Psychische Belastungen
Eine Webseite soll Jungen helfen, über ihre Probleme zu reden

Die Website «Wie geit’s?» richtet sich an junge Erwachsene. Dort sollen sie über ihre Gemütslage, über psychische Probleme und Ängste sprechen können.

Sabine Gfeller
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Beschisse? Guet? Jojo? Egal um welche Gefühlslage es geht – auf der Website «Wie geit’s?» können Jugendliche darüber sprechen und ein Team von jungen Erwachsenen geht darauf ein. (Symbolbild)

Beschisse? Guet? Jojo? Egal um welche Gefühlslage es geht – auf der Website «Wie geit’s?» können Jugendliche darüber sprechen und ein Team von jungen Erwachsenen geht darauf ein. (Symbolbild)

Hanspeter Baertschi

«Wie geit’s?» – eine Alltagsfrage, die man jedermann stellt. Eine negative Antwort will meist gar nicht gehört werden. Oder aber es geht von Ignoranz auf Stufe Rot und gilt als Alarmsignal. Wie geht man damit um, wenn man merkt, dass es einem Freund nicht gut geht? Oder dass es einem selbst nicht gut geht? Die Website «Wie geit’s?» soll Jugendlichen die Hemmungen nehmen, darüber zu sprechen.

Junges Team als Erst-Kontakt

Über der Preisgabe des wirklichen Gefühlszustandes hängt oft ein Tabu. Aus diesem Grund hat ein Team von jungen Leuten eine Website erstellt, auf der sich junge Leute melden können. «Die Eingangsfrage auf der Homepage ‹wie geit’s?› hat eine gute Zielrichtung», so Projektleiter Kofmehl. Der Seitenbesucher wird begrüsst von grossen Augen, die die Richtung der Maus verfolgen. Die Pupillen drehen und verdrehen sich bei Mausbewegungen. Weshalb dieser Empfang? «Bei einer Nachfrage, wie es dem anderen geht, nimmt man automatisch Augenkontakt auf. Oftmals kommunizieren die Augen etwas anderes als die gesprochenen Wörter. Daher kommt die Idee mit den kullernden Augen.»

Kofmehl erachtet es zu diesem ernsten Thema als eine originelle Idee des jungen Organisationsteams. Der Auftritt soll die Jugendlichen erreichen. Sie können dort ihre Gemütslage mitteilen und eine Nachricht schreiben. Die Antwort kommt postwendend. Das Team kontrolliert den Maileingang täglich. Meistens entsteht ein angeregter schriftlicher Dialog. Das Team dient als Erst-Kontakt. Falls die Betroffenen eine längere Konversation wünschen, geht das Team darauf ein, auch per Telefon. (SOG)

Vor gut einem Jahr lancierte Hans Kurt, Psychiater von der Gruppenpraxis Weststadt und Präsident des Vereins Psychische Gesundheit im Kanton Solothurn (PsyGeSo), ein Projekt, das sich psychischen Belastungen junger Leute zwischen 16 und 25 Jahren widmet. Kinder- und Jugendpsychiater waren in den vergangenen Jahren vermehrt erforderlich und stärker ausgelastet. «Es ist wichtig, dass man die Probleme der Jugendlichen ernst nimmt und etwas dagegen tut», sagt Kurt. Er fragte Pipo Kofmehl, Gründer und Geschäftsführer der Kulturfabrik Solothurn, für die Projektleitung an. Gemeinsam mit einer Arbeitsgruppe des PsyGeSo und Mitarbeitern der Kulturfabrik hat Kofmehl das Sensibilisierungs-Projekt «Wie geit’s» auf die Beine gestellt. PsyGeSo ermöglicht die Finanzierung des Projekts und hilft mit allfällig notwendigem Fachwissen.

Schutz der Privatsphäre

Die Idee ist, dass der Austausch der Betroffenen mit Gleichaltrigen und auf altersgerechte Art und Weise erfolgt. «Wir haben gute Erfahrungen gemacht, wenn junge Erwachsene mit jungen Erwachsenen sprechen», erklärt Pipo Kofmehl. Es wurde eine Website erstellt, auf der sich Jugendliche melden können. Dort haben sie die Möglichkeit über ihre momentane Gemütslage, psychische Probleme und Ängste zu sprechen. Der Austausch erfolgt anonym und auf schriftlichem Weg.

Der elektronische Postweg sei die Grundidee. Dadurch werde eine gewisse Distanz gewahrt, so Kofmehl. Betroffene können zudem sichergehen, dass ihre Mitteilungen anonym bleiben. Das Helferteam betrachtet die Nöte und Sorgen von aussen, wodurch es kompetenter Stellung nehmen und Ratschläge geben kann, ist Pipo Kofmehl überzeugt.

Je nach Thema ist eine männliche oder weibliche Ansprechperson von Vorteil. Daher sind im Team beide Geschlechter vertreten; durch Philipp Bruderer (23) und eine weibliche Teamkollegin. Bruderer war bei der Ideensammlung und Projektgestaltung als Zivildienstleistender in der Kulturfabrik Kofmehl tätig. Aus persönlicher Überzeugung blieb er nach Beendigung des Zivildienstes dem Projekt weiterhin treu. Zudem empfahl er eine geeignete junge Frau aus seinem Freundeskreis, die mit ihm zusammen den jungen Hilfesuchenden eine erste Unterstützung bietet. Die beiden erhalten eine kleine Entlöhnung. «Vor allem aber wollen wir anderen jungen Leuten helfen», betont Bruderer.

Das Projekt steckt noch in der Anfangsphase. «Von vielen Seiten erhalten wir aber gute Rückmeldungen. Es werden Tabus gebrochen und Barrieren abgebaut. Zudem löst es bei den Gesprächsuchenden die Problematik ihrer Konflikte», sagt Philipp Bruderer. «Dies ist schön zu sehen. Wir treten durch die Kampagne präventiv auf und hoffen, die Jungen zum Reden zu ermutigen.» Die jungen Menschen können sich dabei zu allen möglichen Problemen und Sorgen aussprechen, die sie belasten. Sei dies ein harmloser Streit mit den Eltern oder einfach ein schlechter Tag.

Experten leisten Hilfe

Aber auch Gefühlslagen wie Antriebslosigkeit, Angstzustände und soziale Abschottung betreffen junge Erwachsene. Der Sinn des Projektes bestehe darin, so Bruderer, dass der Austausch unter den jungen Menschen selber stattfindet. «Manchmal merken wir, dass die junge Person froh wäre um eine fachliche Beratung. Dann geben wir ihr die entsprechenden Kontaktdaten an», fügt Pipo Kofmehl bei. Durch diese Vermittlung sei die Hemmschwelle eventuell etwas tiefer, sich dort zu melden. Es handle sich um einen Versuch. «Mit neuen Kanälen wollen wir probieren, Jugendliche zu erreichen.» Dabei gehe es nicht darum, eine möglichst hohe Anzahl von Jungen anzusprechen. Wichtig sei vielmehr, helfen zu können. «Jeder Erfolg ist ein Schritt in die richtige Richtung.»

Kantonale Vision

«Ich bin gespannt, wie sich die Plattform entwickelt und beim Zielpublikum ankommt», sagt Bruderer. Pipo Kofmehl sowie Hans Kurt wollen das Projekt nicht auf die Stadt Solothurn konzentrieren, sondern auf den ganzen Kanton erweitern. Ursprünglich war Olten auch mit dabei. Aufgrund von fehlenden Ressourcen mussten sie sich dann jedoch zurückziehen. In einem nächsten Schritt wäre es erstrebenswert, diese ins Projekt zu integrieren, sagt Kurt.