Blutegeltherapie
Eine Praxis mit Biss: Solothurner Naturheilpraktikerin verhilft alter Heilmethode zur Renaissance

Caroline Schreier aus Etziken bietet in Grenchen Blutegelbehandlungen an. Die kleinen Blutsauger setzt sie etwa bei Arthrose in kleineren Gelenken oder bei Bluthochdruck ein. Ab er die Behandlungen haben es in sich, am Tag danach ist man nicht arbeitsfähig.

Daniela Deck
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Die Egel können bis das Fünffache ihres Körpergewichts an Blut aufnehmen.

Die Egel können bis das Fünffache ihres Körpergewichts an Blut aufnehmen.

Michel Lüthi

Blutegel als Medizin. Caroline Schreier praktiziert in Grenchen einen Aspekt der Heilkunde, der hierzulande fast in Vergessenheit geraten ist. Die Biologin und Naturheilpraktikerin erzählt, wie sie zu der bissigen Arznei gekommen ist. Missverständnisse und Mythen dazu zu beseitigen, ist der Etzikerin ein wichtiges Anliegen.

Caroline Schreier

Caroline Schreier

Michel Lüthi

«Eine Blutegelbehandlung kann sehr heilsam und wirksam sein, besonders bei Stauungszuständen. Sie ist aber kein Sonntagsspaziergang. Es gibt durch die gerinnungshemmenden Stoffe im Speichel der Tiere stundenlange Nachblutungen, was eine sorgfältige Überwachung der Bissstellen nötig macht.» Und: «Am Tag danach ist man nicht arbeitsfähig», sagt Schreier. Zudem gibt es wie bei jeder Arznei Risiken und Nebenwirkungen. Diese können im Fall der Blutegelbehandlung etwa Juckreiz, kleine Narben oder Schmerzen der Behandlungsstelle sein, die über mehrere Tage anhalten. Ganz selten könne es zu einem allergischen Schock kommen. Auch das hat die Therapieform mit vielen anderen medizinischen Behandlungen gemeinsam.

Zudem, fährt Schreier fort, eignet sich nicht jede Person von der Konstitution her für die Behandlung. Ein Fragebogen zur Befindlichkeit und zu bestehenden Erkrankungen sowie eine Betrachtung der Augen (Irisdiagnostik) helfen ihr abzuschätzen, ob jemand für eine Blutegelbehandlung in Frage kommt.

Blutegel sind keine Schönheitschirurgen

Schreier sagt: «Blutegel können bei verschiedenen Erkrankungen eingesetzt werden. Vor allem bei Arthrose von kleineren Gelenken, aber auch bei Bluthochdruck zeigen sie eine gute Wirkung.» Ein weiterer Anwendungsgebiet sind Krampfadern. Gerade bei Krampfadern sei die irrige Idee verbreitet, dass Blutegel äusserlich sichtbare Venen zum Verschwinden bringen. «Blutegel sind keine Schönheitschirurgen», stellt sie klar. Dabei ist die Behandlung selbst nicht etwa schmerzfrei. Betroffene vergleichen den Prozess des Anbeissens gelegentlich mit einem Wespenstich.

Michel Lüthi

Grundsätzlich steht Schreier Angaben kritisch gegenüber, die Blutegeleinsätze verharmlosen oder als Wundermedizin gegen alles und jedes Leiden propagieren. Blutegel seien ein Heilmittel unter vielen anderen. Für diese Therapie muss neben der passenden Konstitution die Bereitschaft vorhanden sein, die Tiere auf der Haut zu dulden. Wer sich davor ekelt oder ängstigt, ist mit anderen Behandlungsmethoden besser bedient.

Zugelassene Therapie

Das sagt der Kanton

Für die Zulassung der Blutegeltherapie im Kanton Solothurn war die Schaffung des eidgenössischen Diploms in der Naturheilpraktik ausschlaggebend. Blutegeltherapien seien damit fester Bestandteil dieser Ausbildung. Das schreibt Lukas Widmer, Leiter Aufsicht Gesundheitswesen. «Zentral ist, dass die Bezugsquelle der Blutegel gemeldet wird. Zudem besteht die Pflicht zur fachgerechten Entsorgung.» Weiter schreibt Widmer: «Kritisch ist aus Sicht des Gesundheitsamts nach wie vor, dass es weiterhin unklar ist, inwiefern Egel eine Rolle bei der Übertragung von Krankheiten spielen.» (dd)

Von der Faszination zum Selbstversuch

Schreier arbeitet seit der Zulassung der Blutegeltherapie im Kanton Solothurn 2017 in ihrer Praxis für Komplementärmedizin im ehemaligen Spital Grenchen mit den Tieren.

