Solothurn

Eine Seifenoper im Waschsalon: TOBS begeistert mit Musiktheater

Angelina Cenerentola (Inès Berlet), Clorinda (Jeanne Dumat) und Tisbe (Juliette de Banes Gardonne) singen sich im Waschsalon an.

Angelina Cenerentola (Inès Berlet), Clorinda (Jeanne Dumat) und Tisbe (Juliette de Banes Gardonne) singen sich im Waschsalon an.

Die Sparte Musiktheater des TOBS feiert mit Rossinis «La Cenerentola» in Solothurn Premiere und begeistert.

Grüne Wände, zwei Waschmaschinen, ein Kleiderständer – dies das Wirkungsfeld von Angelina, die sich im Waschsalon ihres Stiefvaters Don Ramiro abrackert, während die Halbschwestern als pubertierende Gören weder mithelfen noch sich sonst nützlich machen. Eine an sich tolle Idee, die sich am Aschenputtel Stoff orientierende Thematik von Hochmut, Eitelkeit, Demut und Liebe umzusetzen.

Pointenreich erzählt

Ein «Dramma giocoso», also ein «lustiges Drama», wie der Untertitel die ‹Cenerentola» bezeichnet, ja lustig und komisch sein darf. Zumal Rossinis Librettist Jacopo Ferretti nach dem Märchen «Cendrillon» von Charles Perrault durchaus Klischeecharakteren nach Comedy-Zuschnitt auf die Bühne bringt. Ergo soll das Werk amüsant in Szene gesetzt werden. Besonders, wenn der Dirigent aus dem musikalischen Juwel funkensprühende Finessen herausarbeitet. Was Maestro Franco Trinca bravourös gelingt.

Die Inszenierung des Trios Andrea Bernard, Regie, Alberto Beltrame, Bühne, Elena Beccoaro, Kostüme, ist repertoiretauglich, erzählt die in den 1950er Jahren angesiedelte Handlung pointenreich. Vor allem aber reiht sie Slapstick- und Klamauk-Ideen aneinander, avanciert zur überzeichneten Seifenoper im Waschsalon. Dort wo sich die Trommeln drehen, tummeln sich Doppelgängerinnen, Transvestiten, erotisierte Homosexuelle. Stolze Männer in Unterhosen versuchen, ihre Würde zu bewahren. An sich ist nichts dagegen einzuwenden. Ausser, dass von allem eine krasse Überdosis serviert wird.

Drei koloratursichere Damen

Begeisternd indessen der «Hauptwaschgang» mit Rossinis Koloratur-Girlanden, atemlosen Crescendi und berauschendem Belcanto. Drei koloratursichere Damen beherrschen die Szene. Allen voran Inès Berlet, die in der Titelpartie brilliert. Sie singt Rossinis Verzierungen und Koloraturen virtuos und mit einer Leichtigkeit, die verblüfft. Ihr schöntimbrierter Mezzo strahlt in der Höhe, besitzt dunkle Alttiefe und dynamische Flexibilität. Im weissen Jupe, gepunkteter Bluse und Brillenmode der Nachkriegszeit, erfüllt sie sowohl das Melancholische wie das Schalkhafte der Figur, mausert sich im Finale von der Wäscherin zur glamourösen Märchenprinzessin.

Juliette de Banes Gardonne als Tisbe und besonders Jeanne Dumat als Clorinda sind nach Herzenslust böse, machen ihrer Schwester das Leben schwer. Mit sehr guten Stimmen, virtuosem Singen, Parlieren und Gestalten, geben die Beiden ein Zukunftsversprechen ab. Michele Govi als eingebildeter Don Magnifico begeisterte routiniert und souverän in einer seiner Paraderollen, machte selbst in Unterwäsche «bella Figura». Don Ramiro alias Gustavo Quaresma besitzt mit seinem Spinto durchaus Qualitäten eines Tenore di Grazia, auch wenn er nicht immer mit elegantem Phrasieren überzeugte. Wolfgang Resch dominierte als dandyhafter und Libido gesteuerter Dandini das Geschehen, eifrig unterstützt vom agilen und schönstimmigen Lisandro Abadie als Alidoro.

Faszinierende Klangfarben

Stimmlich in Top-Form, musste der von Valentin Vassilev einstudierte Herrenchor nur als Akteure die Hosen runterlassen. Unter der Leitung von Franco Trinca zauberte das Theater Orchester Biel Solothurn faszinierende Klangfarben, rasante Tempi, mitreissende Accelerandi und Crescendi aus dem Orchestergraben. Ein witziger, musikalisch hochstehender Rossini-Spass.

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