Heute ist die Bahnhofhilfe in Olten der wichtigste Bereich, in dem der Verein Compagna Solothurn-Olten tätig ist. Präsidentin Margret Jucker würdigte denn auch die Tätigkeit der sechs Bahnhofhelferinnen und -helfer, deren Einsätze von der Bahnhofdelegierten Monique Sinniger koordiniert werden. Die Bahnhofhilfe vor Ort ist sehr begehrt, sei es die Umsteigehilfe durch Begleitung von Behinderten von einem Zug zum andern oder die Hilfe beim Transfer von Kinderwagen oder Koffern auf die Perrons. Neben der Bahnhofhilfe ist Compagna mit dem alljährlichen Verkauf der roten Schoggiherzchen in der Öffentlichkeit präsent.

Schutz und Obdach

Ursprünglich war der Vereinszweck aber viel umfassender gewesen. Am Donnerstagnachmittag 27. April 1916 versammelten sich 21 Damen im Solothurner Landsitz «Königshof», um die Sektion Solothurn-Olten des Vereins der Freundinnen junger Mädchen zu gründen. Eingeladen zur konstituierenden Versammlung hatte Auguste Moschard, die Besitzerin des Königshofs, und sie übernahm auch gleich das Präsidium. Zweck des Vereins FjM war, «allen hilflosen, alleinreisenden und stellenlosen Mädchen Schutz und Obdach zu bieten», wie es im Protokoll der Gründungsversammlung formuliert ist. Schon an der zweiten Sitzung des neuen Vereins wurde beschlossen, Plakate drucken und in den Bahnhöfen aushängen zu lassen, auf denen die Dienste des FjM sowie die Adressen von Auskunftspersonen und Wohnmöglichkeiten publiziert wurden.

Die gegenwärtige Präsidentin Margret Jucker ist seit 1999 im Amt, nachdem sie vorher viele Jahre als Beisitzerin und Aktuarin im Vorstand aktiv gewesen war. Ihre Vorgängerin, Rösli Theiler, hatte den Verein FjM während 34 Jahren geleitet. Margret Jucker machte auch die Änderung des Namens Freundinnen junger Mädchen in Compagna mit. Compagna ist das italienische Wort für Freundin und Begleiterin.

Früher ein Sittlichkeitsverein

An den Jubiläumsanlass war die Historikerin Ursina Largiadèr eingeladen, um die Geschichte des Vereins FjM in einen grösseren Zusammenhang zu stellen. Als der Verein gegründet wurde, war im Zug der Industrialisierung und dem Ausbau der Eisenbahn die Mobilität der Arbeitskräfte gross. Junge Frauen vom Land zogen in die Stadt und suchten Arbeitsstellen etwa als Dienstmädchen. Der Verein FjM engagierte sich für die Verbesserungen der Lebensbedingungen von diesen zugezogenen Mädchen und Frauen, verband diese Arbeit aber auch mit moralischen Anliegen. Um die Frauen vor den Gefahren der Grossstadt zu bewahren, boten die FjM Stellenvermittlungen und günstige Wohngelegenheiten in den eigenen Martha-Heimen an. Der Verein Freundinnen junger Mädchen war getragen von bürgerlich-protestantischen Frauen und grenzte sich gegen die sozialistischen oder katholischen Organisationen ab. Das ist heute nicht mehr aktuell. In Olten arbeiten der Verein FjM und Pro Filia bei der Bahnhofhilfe paritätisch zusammen.