Der Chef des Steueramts als mehrfacher Verwaltungsrat (VR) in der Berner Casino- und Hotelbranche; der Chef im Amt für Landwirtschaft als Verwaltungsratspräsident der Raiffeisenbank Biberist; der Chef im Amt für Finanzen als Verwaltungsrat der Regiobank Solothurn: Dies ist nur eine Auswahl privater Nebenämter von Chefbeamten.

Die FDP-Kantonsratsfraktion von der Regierung wissen, wie sich grundsätzlich «solche Mandate mit einer 100-Prozent-Anstellung eines Amtschefs vertragen» (wir berichteten). Und mit Blick auf die dreifache VR-Tätigkeit von Marcel Gehrig verwundern sich die Interpellanten, dass beim Steueramtschef «genügend freie Kapazität besteht», um nebenher im 86-Mio.-Konzern Kongress+Kursaal Bern AG eine solche Tätigkeit «auch in Ausnahmesituationen verantwortungsvoll wahrzunehmen».

«Kein akuter Handlungsbedarf»

Was die Interpellanten nicht wussten: Gehrigs Nebenämter sind formell abgesegnet. Gestützt auf die «gefestigte Praxis» des Personalamts. Diese erlaubt – auf Gesuch hin – private Nebenjobs: wenn die daraus resultierende Belastung nicht mehr als 10 Prozent des Berufspensums beträgt. Und dies trifft laut Einschätzung des kantonalen Personalchefs Urs Hammel auch im Fall von Mehrfachverwaltungsrat Gehrig zu. «Wir sehen keinen unmittelbaren Handlungsbedarf», sagt Hammel auf Anfrage dieser Zeitung.

Selbst das VR-Präsidium der Raiffeisenbank Biberist von Felix Schibli (Chef Amt für Landwirtschaft) oder der VR-Sitz bei der Regiobank von Andreas Bühlmann (Chef Amt für Finanzen) seien im Rahmen des erlaubten Zeitfensters zu bewältigen, ist Hammel überzeugt.

Bewilligt würden Nebenjobs, wenn die betriebliche Praxis nicht gestört und keine Interessenkonflikte drohten, erläutert Hammel: «Es kommt auf den Einzelfall an – und es geht nicht für jede Funktion.» So seien Gesuche auch schon abgelehnt worden. Zum Beispiel ein VR-Sitz bei einer Bank – oder ein Nebenjob in einem Barbetrieb ...

Schon vor dem «Fall Gehrig» ist laut Hammel beschlossen worden, dass 2015 eine neue Bestandesaufnahme aller Nebenjobs erstellt werden solle. (ums.)