Lebensmittelabfälle
Eine Tasche voll Essen kostet für Bedürftige 1 Franken

Bevor unverkauftes und überschüssiges Essen der Grossverteiler im Mülleimer landet, verteilt der Verein Tischlein dieses an Arme. Für einen symbolischen Beitrag von 1 Franken können sie eine Tasche voll Essen mit nach Hause nehmen.

Michael Hugentobler
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Der Unterschied liegt im Detail. Es dauert eine Weile, bis man merkt, was an den Menschen hier anders ist. Eine lose Sohle am Schuh, ein Brandloch in der Jacke, ein fehlender Tragriemen an der Handtasche. Die Gemeinsamkeit: Alle haben grosse Einkaufstaschen dabei. «Möchten Sie gern noch eine Packung Eier?», sagt René Arlati. Als Antwort kommt ein Nicken und dann ein Danke und die Eier verschwinden in der Tasche. Neben einer Tafel Schokolade, einem Salat, vier Orangen, einer Gurke und einer plastikverschweissten Packung Toastbrot. Der nächste ist daran. «Mögen Sie Joghurt?»

Jeden Mittwochnachmittag stellt René Arlati diese Fragen im Pfarrheim St. Martin an der Ringstrasse 34 in Olten. Arlati, 66, pensioniert, ist freiwilliger Helfer von Tischlein deck dich. Der Verein gibt das unverkaufte Essen von Grossverteilern wie Migros oder Coop an Arme weiter. 45 Tonnen pro Woche.

Es sind Esswaren, deren Verbrauchsdatum zwar noch einwandfrei ist, das Verkaufsdatum ist aber abgelaufen und der Konsument will dafür kein Geld mehr ausgeben. «Knapp eine Million Menschen leben in der Schweiz unter der Armutsgrenze», sagt Caroline Schneider, Sprecherin von Tischlein deck dich. Im Moment erreicht der Verein 12'500 Menschen. «Wir haben wahnsinniges Vergrösserungspotenzial.»

1 Franken kann Luxus sein

Das Überraschende an René Arlatis Arbeit ist nicht der grosse Tisch voller Essen in diesem Raum und nicht die lange Schlange von Bedürftigen vor dem Haus. Es ist die alte Suppendose, die am Ende des Tisches steht. Sie hat einen roten Plastikdeckel, wo jemand einen Schlitz hineingeschnitten hat. Die Dose ist mit einer metallisch glänzenden Folie beklebt, in der regenbogenfarbene Quadrate auf einem silbernen Hintergrund glitzern. Mit Klebebuchstaben steht «1 Fr.» darauf geschrieben. Wer an der Ringstrasse 34 durch die Tür kommt, streckt Arlati ein Einfrankenstück hin oder lässt ihm Zehn- und Fünfräppler in die Handfläche regnen. Von Arlatis Hand scheppert das Geld in die Dose. 1 Franken ist der Preis für eine Tasche voll Essen.

«Das hat eine symbolische Bedeutung», sagt Arlati. Niemand gibt gerne zu, dass er für Essen auf Geschenke angewiesen ist. «Auf diese Weise bezahlt jeder etwas.» Allerdings gibt es auch jene, bei denen die Dose nicht scheppert, da sie sich den Franken nicht leisten können. Zum Beispiel die junge Frau, die aussieht, als wäre sie gerne irgendwo auf der Welt - nur nicht hier in diesem Raum. Sie verspricht, den Franken nächste Woche zu zahlen.

«Natürlich kommt hier jeder Charaktertyp rein», sagt Arlati. Der Schüchterne, der kaum zu atmen wagt ebenso wie der Nörgler, dem das Angebot nicht gross genug ist. «Aber die meisten sind einfach nur dankbar, dass sie von uns etwas bekommen.»

50 Menschen werden satt

René Arlatis Tisch an der Ringstrasse 34 ist innerhalb einer Stunde leer und rund 50 Menschen haben einen vollen Kühlschrank. Warum tut er das, was er hier tut? «Für Gutes in der Welt», sagt er, während er Salatblätter vom Boden aufwischt. «Es sind viele junge Leute dabei», sagt er. Arlati stapelt Stühle aufeinander, in diesem Raum im Pfarrheim St. Martin, wo an anderen Tagen Religionsunterricht stattfindet. An der Wand hängt ein Lebensbaum, wo Kinder auf Post-it-Zettel ihre Wünsche geschrieben haben. «Ich möchte einen Hund», steht da, «Ein neues Fahrrad wäre toll» oder «Ich wünsche mir ein Pferd». Arlati stapelt leere Gemüsekisten aufeinander. «Man muss doch etwas für den Ausgleich tun, oder nicht?», sagt er.

Die Abgabestellen von Tischlein deck dich im Kanton Solothurn: Jeden Mittwoch in Olten und Dienstag in der Stadt Solothurn.