen ist die ehemalige Skirennfahrerin Corinne Rey-Bellet, 2006 Opfer ihres amoklaufenden Ehemannes. Schwägli hatte sie gut gekannt.

50 Jahre A1 haben im Grossen sehr viel verändert, jedoch auch im Kleinen ihre Spuren hinterlassen. So etwa im Leben des Christoph Schwägli. Aufgewachsen unweit dieses stark befahrenen Strassenstücks.

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