Asylwesen
Einen Job im Pflegebereich statt Ausschaffung: Äthiopische Familie bleibt in Solothurn

Vor zwei Jahren wäre die Äthiopierin Emebet Gebeyehu mit Mann und Tochter fast ausgeschafft worden. Heute arbeitet sie in der Pflege. Eine Geschichte mit Hochs und Tiefs.

Lucien Fluri
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Emebet Gebeyehu mit Heimleiter Sepp Haldi und Teamleiterin Antonia Jäggi.

Emebet Gebeyehu mit Heimleiter Sepp Haldi und Teamleiterin Antonia Jäggi.

zvg

Sie ist noch nicht am Ziel. Aber Emebet Gebeyehu (39) ist schon viel weiter, als sie vor zwei Jahren noch geträumt hätte. Damals wäre sie beinahe ausgeschafft worden. Jetzt hat sie eine Stelle in der Schweiz und kann ihre Familie teilweise selbst ernähren.

Rückblick: Im April 2015 sitzt die Äthiopierin mit ihrem Mann und der kleinen Tochter in der Asylunterkunft im Bahnhofsgebäude Deitingen und erzählt ihre Geschichte. Das Schicksal der Familie ist zu diesem Zeitpunkt ungewiss. In Äthiopien waren sie in Konflikt mit der repressiven Regierung gekommen. Ihr Mann war nach den Unruhen 2005 mehrmals verhaftet worden. Sagen sie.

Der Schweizer Staat aber nimmt ihnen die drohende Gefahr nicht ab und will sie nach zwei abgelehnten Asylgesuchen ausschaffen. In Deitingen formiert sich Protest: Der Deitinger Gemeindepräsident, der Pfarrer und zahlreiche andere Personen setzen sich für die Familie ein, die sich doch in der Kirche, im Dorf und im Fussballverein integriert hat. Sogar die zuständige Bundesrätin erhält Briefe. Vergeblich.

Erst im März 2016 steht dann fest, dass die 2009 eingereiste Familie vorläufig aufgenommen wird. Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet das entgegen der Meinung der Behörden. Grund dafür sind die exilpolitischen Aktivitäten und regimekritischen Äusserungen des Ehemannes in seiner Zeit in der Schweiz. Bei einer Rückkehr wäre er nach seiner offenen Kritik, die auch in den USA Widerhall fand, erst recht auf dem Radar der äthiopischen Behörden, so das Gericht.

Das Projekt Sesam

Ein Jahr nach dem Gerichtsentscheid über ihre Nicht-Ausschaffung und sieben Jahre nach der Einreise hat Emebet Gebeyehu einen Job und ihr Deutsch verbessert sich.

Möglich geworden ist das auch dank dem Projekt Sesam, das Flüchtlingen Grundkenntnisse in der Pflege vermittelt und mit dem Zertifikat Pflegehelfer SRK endet. Das Pilotprojekt, organisiert vom Roten Kreuz, wird in verschiedenen Kantonen angeboten und vom Staatssekretariat für Migration finanziell unterstützt. Rund ein Jahr dauert der Lehrgang. Kernbestandteil sind sechs Monate Praktikum in einem Heim und ein Intensiv-Deutschkurs.

Sieben Teilnehmer haben das Programm im Kanton bisher begonnen, drei haben abgeschlossen, zwei haben eine Stelle. Allerdings zeigen sich hier auch die Schwierigkeiten der Integration: Gebeyehu durfte nicht arbeiten, bis klar war, dass sie bleiben darf. Und: Bisher schlossen drei Personen das Pilotprojekt ab. Das ist nur ein Bruchteil aller Asylsuchenden im Kanton, die integriert werden sollen. (lfh)

Als Emebet Gebeyehu den Gerichtsbescheid erhält, hat sie schon eine Schulung begonnen. Sie macht im Rahmen des Projektes Sesam des Roten Kreuzes einen Lehrgang zur Pflegehelferin. Dass sie beim Pilotprojekt mitmachen kann, verdankt sie ihrem Engagement und der finanziellen Unterstützung durch die Caritas, die Kirche und das SRK. «Wir haben ihr eine Chance gegeben, ohne zu wissen, ob die Familie letztlich doch ausgeschafft würde», erzählt Katharina Simonet, Bildungsverantwortliche beim Roten Kreuz Kanton Solothurn. Beeindruckt hat Simonet, dass sich die gelernte Krankenschwester Gebeyehu von sich aus gemeldet und für den Lehrgang beworben hat.

Heute hat Gebeyehu den Lehrgang nicht nur abgeschlossen. Sie arbeitet zu 40 Prozent als Pflegehilfe im Pflegezentrum Magnolienpark in Solothurn. Hier hat sie auch schon während ihres Kurses sechs Monate Praktikum absolviert. «Uns ist aufgefallen, dass sie gut mit desorientierten Menschen umgehen kann», sagt Heimleiter Sepp Haldi. «Sie hat eine grosse Fähigkeit, die Leute zu spüren.» Als eine Stelle frei wurde, hat er Gebeyehu eingestellt. «Sie hat die genau gleichen Grundlagen wie Schweizer, die den Grundpflegekurs absolviert haben», so Haldi.

«Ich bin dankbar»

«Ich verstehe inzwischen Mundart», sagt Gebeyehu. «Am Anfang aber war es schwer.» Deutsch spielt eine wichtige Rolle im Sesam-Pflegehelfer-Lehrgang, der speziell für Asylsuchende entwickelt worden war. Denn ohne Mundart geht es im Altersheim nicht. «Die alten Menschen müssen in ihrem Dialekt sprechen und verstanden werden», sagt Heimleiter Haldi. Emebet Gebeyehu war die erste Asylsuchende, die im Magnolienpark arbeitete. Die ersten zwei Monate wurde sie in der Pflegewohngruppe eingesetzt, wo alte, desorientierte Menschen leben. Deutsch war da kaum ein Problem. «Die Kommunikation läuft auf einem ganz anderen Level», sagt Heimleiter Haldi.

Inzwischen leben Gebeyehu und ihr Mann nicht mehr mit elf Personen im selben Gebäude. Sie haben jetzt eine eigene Wohnung. Ihr Mann ist gerade daran, die Taxiprüfung zu absolvieren, und ihre vierjährige Tochter geht in die Spielgruppe. «Ich bin dankbar. Viele Leute haben uns unterstützt», sagt Gebeyehu, die sich in der Kirche und im Chor der Nationen engagiert.
An ihrem Ziel ist die gelernte Krankenschwester aber noch nicht angekommen. Sie möchte dereinst vielleicht per Nachholbildung eine Lehre im Pflegebereich beenden.