Biberist
«Emme sehnt sich nach altem Bett» – Startschuss für Renaturierung ist gefallen

In Biberist haben am Freitag die Emme-Sanierungsarbeiten zur künftigen Abführung von Hochwasser begonnen. Bald wird der unterste Flussabschnitt zum Tummelfeld für Mensch und Tier.

Christof Ramser
Drucken
Teilen
Medieninformation zum Spatenstich der Renaturierung der Emme.
10 Bilder
«Obwohl vertraute Flusslandschaften gänzlich umgebaut werden, bekomme der Kanton immer wieder durchwegs positive Rückmeldungen», sagte Roland Fürst.
«Mittlerweile wissen wir auch bezüglich der Emme, dass das Prinzip ‹Hoffnung› keinen genügenden Schutz bietet», so Biberists Gemeindepräsident Martin Blaser.
Unterwegs an die Emme
Roni Hunziker, Ingenieur und Emme-Kenner, und Roland Fürst.
Die mit umweltfreundlicher Farbe bemalten «Emmen-Steine» liegen für ihren Flug ins Wasser bereit
Sie warfen bemalte Emme-Steine in den Fluss (v.l.): Landammann Roland Fürst, Kuno Tschumi, Michael Ochsenbein, Stefan Hug, Martin Blaser und Departementssekretär Bernardo Albisetti.
Auf Los fliegen die «Ämme-Bölle» Richtung Emme
Startschuss zur Renaturierung der Emme in Biberist
Martin Blaser gibt dieser Zeitung ein Video-Interview

Medieninformation zum Spatenstich der Renaturierung der Emme.

Felix Gerber

Rauchende Grillfeuer, planschende Kinder, Forellen, die endlich wieder zirkulieren. Und da und dort eine Ringelnatter, die über einen von der Sonne erwärmten Stein huscht. Bilder, die man an schönen Sommertagen an der Emme zwischen dem Wehr Biberist und ihrer Mündung in die Aare vergeblich sucht.

Der letzte, rund 5 Kilometer lange, kanalisierte Abschnitt des Flusses ist dicht bewaldet und gesäumt von Umweltsünden. Kommt hinzu, dass Quartiere in Biberist und Zuchwil überschwemmungsgefährdet sind.

In ein paar Jahren wird man die Gegend nicht wiedererkennen. Der Wald wird gerodet, das Flussbett stark verbreitert und der teilweise giftige Müll aus den drei Deponien in Biberist, Derendingen und Zuchwil geholt.

Wo heute Cadmium, Arsen, Sperrgut oder Bauschutt modern, wird sich die Emme ihren Weg durch Überflutungsflächen bahnen. Denn im Februar hatte die Solothurner Stimmbevölkerung deutlich für den Kredit «Hochwasserschutz und Revitalisierung Emme» gestimmt.

Damit die unterste Emme zum naturnahen Erholungsgebiet für Mensch und Tier wird, sind weitreichende Eingriffe nötig. Am Freitag starteten auf dem Biberister Papieri-Areal die Bauarbeiten.

Baudirektor Roland Fürst und die Gemeindepräsidenten der vier Anstössergemeinden Biberist, Derendingen, Luterbach und Zuchwil warfen symbolisch Emme-Steine in den Fluss. Die Brocken sind mit umweltfreundlicher grüner Leuchtfarbe bestrichen und wandern mit dem Geschiebe Richtung Aare.

Nach sonnigen Tagen werden sie in der Nacht im Wasser grün schimmern. «Sie erinnern daran, dass die Emme ein dynamisches Gewässer ist», sagte Fürst.

Er verwies auf den ökologischen Nutzen des Bauprojekts. Das breitere Flussbett werte das Gewässer auf und die Fische werden zwischen dem Wehr Biberist und der Aare fast ungehindert schwimmen können.

