Amtsgericht

Endete der Ehestreit in versuchter vorsätzlicher Tötung?

Das Amthaus 2 in Solothurn ist  der Sitz des Amtsgerichts Solothurn-Lebern

Das Amthaus 2 in Solothurn ist der Sitz des Amtsgerichts Solothurn-Lebern

Experten sind sich uneinig, ob das Würgen wirklich lebensgefährlich war. Das Amtsgericht Solothurn-Lebern vertagt die Verhandlung.

Ein heute 54-jähriger Schweizer, der im Juli 2013 seine damalige Ehefrau geschlagen und gewürgt hatte, wurde wegen versuchter vorsätzlicher Tötung angeklagt. Doch weil sich die Experten über die Gefährlichkeit der Übergriffe nicht einig sind, vertagte das Amtsgericht Solothurn-Lebern die Verhandlung und ordnete ein neues medizinisches Gutachten an.

«Wir haben gestritten, wie fast an jedem Tag», beschrieb die mittlerweile geschiedene Ehefrau die Tat. «Er hat wie immer viel zu viel getrunken. Seit drei Jahren arbeitete er nicht mehr, kein Geld, nur Schulden, und er war psychisch schlecht drauf. Ich war auch betrunken. Ich hatte Kaffee mit Cognac getrunken, aber ich weiss nicht mehr wie viele.»

Jeden Tag Alkohol und Streit

An viele Details konnte sich das Opfer nicht mehr erinnern. «Er hatte fast geschlafen und ich habe weiter auf ihn eingeredet. Da ist der Streit eskaliert. Er hat mich gewürgt, aber er wollte mich sicher nicht töten. Er wollte einfach, dass ich nicht mehr weiter rede.» Ob sie tatsächlich in Ohnmacht gefallen sei, wie sie bei der ersten Einvernahme ausgesagt hatte, wollte das Gericht wissen. Das Opfer überlegt lange. «Ich weiss wirklich nicht mehr.»

Man merkte, dass die Frau ihren früheren Mann nicht noch weiter in den Schlamassel reiten wollte. So zitierte Amtsgerichtspräsident Yves Derendinger aus der Einvernahme am Tag nach der Tat: «Ich hatte Angst, dass er mich umbringen wird», habe sie damals gesagt.

Und auf die Frage, ob ihr Mann Waffen besitzt, sagte sie: Nein, wenn er ein Gewehr hätte, hätte er mich getötet.» Bald drei Jahre später klang das Opfer deutlich anders: «Nein, nein, das stimmt nicht. Er hat getrunken, Schlaftabletten genommen und Cannabis geraucht. Ich wollte, dass die Polizei ihn zum Psychiater bringt, damit man ihm hilft. Er ist jetzt schon genug gestraft.»

Seit der Tat ein anderer Mensch

Es tut mir alles wahnsinnig leid», beteuerte Stefan S. vor Gericht. Kurz nach dem Vorfall ist er schwer erkrankt und er machte einen gesundheitlich deutlich angeschlagenen Eindruck. «Alles Schlechte ist für etwas gut», antwortete er auf die Frage, wie es ihm heute geht. «Es war schlimm mit der Arbeitslosigkeit und dem Alkohol. Ich bin stolz darauf, dass ich seither keinen Alkohol mehr trinke.»

«Mit einer Russin Krieg zu haben, das prästiert ein Schweizer nicht», beschrieb der Angeklagte den verhängnisvollen Abend. Es klang wie das Drehbuch zu einem schlechten Film. An diesem Tag habe er erfahren, dass sein Vater gestorben ist. «Trotzdem suchte sie ständig den Streit und sagte Dinge, die man nicht sagen dürfte.

Ich bin ihr von einem Zimmer ins andere ausgewichen. Mit jedem Cognac wurde es schlimmer. Wir waren beide richtig betrunken. Ich legte mich ins Bett und hoffte, ich schlafe endlich ein. Da habe ich zwei Schlaftabletten Normison genommen.»

Doch die Frau liess nicht locker. «Sie weckte mich, riss mich an den Haaren, schrie mich an. Es war ohne Ende. Da habe ich sie mit den Füssen aus dem Bett gestossen und getreten. An mehr kann ich mich nicht erinnern. Aber ich weiss, dass ich es war, der sie zusammengeschlagen hat, es war nicht der grosse Unbekannte. Ich hätte nie geglaubt, dass ich mich zu so etwas provozieren lasse.»

Würgen ist nicht gleich Würgen

Kantonsarzt Christian Lanz bestätigte, dass bei der Art Schlafmittel zusammen mit Alkohol Erinnerungslücken auftreten können. Und zur Tat: «Eine gefährliche Strangulation ist nicht das Abdrücken der Luft, sondern das Abdrücken der Blutversorgung zum Gehirn. Stauungsblutungen in der Haut, speziell hinter dem Ohr oder im Trommelfell, wären ein klarer Hinweis auf ein lebensgefährliches Würgen.»

So etwas habe er aber nicht feststellen können. «Eine einzige Staublutung gab es unter einem Auge in der Bindehaut.» Solche Blutungen sind eher harmlos und kämen recht oft vor. Alle anderen Spuren seien Zeichen von stumpfer Gewalt.

«Ich gehe nicht von einer akuten Lebensgefahr aus und kann die Schlussfolgerung des Gutachtens in diesem konkreten Fall nicht nachvollziehen. Das ist zu hart», meinte der Kantonsarzt.

Das brachte den Vorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötung ins Wanken. So unterbrach das Gericht die Verhandlung für eine kurze Besprechung. «Wir haben beschlossen, die Verhandlung zu vertagen», erklärte Yves Derendinger. «Wir lassen ein neues Gutachten erstellen, weil der Kantonsarzt dem schriftlichen Gutachten widerspricht.» Wann die Verhandlung weitergeht, ist noch nicht bekannt.

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