Nicht weniger als 600 Männer, Frauen und Kinder standen während der Dreharbeiten für den Spielfilm «Akte Grüninger» in der Region um Diepoldsau, St. Gallen (CH), Dornbirn und Innsbruck (A) vor der Kamera: als Landwirte, Flüchtlinge, Ordnungshüter, Grenzbeamte und Soldaten. Eine Film- oder TV-Karriere verfolgen die wenigsten; «sich einmal als Held fühlen», und sei es nur für einen Tag, «eintauchen in eine fiktive Welt»: Für das Gros waren derartige Erfahrungen Anstoss, sich für eine Komparsenrolle zu bewerben.

Zwanzig Minuten dauert das Casting

Wir schreiben den 11.  Oktober 2012: Casting-Termin im Seminarhotel «Sistar» in St. Gallen. Ein verregneter Herbsttag. «Wenn Sie kurz Ihre Brille ablegen könnten?», bittet mich der österreichische Fotograf, bevor er für eine Frontal- und zwei Profilaufnahmen nach dem Auslöser seiner Spiegelreflexkamera greift. Mittels Datenblatt werden meine Augenfarbe, Körpermasse, linguistischen, musikalischen und athletischen Fähigkeiten (oder Unfähigkeiten) erfasst.

«Besitzen Sie Haustiere?»: nein; «einen Führerschein?»: ja; «würden Sie sich vor der Kamera ausziehen?»: nein (aber nicht, dass Sie jetzt auf den Gedanken kommen, ich hätte etwas zu verbergen). Kaum zwanzig Minuten dauert das Casting-Prozedere; «Sie werden von uns hören», wird mir versichert.

Das Rad der Zeit um 75 Jahre zurückgedreht

Vier Wochen später, 9. November: Um 3.25 Uhr reisst mich der Radiowecker aus den Träumen. Für insgesamt drei Flüchtlingsszenen bin ich heute gebucht, darunter eine in Diepoldsau mit James-Bond-Bösewicht und Prix-Walo-Gewinner Anatole Taubman  (43), welcher unsere Schar als Vorsteher der israelitischen Gemeinde vor dem «Alpenblick» (Gasthaus Knecht) empfängt.

Im Quartier rund um die Schmitter-strasse 8 wurde das Rad der Zeit um 75 Jahre zurückgedreht – und doch lauert überall die Moderne: Steckdosen, ein Postbote und Verkehrslärm vereiteln ebenso viele Aufnahmen wie Versprecher und sich rollende Krawatten. Kopfzerbrechen bereitet Regisseur Alain Gsponer  (37) auch ein moderner Gebäudekomplex, je nach Lichtverhältnissen mal mehr, mal weniger auf einer Fensterscheibe reflektierend.

Offizieller Trailer: «Akte Grüninger»

Zwei Stunden lang Linsen essen

Wie die Filmklappe zum gefühlten dreissigsten Mal zuschmettert, ist auch der vierte Nachschub des mir inzwischen zum Halse heraushängenden Linsenmatsches kalt, welchen ich – in der Rolle des entkräfteten Vertriebenen – geradezu hinunterzuschlingen habe. Als besagte zweite Szene nach zwei Stunden im Kasten ist und Gsponer, ohne eine Miene zu verziehen, ankündigt: «Gut, jetzt drehen wir dasselbe noch in einer anderen Kameraeinstellung», bricht auf dem Set kollektives Gelächter aus.

Übrigens: Zum anschliessenden, wohlverdienten Mittagsbrot gibt es Sauerkraut, Knödel und – wen wunderts: Linsen. Zuerst wird, aus organisatorischen Gründen, der technische Stab zu Tisch gebeten; dann erst folgen Regie, Hauptdarsteller und zuletzt Komparsen.

«In welcher Hand hattest du deinen Koffer gehalten?»

Im vier Kilometer entfernten Widnau SG wird die dritte (im Film: erste) Szene aufgezeichnet: Unter den misstrauischen Blicken der Eingesessenen marschiert unser Flüchtlingstross auf eigens für den Filmdreh bekiesten Strassen ins Bauerndorf ein. «Weisst du noch», prüft Gsponer, «in welcher Hand du in Diepoldsau deinen Koffer hieltest?» Ich komme ins Grübeln – genauso wie auf die Frage, welche Knöpfe an meiner Jacke ich geschlossen trug. Gsponer weiss es, zu meinem Erstaunen.

Reich wird man davon nicht

Kurz vor 18 Uhr neigt sich ein intensiver Drehtag dem Ende zu. Gegen Unterschreiben eines Werkvertrages händigt die Agentur unsere Tagesgagen aus: 50 Euro. Reich wird man davon nicht; die Tätigkeit als Komparse, bringt es jemand auf den Punkt, sei halt nicht Beruf, sondern Berufung. Gefühle wie das Kribbeln, ob, und die Freude, wenn es mit der ersehnten Rolle endlich klappt, lassen sich ohnehin mit keinem Geld der Welt entschädigen.


* Ciril Kammermann (30), aus Bellach, ist Produzent; er arbeitet unter anderem für die «Schweiz am Sonntag».