Obergericht Solothurn

Er biss einen Richter in die Hand: Kommt Kuno W. jetzt mit einer milderen Strafe davon?

Wie immer, wenn Kuno W. (im weissen Hemd) vor Gericht steht, wurde er auch gestern von so einigen Unterstützenden zur Verhandlung begleitet.

Wie immer, wenn Kuno W. (im weissen Hemd) vor Gericht steht, wurde er auch gestern von so einigen Unterstützenden zur Verhandlung begleitet.

Ein neues Gutachten im Fall Kuno W. zeigt einen unkonventionellen Lösungsweg. Ob das Gericht sich für diesen oder für eine Freiheitsstrafe entscheidet wird nächste Woche bekannt.

Jahrelang stand er auf Kriegsfuss mit den Solothurner Behörden, auf dem Höhepunkt des Streits schlug er einem Gerichtsschreiber ins Gesicht und Biss einen Richter in die Hand. Diesen Montag stand Kuno W. erneut vor dem Solothurner Obergericht. In einem Berufungsprozess wehrt er sich gegen ein Urteil des Amtsgerichts Solothurn-Lebern, das ihn im Jahr 2018 zu einer Freiheitsstrafe von 34 Monaten, einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen à 30 Franken und einer Busse in der Höhe von 2000 Franken verurteilt hatte.

Er wurde unter anderem wegen Drohung, einfacher Körperverletzung und sexueller Belästigung verurteilt. Bereits vor einem Jahr hätte das Obergericht seinen Fall neu beurteilen sollen. Die Verhandlung wurde im letzten Jahr unterbrochen, weil Kuno W. ein neues Gutachten beantragt hatte. Das Gutachten sollte gestützt auf persönliche Gespräche verfasst werden, und nicht gestützt auf das Studium der Akten.

Der Prozess gegen Richterbeisser Kuno W. geht in eine neue Runde

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Der bekannte Solothurner Querulant Kuno W. Musste sich am Montag vor dem Obergericht verantworten. Beim Prozess zeigte sich der 57-Jährige wie gewohnt uneinsichtig.

Neues Gutachten zeigt neue Lösungsansätze

Kuno W. sei sehr kooperativ und offen gewesen, so die Gutachterin. «Es gab wenige Themen, zu denen er nichts sagen wollte», erinnert sie sich. Die vorher erstellten Gutachten beurteilte sie in einigen Punkten kritisch: «Es wurden keine Personen befragt, die Kuno W. in seiner Kindheit und Jugend kannten», so die Gutachterin.

In früheren Gutachten war Kuno W. eine paranoide Persönlichkeitsstörung attestiert worden. Diese Ansicht teilt das neue Gutachten nicht. «Möglich ist eine kombinierte Persönlichkeitsstörung», führte die Gutachterin aus. «Ich diagnostiziere zwar ungern, weil es keine klare Diagnose ist». So seien bei ihm Tendenzen für eine narzisstische sowie eine paranoide Persönlichkeitsstörung vorhanden. Für beide sei er aber nicht der Prototyp. «Am ehesten lassen sich seine Wesenszüge mit dem Begriff der Querulanz erklären».

Selber betonte Kuno W. in früheren Verfahren, am Asperger Syndrom zu leiden. Die konnte die Gutachterin nicht bestätigen. So verfüge Kuno W. etwa über ein stabiles Umfeld und habe rund 20 Jahre lang eine funktionierende Beziehung geführt. Und sein Freundeskreis sei zwar klein, aber seit Jahren der gleiche. Das weise ebenfalls darauf hin, dass Kuno W. nicht an Asperger leide. Laut Gutachten ist es für Kuno W. möglich, ein Leben ohne Gewalt zu führen. Damit Konflikte zwischen Kuno W. und den Behörden aber in Zukunft nicht mehr eskalieren, müssten Reibungsflächen möglichst verhindert werden. Dies im Rahmen einer Ersatzmassnahme. «Es braucht jemanden, der die verschiedenen Stellen koordiniert. Bei ihm brennen viele Feuer, aber es gibt bisher kein Gesamtkonzept.»

Kuno W. könne nicht im Rahmen einer klassischen Psychotherapie begleitet werden. «Er braucht eine Person die ihn begleitet und mit ihm darauf achtet, nicht in brenzlige Situationen zu geraten. Wegen der speziellen Dynamik in seinem Fall muss es auch eine Person sein, die für Kuno W. passt. Bei ihm funktioniert eine Zusammenarbeit nicht, wenn er jemanden nicht ausstehen kann». Als Begleitperson geeignet wäre laut der Gutachterin etwa Personen aus der Forensik: «Die haben eine dicke Haut und werden nicht panisch, wenn es heikel wird. Ausserdem haben sie genug Erfahrung um zu wissen, wann eine Situation ausartet und können im Notfall reagieren».

Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch der Anwalt von Kuno W. können sich eine solche Massnahme für Kuno W. anstelle einer Freiheitsstrafe vorstellen. Zwar unterstützt die Staatsanwaltschaft das Urteil der Vorinstanz, betonte Staatsanwältin Kerstin von Arx in ihrem Plädoyer. Aber: Falls Kuno W. sich dazu bereit erkläre, sich während zwei Jahren im Rahmen einer Ersatzmassnahme eng begleiten zu lassen, werde sich die Staatsanwaltschaft nicht dagegenstellen.

Auch Daniel Walder, der Anwalt von Kuno W., kann sich eine Ersatzmassnahme für seinen Klienten vorstellen. «Mit dem Gutachten hat sich eine neue Möglichkeit aufgetan», so Walder. Vor Gericht forderte er aber einen Freispruch, oder dass die Dauer einer Freiheitsstrafe auf 10 bis 12 Monate verkürzt wird. Zusätzlich soll die Zahl der Tagessätze von 90 auf 30 Tage reduziert werden. Kuno W. selber, der während der Verhandlung stets ruhig geblieben war, stellte sich auch nicht gegen eine Ersatzmassnahme. Aber er betonte: «Ich möchte mir meine Betreuungsperson anschauen, und erst dann werde ich mich entscheiden».

Autor

Rebekka Balzarini

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