Dabei machen diese Behandlungen nur einen kleinen Teil ihrer Tätigkeit aus. Die Faszination für die schwarzen Blutsauger erwachte bereits vor ihrer Ausbildung zur Naturheilpraktikerin TEN, wo sie die Anwendung an sich selbst ausprobierte. Die Tatsache, dass Blutegel schon im Mittelalter Anwendung fanden, weckte ihr Interesse.

Zudem fasziniert sie, dass medizinische Gerinnungsfaktoren Stoffe aus dem Blutegelspeichel enthalten. Inzwischen würden diese Stoffe künstlich hergestellt. Heute noch verbreitet sei die Anwendung von Blutegeln in Russland. Da hätten viele Spitäler extra eine Abteilung dafür. Die Tiere, die Schreier einsetzt, bezieht sie aus Wil SG von der Ärztin Dominique Kähler Schweizer, die sich auf die Blutegelbehandlung und -zucht spezialisiert hat und dafür über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist.

Blutegel in der Region

Früher gab es sie in der Grenchner Witi

Flurnamen wie Igel- oder Egelsee waren früher häufig. So gibt es in der Grenchner Witi auf dem Stadtplan ein Gebiet namens Egelsee. Der 90-jährige Staader Max Gloor erinnert sich, dass er dort als Bub Blutegel fing, von Hand. Zwei Tümpel seien es gewesen, Nord und Süd. Blutegel habe es aber nur im Egelsee Nord gegeben. «Die Mutter hat die Blutegel an sich zum Schröpfen eingesetzt. Sie kannte eine Reihe bewährter Hausmittel für die Gesundheit», erzählt Gloor. Max Gloor hatte keine Lust, die Kur an sich selbst auszuprobieren. Deshalb habe er darauf geachtet, die Tiere nicht am Kopf anzufassen, sondern um die Körpermitte. Gebissen worden sei er nie. Von Blutegeln in der Witi habe er seit der Schulzeit nicht mehr gehört. «Ich denke, sie sind hier ausgestorben. Es ist schade, dass viel Wissen zur Gesundheit in den letzten Jahrzehnten verloren gegangen ist», sagt er. Ihm haben es besonders Kräuter angetan, die er im Garten zieht und die er zu Tinkturen für den Hausgebrauch verarbeitet. (dd)

Steht eine Blutegelbehandlung an, bestellt Caroline Schreier die Tiere einige Tage im Voraus. Meistens ein oder zwei mehr als benötigt werden. Denn es kann vorkommen, dass ein Blutegel den Transport nicht überlebt oder am Therapietag nicht beissen will oder kann. «Egel sind Mimosen. Sie mögen keine Erschütterung und müssen sich nach der Reise im Wasser erholen», sagt Schreier. Was die Tiere auch nicht mögen, seien Knoblauchausdünstung, Parfum und Seife.

Michel Lüthi

Manche Egel schlafen bei der Arbeit ein

Dann, zumeist an einem Freitag, gilt es ernst. Schreier platziert die Tiere am Einsatzort und hält sie mit einem Röhrchen fixiert, bis sie sich festgebissen haben. «Da gibt es Turbos, die sich in einer halben Stunde vollgesaugt haben und loslassen. Andere schlafen bei der Arbeit ein und müssen zwischendurch geweckt werden», erzählt die Naturheilpraktikerin.

Bis zum fünffachen des Körpergewichts könne ein Tier Blut aufnehmen (10 bis 20 Milliliter). Meistens dauere die Behandlung anderthalb bis drei Stunden. Dann würden die Bissstellen locker, aber dick verbunden und nach zwölf Stunden kontrolliert und frisch verbunden. Schreiers Erfahrung: «Längeres Nachbluten über mehrere Stunden ist Teil einer erfolgreichen Behandlung und bedeutet meist weniger Nebenwirkungen wie Schwellungen.»

Für den Blutegel bedeutet der Einsatz am Körper das Ende im Gefrierfach und dann die Entsorgung in der Kehrichtverbrennungsanlage. Blutegelbehandlungen gehören nicht zum Leistungskatalog der Grundversicherung der Krankenkasse. Dafür benötigen Patienten eine Zusatzversicherung in Komplementärmedizin. Wer die Behandlung selbst bezahlt, muss mit Kosten von einigen hundert Franken pro Anwendung rechnen. Übrigens finden Blutegel auch in der alternativen Tierheilkunde Anwendung.

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