Ab Mitte 2018 müssen Arbeitgeber bestimmter Berufsgruppen offene Stellen den regionalen Arbeitsvermittlungszentren melden. Ziel ist eine Bevorzugung von Inländern bei der Arbeitssuche gegenüber ausländischen Fachkräften. Mit dem «Inländervorrang light» wird die im Februar 2014 angenommene Masseneinwanderungsinitiative umgesetzt, ohne dabei das Abkommen zur Personenfreizügigkeit mit der EU zu gefährden. Kurt Fluri sei Dank!

Ob die Massnahme den Inländern die Stellensuche auch wirklich erleichtert oder ob sie den Kantonen und der Wirtschaft nur zusätzlich Arbeit und Kosten aufbürdet, ist noch nicht klar. Vielleicht lässt sich über die Wirksamkeit in drei Jahren mehr sagen. Dann stimmt das Stimmvolk voraussichtlich über eine kürzlich lancierte Initiative ab, die unmissverständlich die Kündigung der Personenfreizügigkeit mit der EU fordert und noch sechs weitere Abkommen der Bilateralen I gefährdet.

Das ist dumm. Denn statt uns mit der Frage zu beschäftigen, wie die Einwanderung begrenzt werden kann, sollten wir uns besser damit auseinandersetzen, wie wir in der Schweiz in Zukunft überhaupt noch genügend Menschen finden, um die Nachfrage nach Arbeitskräften bei Unternehmen, Spitälern, Alters- und Pflegeheimen, Polizei und weiteren Arbeitgebern befriedigen zu können.

Denn schon bald müssen wir uns auf eine Welt mit weniger Menschen einstellen. Nicht wegen Pandemien, Antibiotika-Resistenzen oder Kriegen. Solche Katastrophen würden die Entwicklung beschleunigen. Momentan wächst die Weltbevölkerung zwar noch. Dank steigendem Wohlstand und der Tatsache, dass die Menschen weltweit immer gesünder und älter werden. Vor 1800 erreichten nur elitäre Gruppen ein Alter von mehr als 40 Jahren. In Europa lag das Durchschnittsalter um 1820 bei etwa 36 Jahren. Inzwischen hat sich die weltweite Lebenserwartung von Menschen mit 71,4 Jahren fast verdoppelt.

Lange wird das Wachstum der Weltbevölkerung aber nicht mehr anhalten. Laut neuester Statistik des «CIA World Factbook» weisen bereits 99 Länder eine Fertilitätsrate von unter 2,1 auf. Dieser Wert ist notwendig, um das Niveau halten zu können. Die Schweiz liegt aktuell bei 1,55. Weltweit hat sich die durchschnittliche Fruchtbarkeitsziffer in den letzten 50 Jahren von 5 auf derzeit 2,41 halbiert. In vielleicht 10 Jahren wird sich die Menschheit nicht mehr selbst reproduzieren können. So gesehen kommen Automatisierung, Digitalisierung und Roboterisierung verbunden mit der künstlichen Intelligenz gerade recht. Langfristig sind diese Entwicklungen für die Menschen wohl eher ein Segen als ein Fluch.

Kurz- und mittelfristig muss es der Schweiz gelingen, das Inländerpotenzial so gut wie möglich auszuschöpfen. Alleine im Kanton Solothurn nimmt die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter bis 2030 um fast 29 000 Personen ab. Trotz im internationalen Vergleich rekordhoher Beschäftigungsquote von rund 80 Prozent müssen wir versuchen, weitere Menschen für den Arbeitsmarkt zu qualifizieren. Durch Aus-, Weiter- und Nachholbildung, Umschulung, längeres Arbeiten, Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie berufliche Integration von Flüchtlingen und Menschen mit Beeinträchtigung.

Das alleine aber wird nicht reichen. Wenn wir unseren Wohlstand halten wollen, müssen wir unseren hoch spezialisierten Firmen und der öffentlichen Hand den Zugang zu Fachkräften aus der ganzen Welt gewährleisten. Am einfachsten aus der uns geografisch und kulturell nahestehenden Europäischen Union. Aber auch aus Drittstaaten. Mit einer attraktiven Einwanderungs- statt einer schädlichen Abschottungspolitik.

Daniel Probst ist Direktor der Solothurner Handelskammer, er lebt in Olten.