Lehrer zur Berufswahl

«Eine Schülerin bringe ich kaum dazu, industriellen Beruf zu erlernen»

Der 60-jährige Markus Bleuer ist ein erfahrener Oberstufenlehrer in Zuchwil. Zurzeit unterrichtet er eine 9. Sek Basisstufe.

Der 60-jährige Markus Bleuer ist ein erfahrener Oberstufenlehrer in Zuchwil. Zurzeit unterrichtet er eine 9. Sek Basisstufe.

An der Berufsmesse IBLive 2015 präsentieren sieben Firmen Industrieberufe. Oberstufenlehrer Markus Bleuer weiss, dass nach wie vor eine klare Trennung zwischen Knaben und Mädchen besteht.

Ist die Aktion IB-Live ein geeignetes Instrument, um die Industrieberufe den Schülern näherzubringen?

Markus Bleuer: Absolut. Der direkte Kontakt zwischen den Schülern und den Lernenden in der Industrie erzielt eine viel bessere Wirkung, als wenn der Lehrer die Berufe theorielastig vorstellt.

Viele Unternehmen beklagen, dass sich zu wenige Jugendliche für Industrieberufe interessieren. Können Sie das bestätigen?

Das ist so. Ich stelle im Berufskundeunterricht fest, dass handwerkliche Berufe im Gewerbe oder in der Industrie wenig Ansehen geniessen. Dies ganz im Gegensatz zu einer Lehre im Büro. Hinzu kommt eine klare Trennung zwischen Knaben und Mädchen. Eine Schülerin bringe ich kaum dazu, einen industriellen Beruf zu erlernen. Die seit langer Zeit geltenden Normen und Verhaltensmuster sind immer noch da. Und ein Wandel braucht seine Zeit.

Warum dieses Desinteresse?

Bei der Berufswahl spielen das soziale Prestige und das Image eines Berufes eine wichtige Rolle. Trotz aller Aufklärungsarbeit geniessen handwerkliche Berufe, wie gesagt, vielfach wenig Ansehen. Es fehle die Karrieremöglichkeit und es gebe schmutzige Hände. Dabei entsprechen diese Vorurteile überhaupt nicht mehr der Realität.

Was können Schule und Industrie unternehmen, damit mehr Schüler einen Industrieberuf erlernen?

Nebst Berufsmessen wie IB Live wären mehr Schnupperlehren ein geeignetes Instrument. Sie geben einen tieferen und realistischeren Einblick in ein Berufsfeld. Allerdings müssten diese nicht bloss einen Tag, sondern eine Woche dauern. Das ist sowohl für die Schule wie für die Ausbildungsfirmen mit sehr viel Aufwand und Goodwill verbunden. Deshalb braucht es hier ein enges Zusammenspiel zwischen Schule und Industrie.

Wird dem Thema Berufswahl in der Schule das nötige Gewicht gegeben?

Meine Erfahrungen in der Oberstufe zeigen, dass das Thema als sehr wichtig erachtet wird. Bereits in der 7. Klasse werden Kompetenzen – wo liegen die Fähigkeiten des Einzelnen? – und erste Bestimmungen der Berufsfelder erarbeitet. Ab der 8. Klasse folgen Schnupperlehren, Praktika und Betriebsbesichtigungen. Hier gilt es, die Eltern noch vermehrt einzubeziehen. Das ist allerdings sehr schwierig, weil die Eltern vielfach aus anderen Kulturkreisen stammen und – im Gegensatz zu den Kindern – Probleme mit der deutschen Sprache haben.

Ausbildungsfirmen beklagen, dass Schüler das nötige Rüstzeug für eine Berufslehre kaum mehr mitbringen. Ist das eine Mär oder stimmt das?

Teilweise fehlt tatsächlich das nötige Schulwissen. Die Jugendlichen lernen zwar, einfach etwas anderes als verlangt. Sie bewegen sich etwa virtuos in der digitalen Welt. Andererseits sind die Ansprüche an die Lernenden in vielen Berufsfeldern massiv gestiegen. Da wird teilweise sicherlich übertrieben. Hinzu kommt bei den Jugendlichen oft eine geringe Sozial- und Selbstkompetenz. Stichworte sind Zuverlässigkeit, Sauberkeit, Anstand, Teamfähigkeit oder Motivation. Wir arbeiten in der Schule daran.

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