Auf einen Kaffee mit...

Einstige Chefin im Amt für Finanzen: «Ich habe keine Blabla-Sitzungen mehr»

Pia Stebler – überwacht von ihrem Mentor Otto Ineichen.

Pia Stebler – überwacht von ihrem Mentor Otto Ineichen.

Pia Stebler war einst Chefin im Amt für Finanzen. Die heute 52-Jährige musste ihren Posten 2006 wegen persönlicher Differenzen räumen. Jetzt ist sie Inhaberin einer Beratungsfirma.

Ihr unfreiwilliger Abgang bei der kantonalen Verwaltung füllte vor einigen Jahren, 2006 war es genau, über einige Zeit hinweg die Spalten dieser Zeitung. Aufgrund persönlicher Differenzen musste Pia Stebler, die damalige Chefin im Amt für Finanzen, ihren Stuhl räumen. Wie geht es ihr jetzt? – fragten wir uns. Und wir wollten zudem wissen: Kann uns die promovierte Ökonomin das Rezept verraten, wie der kantonale Finanzhaushalt wieder ins Lot gebracht werden könnte? Schliesslich war sie ab 2000 wesentlich daran beteiligt, dass Solothurn nach dem Kantonalbank-Debakel wieder auf die Erfolgsspur zurückgefunden hat.

Wir treffen uns in ihrem Büro an der Wengistrasse in Solothurn. Im April hat sie den Geschäftssitz der Dr. Pia Stebler Consulting von Aarau hierher verlegt. Wer den Zugang nicht kennt, findet die Räumlichkeiten kaum. Das ist nicht weiter schlimm, denn ihre Auftraggeber müssen sich nicht zur ihr bemühen, sie reist vielmehr zu ihnen, meistens nach Zürich oder Bundesbern. «Ich bin nie acht Stunden am Stück im Büro», sagt sie und pustet sich lachend eine eigenwillige Haarsträhne aus dem Gesicht.

Rechnung geht auf

Längst hat sich die 52-Jährige in ihrem neuen beruflichen Umfeld etabliert – und es nicht bereut, den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt zu haben. Im Gegenteil. «Es ist einfach schön, wunderschön», schwärmt sie. «Ich habe keine Blabla-Sitzungen mehr und kann selbst über meine Zeit bestimmen.» Ist es aber nicht doch etwas ungemütlich, nie so recht zu wissen, wie viel Geld am Ende des Monats auf dem Konto liegt? «Ich werde eins zu eins für das bezahlt, was ich leiste.» Für manch einen wäre das eine Belastung, für sie nicht. Die Rechnung geht auf.

Die Büroeinrichtung ist, noch, eher spärlich, eine Kaffee-Maschine gibt es zwar, sie ist aber nicht in Betrieb. Auch das ist nicht weiter schlimm, an der Wengistrasse gibt es schliesslich so manches Café. Dominiert wird der hohe Raum von einem riesigen Poster mit dem Gesicht von Otto Ineichen, das an sein letztes politisches Vermächtnis erinnert, die Lancierung der Stromeffizienz-Initiative.

Otto Ineichen, FDP-Nationalrat und politischer Tausendsassa, der unerwartet im Juni 2012 gestorben ist. «Er ist mein Mentor», bekennt Pia Stebler. Er war es, der ihr damals, 2006, neuen Mut gegeben – und ihr auch eine neue berufliche Perspektive aufgezeigt hat. «Du schaffst es», hat er damals gesagt. Und kommt heute die Sprache auf ihn, spürt man sofort, wie viel sie ihm zu verdanken hat.

Aufträge aus Energieallianz heraus

Und es sprudelt nur soaus ihr heraus, wenn sie von ihren Mandaten erzählt. Ein grosser Teil davon dreht sich um das Thema Energie. Ihr Spezialgebiet sind Projekte zur Förderung energetischer Gebäudesanierungen. Immer geht es um den möglichst effizienten Verbrauch von knapper Energie, aber auch um die Förderung erneuerbarer Energieträger. Und das im Hinblick auf die Energiewende. «Früher waren AKW für mich ein notwendiges Übel, heute halte ich den Ausstieg aus der Atomenergie bis zum Jahr 2035 für möglich», sagt Stebler, die wie ihr Mentor Ineichen im Freisinn verwurzelt ist.

Viele ihrer Aufträge wachsen dabei aus der Energieallianz heraus, ein überparteilicher Zusammenschluss eidgenössischer Politiker, den Otto Ineichen 2008 zusammen mit der damaligen Ständerätin Simonetta Sommaruga ins Leben gerufen hat. Seither wird die Energieallianz von Pia Stebler als Geschäftsführerin gemanagt. Weit oben auf ihrer Agenda steht derzeit die im Mai zustande gekommene Stromeffizienz-Initiative.

Diese will bis 2035 den Stromverbrauch der Schweiz auf dem Niveau von 2011 stabilisieren. Stebler ist bei diesem – und anderen Projekten – die Frau im Hintergrund, welche die Fäden zu Politik, Wirtschaft und Umweltorganisationen spannt. Zudem recherchiert sie im Auftrag von Parlamentariern Zahlen und Fakten, schreibt Konzepte und Referate.

Vorstösse durchgebracht

Besonders stolz ist sie auf ihren Erfolg als Lobbyistin. So manchen energiepolitischen Vorstoss hat sie in Bundesbern gemeinsam mit ihren Auftraggebern bereits durchgebracht. Zum Beispiel die Teilzweckbindung der CO2-Abgabe zur Förderung energetischer Gebäudesanierungen oder auch die schnellere Äufnung des Fonds zur Stilllegung und Entsorgung von Kernkraftwerken. Um sich in der Wandelhalle die nötige Aufmerksamkeit zu verschaffen, greift sie auch mal zu unorthodoxen Mitteln. «Ich habe es auch schon mit einer Schachtel Mon Chéri versucht, und es hat funktioniert», meint sie schalkhaft.

Ein zweites Standbein neben der Energie ist die Förderung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Schweiz und der Türkei. Drei- bis viermal pro Jahr reist sie in ihrer Mission als Geschäftsführerin und Vorstandsmitglied des Swiss Turkish Business Council in den Staat am Bosporus.

Öffentliche Finanzen spielen in ihren beruflichen Alltag nur noch eine untergeordnete Rolle. Das Interesse daran ist aber ungebrochen. Mit öffentlichen Statements – gerade zum kantonalen Finanzhaushalt – hält sie sich aber zurück. Soviel lässt sich die ehem. Finanzverwalterin immerhin entlocken: «Sollte das Defizit wirklich 150 Mio. Fr. betragen, kann man dieses nicht nur mit Einsparungen beheben.» Steuererhöhungen führen aber zu einer «verhängnisvollen Abwärtsspirale». «Noch mehr Gutverdienende werden den Kanton verlassen und andere nicht in den Kanton ziehen.»

Ein Grundproblem öffentlicher Finanzen ortet sie darin, dass in guten Jahren zu viel Geld ausgegeben wird. Auch im Kanton Solothurn in den Jahren seit 2003. Und: «Statt jetzt runde Tische zu organisieren, hätte man sich in den guten Jahren gemeinsam mit der Wirtschaft darüber Gedanken machen sollen, wie die grossen Kostentreiber Bildung und Soziales in den Griff zu bekommen sind. Zudem fehlt mir eine langfristige Strategie, um aus dem Steuersumpf herauszukommen.»

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