Die Schwellen werden aufgehoben oder durch fischgängige Rampen ersetzt. «Die baulichen Eingriffe werden sicht- und hörbar sein und es wird dauern, bis sich Verbesserungen zeigen.» Fürst dankte bereits jetzt für die Geduld der Anstösser.

Eine zentrale Funktion der Bauarbeiten ist der Hochwasserschutz, der massiv verbessert wird. Die August-Hochwasser von 2005 und 2007 haben vor allem den Biberistern einen gehörigen Schrecken eingejagt. Die Dämme hielten zwar stand. «Sie drohten aber zu brechen», sagt Ingenieur Roni Hunziker. Was dann passieren würde, liess den Biberister Gemeindepräsidenten erschaudern. «Bei der Post stünde das Wasser bei drei Metern.» Biberist und Gerlafingen riefen nach dem Kanton, und im Sommer 2012 wurde die Sanierung und Revitalisierung des oberen Emme-Abschnitts abgeschlossen.

Im unteren Abschnitt bis zum Emmenspitz werden 5 Kilometer Dämme und 150 Meter Ufermauern die Siedlungsgebiete schützen. Die bestehenden Verbauungen werden saniert oder ersetzt. Ein Hochwasserschutz ergibt sich bereits durch die Aufweitung des Flussbetts. «Der Wasserspiegel wird so gesenkt», sagt Hunziker.

So beschränken sich Überflutungen bei einem Jahrhunderthochwasser künftig auf die Flächen innerhalb des Gewässerraums. Bei grösseren Ereignissen würde das Wasser hinauslaufen und durch Flutkorridore abfliessen. Solche Ereignisse seien aber sehr selten. Diese Restgefährdung müsse akzeptiert werden, weil weitergehende Schutzmassnahmen unverhältnismässig teuer wären.

Betroffene schlafen ruhiger

Wie wichtig der Hochwasserschutz für die Betroffenen ist, zeigte ein Votum von Martin Blaser. Seitdem der obere Teil von der Kantonsgrenze bis zum Biberister Wehr saniert ist, schlafe er bedeutend ruhiger. «Die Gefahr konnte auf ein Restrisiko gemindert werden.» Endlich werde der Fluss nicht mehr eingeengt. «Die Emme sehnt sich nach ihrem Flussbett.» Es sei ein historischer Moment, sagte Blaser anlässlich des Baustarts. Und wenn in fünf Jahren auch der zweite Teil des Hochwasserschutzprojektes abgeschlossen sei, «dann ist das Jahrhundertbauwerk Tatsache».

zvg

Grösstes Wasserbauprojekt des Kantons Solothurn

Das 73,6 Millionen Franken teure Projekt stellt sicher, dass künftig ein Hochwasser, wie es durchschnittlich nur einmal in 100 Jahren auftritt, mit der nötigen Reserve schadlos abgeführt wird.

Saniert werden die letzten 4,8 Kilometer der Emme zwischen dem Wehr in Biberist und der Einmündung in die Aare bei Luterbach und Zuchwil. Die Solothurner Stimmberechtigten hatten dem Projekt am 28. Februar mit einem Ja-Stimmenanteil von mehr als 83 Prozent zugestimmt.

Der Kanton Solothurn muss 18,8 Millionen Franken an die Gesamtkosten beisteuern. 36 Millionen Franken kommen vom Bund, 8,3 Millionen Franken stammen aus dem kantonalen Altlastenfonds, 6,9 Millionen müssen die Anstössergemeinden bezahlen und 1,8 Millionen Franken tragen Dritte bei, die vom Projekt betroffen sind.

Es handelt sich um das grösste Wasserbauprojekt, welches der Kanton Solothurn je an die Hand genommen hat. Die derzeitigen Verbauungen stammen aus der Zeit der Emmekorrektion im vorletzten Jahrhundert.

Sie sind sehr baufällig und erfüllen ihre Schutzfunktion nicht mehr. Bei den Hochwassern 2005 und 2007 schrammte die Region haarscharf an einer Überschwemmungskatastrophe vorbei. (sda)