Es ist dieser gelbgrüne Latten-Lindwurm, der sich die Hauswand hoch, scheinbar durchs Fenster, dann durch den oberen Stock, auf der anderen Seite wieder nach unten schlängelt, der den Faden spinnt durch diese wundersame Ausstellung. Dazu liefert das schmale, viele Meter lange von Marianne Büttiker bestickte Textband mit der eigenwilligen Lyrik eines Endlosgedichtes eine poetische Vertiefung, manchmal etwas kryptisch, dann wieder sinnlich, wundersam allemal. Wundersam – zum Wundern und Besinnen – ist diese Ausstellung zu erfahren, denn die beiden Kunstschaffenden Sammy Deichmann aus Aedermannsdorf und Marianne Büttiker, aus Olten gebürtig und in Aarau lebend, zeigen nicht einfach ihre Werke.

Hier sind sich zwei Kunstschaffende begegnet, die sich vorher nicht kannten und sich doch mit ihren Themen und Ideen berühren und verbinden. So erzählt diese Ausstellung denn eine sich gegenseitig bereichernde Geschichte von der Energie des Lebens, der Natur, von Linien und Strukturen, von den Zeichen in der Natur und den inneren Verbindungen, vom Licht und von Wasser, vor allem von der Kunst, diese Gedankenwelten in die jeweilige Kunstsprache zu transformieren.

Dazu ist die Ausstellung in verschiedene Themenräume gegliedert, gemeinsam ist dieser Werkschau die Linie als eines der verbindenden Elemente, als Zeichen des Wachsenden und Wandelnden, des Holzes, des Zeichnerischen, der Bilder und Formen.

Der «Kraftraum» ist auch ein Raum der Energie, des wandelbaren Holzes, wenn Sammy Deichmann mit dem radikalen Trocknen des noch feuchten Holzes seine meist archetypischen Formen aufbrechen, die Gestaltungen verschieben, verbiegen und drehen lässt: Die Kerben und Risse in den wuchtigen Eichenobjekten wirken aus einer inneren Energiequelle heraus, die Verformung der mehrschichtigen tektonischen Gebilde haben etwas Freiheitliches an sich.

Pläne und Quellen

Marianne Büttiker hingegen geht mit fein gestickten Linien den Kraftlinien der Engadiner Landschaft nach, zeichnet mit Nadel und Faden sinnbildartige, filigrane landschaftliche Pläne und Quellen. Das Thema Wasser, die Wellen, das Licht und das Leben, das aus dem Wasser kommt, spiegeln sich bei ihr in malerisch schwebenden Farbmodulationen.

Während Sammy Deichmann seinen archaischen Booten aus Eiche mit dem aufwendig, rippenartig gestalteten Gefüge, den feuer-geschwärzten Nuancen eine urzeitliche Betonung verschafft: Das Boot als Überfahrt von einer Geschichte in die andere, und die horizontal gesägte Wellenbewegung, die im Wandobjekt das Fliessende im Starren aufbricht.

Das «Licht» als allegorische Installation des Flüchtig-Transparenten im steten Wandel offenbart sich in zarten Papiermaché-Gefässen von Marianne Büttiker und in der märchenhaft stimmenden Rauminstallation in der Kapelle. «Memory», die Erinnerungen lassen sich in den grossen Eichenkugeln erahnen, die Lebensringen gleich mancherlei Lebensgeschichten in sich bergen. Bei Marianne Büttiker sind die Erinnerungen schwebend, sich auflösend, mehr schemenhaft sich lösend. In der «Vernetzung» dann lassen sich die inneren landschaftlichen Verknüpfungen, das Zusammenwirken dieser Geschehnisse als feingliedrige Stickerei lesen.

Und Sammy Deichmann zeigt uns, wie die rückseitig gesägten Raster die vorderseitigen Linienbewegungen harmonisch zu einem stabilen Netzwerk steigern. Und dazwischen wirkt der Lindwurm aus grüngelben Latten, entführen die Endlosverse als sinnlicher Moment in zwei unterschiedliche, sich doch annähernden Bildsprachen.

Mit der Kettensäge

Sammy Deichmann, 1957 in Düsseldorf geboren, gestaltet seine oft reliktartigen Arbeiten ausschliesslich mit der Kettensäge, meistens in Eiche und mit viel Feingefühl für das Material Holz. Er verbindet das formal Einfache mit dem Komplexen der künstlerischen Gestaltung und der spezifischen Eigenart des Holzes. Ein wichtiges Element ist das frische Holz, die beim Trocknen entstehenden Risse sind Teil des künstlerischen Wechselspiels von Natur und Künstler.

Sich Marianne Büttikers Bildern anzunähern heisst, das eher intuitive Konzept einer inneren Wahrnehmung auf sinnlicher Ebene zu erfahren: die Strukturen, Linien, Zeichen und Vernetzungen, das Werden, Wachsen und Wandeln des Lebens, der Natur, die feinen Linien, die in fein nuancierten Schichten gewachsenen Farbräume und -formen als sensitive Erkundung der Welt zu verstehen.

Bis 24. 9., geöffnet: Sa + So 14–18 Uhr, Mi + Do 16–19 Uhr. Führung mit Lesung, Texte von Marianne Büttiker, Sonntag, 17.9., 11 Uhr.