Solothurner Freisinn
Entstauben zwei Oltner den Solothurner Freisinn?

Im oberen Kantonsteil herrscht Tristesse in den FDP-Reihen, im unteren hingegen rappelt man sich bereits wieder hoch. Zwei Hoffnungsträger sollen die Partei wieder fit machen: SBB-Kommunikationschef Stefan Nünlist und Journalist Werner De Schepper.

Theodor Eckert
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Solothurner Zeitung

Die bittere Wahlniederlage vom vergangenen Sonntag sitzt den Solothurner Freisinnigen noch immer gehörig in den Knochen: Zwischen Schockstarre, Ratlosigkeit und Aufbruchstimmung ist alles auszumachen. Doch eines ist klar: Sind Verliererparteien in einer Kriechspur festgefahren, tun sie sich schwer, wieder auf die Erfolgsstrasse zurückzukehren. Die Solothurner sind im Sog der nationalen Partei in einer tristen Sackgasse gelandet. Mit Verdrängen oder Schönreden ist es spätestens seit dem 4. Dezember 2011 vorbei.

Dabei die Schuld allein dem gescheiterten Kandidaten in die Schuhe zu schieben, würde allerdings zu kurz gegriffen. Das Debakel hat sich schon länger abgezeichnet. Erst der Verlust des vermeintlich abonnierten Ständeratssitzes hat jetzt auch dem letzten Parteimitglied die Augen geöffnet.

Auch an Selbstkritik mangelts nicht

Aus der FDP heraus sind seit der jüngsten Wahlniederlage ungewohnt selbstkritische Töne zu vernehmen: «Die FDP Solothurn ist auf einem historischen Tiefpunkt angelangt. Welche Konsequenzen hat das? So gehts auf jeden Fall nicht weiter», ist in einem Mail zu lesen, das die Redaktion erhalten hat.

In einer weiteren Botschaft ist der Satz zu entnehmen: «So, wie ich die Situation einschätze, wird man sich jetzt gegenseitig intern zerfleischen. Danach wird sich jedoch nichts ändern, schliesslich gilt ‹esch immer eso gsi›. Ich finde, die Zeit ist da, den Freisinn neu zu lancieren.» Ein anderer schreibt: «Es braucht eine ‹Chropfleerete› an Haupt und Gliedern.»

«Jetzt müssen die jungen Wilder ran»

Ein aufgewühlter Schreiber liefert gleich das Rezept: «Wir brauchen an der Spitze Querdenker mit liberaler und kommunikativer Kompetenz und wie wärs mit einem Parteitag zur Erneuerung des Solothurner Freisinns im Geiste des Balsthaler Rösslitages?» Oder einer meint kurz und bündig: «Jetzt müssen die jüngeren Wilden ran.» Ein FDP-Parteimitglied liefert für die Führungsspitze eine mögliche Traktandenliste: Kampf den Sesselklebern, mehr Bürgernähe, keine Verwaltungsmentalität, Kommunikationsdefizite beheben, Diskussion über Amtszeitbeschränkung, Bekämpfung der Nachwuchssorgen, Neuorganisation prüfen, für Blutauffrischung sorgen.

Zwei Oltner wollen es wissen

Nach dem ersten Schock scheinen all diese Themen vielen FDPlern heiss unter den Nägeln zu brennen. Dass der Patientin mit herkömmlichen Rezepten nicht wirksam beizukommen ist, haben unzufriedene Freisinnige aus dem unteren Kantonsteil schon länger erkannt. Nun wollen sie ihre Chance nutzen und einen Akzent setzen.

«Dem Geist unruhiger Freiheitlichkeit verpflichtet»

Stefan Nünlist, SBB-Kommunikationschef und ehemaliger Oltner Stadtrat

Stefan Nünlist, SBB-Kommunikationschef und ehemaliger Oltner Stadtrat

«Entwicklungshilfe» durch Parteigössen

Nünlist will für die FDP kämpfen: «Unsere Partei, die Architektin und Hüterin des schweizerischen Staatsverständnisses, droht in der politischen Bedeutungslosigkeit zu versinken. Mit der FDP verliert die Schweiz einen Teil ihrer DNA. Wir wollen in Olten, der Geburtsstätte der FDP Schweiz, elf Anstösse formulieren, wie die FDP ihre Verantwortung künftig wieder wahrnehmen und sich in die relevanten politischen Fragestellungen angemessen einbringen kann.» Parteigrössen wie Pascal Couchepin, Franz Steinegger, Christine Egerszegi und Christian Wanner sollen gemeinsam mit politischen Gegnern und Querdenkern eine Standortbestimmung vornehmen.

Nünlist will nicht zurückblicken, ihm geht es vielmehr darum, die enorme Kraft, die in seiner breit abgestützten Partei vorhanden sei, wieder zu mobilisieren. Daran habe es bei den Wahlen 11 gefehlt: «Wir konnten unser Potenzial nicht ausschöpfen.» Nünlist hält nichts von einer gleichgeschalteten Partei, betont jedoch: «Wir dürfen unter dem Jahr unterschiedlicher Meinung sein und uns gegenseitig herausfordern, doch bei Wahlen müssen wir geschlossen auftreten.»

Werner De Schepper, Journalist, Uni-Dozent und TV-Moderator

Werner De Schepper, Journalist, Uni-Dozent und TV-Moderator

Solothurner Zeitung

Regierungsrat schätzt Querdenker

Nünlist sieht De Schepper als Spiritus Rector. Der umtriebige Medienmann will zum «Entstauben» des Solothurner Freisinns beitragen. Er wünscht sich eine frische und freche Partei: «Diese FDP hat viel Potenzial, ich denke an die verschiedenen Flügel wie Wirtschaft, Ökologie, Soziales. Sie müssen alle wieder gestärkt werden, damit wir wieder fliegen können.» Nünlist und De Schepper, die Hoffnungsträger einer angeschlagenen Partei?

FDP soll wieder eine Volkspartei werden

Regierungsrat Christian Wanner bejaht: «Dieser Tag ist ein sehr positiver Ansatz. Wie Nünlist und De Schepper das anpacken, unterstütze ich. Die FDP sollte wieder eine Volkspartei werden und dabei mehr Verständnis für breite Bevölkerungskreise entwickeln, so zum Beispiel auch für Gewerbetreibende und Bauern. Wir müssen jetzt alle Kräfte sammeln, die guten Willens sind. Ich unterstütze dabei auch unkonventionelle Ideen.»